Standpunkt

Unwort als Schlüssel

Print-Ausgabe 13. März 2026

Es ist ein denkbar schlechtes, ja fast ein Unwort: „Lebensraumperspektive“. So unaussprechbar dieses Wort auch ist, wird Lebensraumperspektive als Schlüssel für Österreichs Tourismuszukunft angesehen. Sie markiert einen grundlegenden Paradigmenwechsel. Denn „Lebensraumperspektive“ besagt, dass eine Destination nicht länger nur als reines Urlaubsziel betrachtet werden darf, der die Gäste in das Zentrum stellt, sondern als ein ganzheitlicher Lebensraum. Einen, den sich touristische Betriebe und jene, die von ihm abhängig sind, teilen – unabhängig davon, ob es sich um Einheimische, Gäste oder um die Natur handelt.

Anstatt Tourismus isoliert zu fördern, wie dies bei der DMO 1.0 – also der „klassischen“ Destination Management Organisa­tion – der Fall war, geht es nun bei der DMO 4.0 (dazwischen lagen die DMOs 2.0 und 3.0, die noch immer das Streben nach Ankünften und Nächtigungen als Hauptziel ansahen) um den ganzheitlichen Ansatz. Also um eine koordinierte Entwicklung, die Einheimische, Klimawandel, Overtourism und Customer Journey gleichermaßen berücksichtigt. Es dreht sich bei der DMO 4.0 alles um das Ökosystem vor Ort, um den Einsatz von KI (Künstlicher Intelligenz) und um Echtzeit-Besucherlenkung, inklusive „Lebensraumperspektive“.

Zentrale Kernpunkte der „Lebensraumperspektive“ bestehen aus dem Stellen der lokalen Bevölkerung in den Mittelpunkt der Betrachtungen (traditionelle Sichtweisen richteten sich fast ausschließlich nach den Bedürfnissen der Gäste), aus der Hinwendung zu qualitativem Wachstum (längst geht es nicht mehr um das Jagen nach neuen Rekorden bei Ankünften und Nächtigungszahlen), um die höhere Wertschöpfung pro Gast, und aus der Wandlung hin zur DMO 4.0, in der Tourismus nicht mehr über die Köpfe hinweg geplant wird. Auch der Erhalt von Kultur und Natur gehört dazu. Kurz: Es geht um die Schaffung ganzheitlicher Infrastruktur, die primär den Menschen vor Ort zugutekommt und von den Gästen einer Destination mitgenutzt werden kann.

Vorliegende T.A.I. setzt einen Schwerpunkt im Bereich dieser „Lebensraumperspektive“, wie die Beiträge um die erste gemeinsame Veranstaltung des Destinations-Netzwerks Austria (dna) und des Travel Industry Club Tourismus Austria (TICT), die „Kunst des Gleichgewichts“ von Florian Größwang, die neue Tourismusstruktur des OÖ Tourismus oder auch den Österreich-Auftritt auf der ITB Berlin 2026 zeigen.

Internationale Beispiele wie Kopenhagen, Brügge, Freiburg im Breisgau, dem Allgäu, der Nordseeinsel Borkum oder auch in Übersee, wie Vancouver, zeigen auf, welche Wege durch das Destinationsmanagement 4.0 mit „Lebensraumperspektive“ erfolgreich beschritten werden können. Bei allen hob und hebt sich dadurch nicht nur die Attraktivität der Destination und der Wertschöpfung, sondern auch die Lebensqualität der lokalen Bevölkerung.
So sehr „Lebensraumperspektive“ auch als Unwort gilt, – auch Anglizismen à la „place-based development perspective“ bieten hier noch keine Lösung –, es führt kein Weg an ihr vorbei. Geht es doch um die Erhaltung des attraktiven, nachhaltigen und wirtschaftlich gesunden Lebensraums für die Menschen in touristischen Gebieten, von Stadtzentren bis in alpine Seitentäler, bricht dem „Unwort“ nicht alleine eine Lanze der

Lupo

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