ÖRV Frühjahrskongress

„No free lunch“ bei der KI! Technik laut ÖRV-Kongress gestaltbar

Print-Ausgabe 15. Mai 2026

Hannes Werthner
„Es gibt für KI keine allgemein anerkannte Definition, außerdem gilt ‚No free lunch‘“, so Hannes Werthner beim ÖRV-Kongress

KI bildete neben der Nahostkrise den Themenschwerpunkt beim ÖRV-Frühjahrskongress – ein Vortrag, jener von Hannes Werthner, ragte dabei besonders heraus

Es war, wie T.A.I. mehrfach attestiert wurde, der mit Abstand beste Vortrag des Frühjahrskongresses des ÖRV (Österreichischer ReiseVerband), der Mitte April im Hotel Werzer‘s in Pörtschach abgehalten wurde. Die Rede ist vom Vortrag von Prof. Hannes Werthner, den der 2019 emeritierte Dekan der „Fakultät für Informatik“ an der TU (Technische Universität) Wien am zweiten Tag des ÖRV-Kongresses hielt. Hannes Werthner ist Jahrgang 1954, also bereits ein 72-jähriger „Oldie“, aber extrem „auf Zack“, wenn es um KI (Künstliche Intelligenz) oder Digitalisierung geht. Der Titel seines Vortrages lautete dann auch „Digitaler Humanismus – über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz“. Diese ist, wie Hannes Werthner meinte, „gestaltbar – nicht gottgegeben“. Und noch etwas gab er den darüber verdutzten Reiseprofis mit auf den Weg: „Es gibt für KI keine allgemein anerkannte Definition.“

Insider kennen Hannes Werthner bestens. So entwickelte er für die Tirol Werbung das „Tiroler Tourismus Informationssystem“ (TIS), also das Tourismusbuchungssystem „Made-in-Austria“ namens „Tiscover“. Es war bis zum Millennium laut Hannes Werthner „das führende Web-Hotelbuchungssystem der Welt.“ Danach wurde Tiscover „von einem unwissenden Landeshauptmann zerstört“, wie Hannes Werthner betonte. Wenige Jahre später, man schrieb das Jahr 2004, wurde ihm die Verantwortung zur Umsetzung eines europäischen Tourismusportals übertragen.

Die digitale Transformation, in der sich auch die Reisebranche seit Jahrzehnten befindet, sei für ihn „kein rein technischer Wandel, sondern ein komplexer sozioökonomischer Prozess.“ Sie benötige „als öffentliches Gut Partizipation.“ Die Frage für ihn lautet: „Welche digitale Zukunft wollen wir als Gesellschaft gestalten?“

KI oder AI (Artificial Intelligence), wie sie auch genannt wird, liefere überraschende Leistungen und steigere die Produktivität. Gleichzeitig gilt für sie aber: „No free lunch“. Was das bedeutet? Hannes Werthner: „‚Black Box‘, ‚Bias‘ (Voreingenommenheit), ‚Fake News‘, ‚Copyright‘-Fragen, Energieverbrauch und neue Anforderungen am Arbeitsmarkt gehören zur Realität von Künstlicher Intelligenz dazu.“

Foto: © ORF Kärnten

Zur digitalen Transformation meinte Hannes Werthner, dass „digitale Systeme längst prägen, wie wir kommunizieren, entscheiden und die Öffentlichkeit organisieren. Mit menschenähnlichem Design stellt sich umso dringlicher die Frage, wie wir Ergebnisse prüfen und einordnen.“ Jedenfalls sei, wie Hannes Werthner betonte, „der Mensch keine Maschine und eine Maschine kein Mensch.“ Der digitale Humanismus setze genau hier an. Technik sei eben nicht gottgegeben, sondern gestaltbar „und damit eine Herausforderung an uns als Individuum und als Gesellschaft.“

Die zentrale Frage lautet für ihn, „wieviel Wissen müssen wir haben, um Wissen bewerten zu können? Soll Technik uns unterstützen oder ersetzen?“ Für Hannes Werthner seien die KI-Schwerpunkte logikbasierend (z.B. Anwälte) und datenbasierend (also „machine learning“ sowie die LLMs – Large Language Models und die viel gepriesenen KI-Agents).

Der letzte Redner des ÖRV-Kongresses, der Schweizer Ethik-Professor Peter G. Kirchschläger (Universität Luzern) tat sich bei seinem ebenfalls KI-basierenden Vortrag deutlich schwerer. Seine Analyse mündete in der Forderung nach einem „neuen, menschenrechtsbasierten Gesellschaftsmodell“. Sein Lösungsansatz, der allerdings vom Auditorium mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurde, ist das SERT-Modell (Society Entrepreneurship Research Time Model). Es sieht vor, dass es ein bedingtes Grundeinkommen geben sollte, das nicht nur ein menschenwürdiges Dasein schaffen, sondern auch eine Verpflichtung zur „Society Time“ könnte, worunter Peter G. Kirchschläger „Zeit für notwendige menschliche Aufgaben, Sinnstiftung und gesellschaftlichen Zusammenhalt“ versteht. Kirchschläger: „Unser Wirtschaftssystem verabschiedet sich gerade vom Ziel der Vollbeschäftigung. Das ist ethisch unverantwortlich, weil es eine systemische Veränderung mit sich bringt.“

Die übrigen Vorträge des ÖRV-Frühjahrskongresses, der wie immer einen seiner Schwerpunkte auf Networking der rund 170 Teilnehmer:innen legte, spannten einen breiten Bogen vom „Race Across America“ über die Aufgaben einer Konzertmeisterin sowie einer Diskussion mit der Direktorin des Slowenischen Tourist Boards in Österreich, Žana Marijan, an der auch die Chefin des Reiseveranstalters TSL Reisekultur, Regina Rauch-Krainer, teilnahm, bis hin zu einem überaus launigen Vortrag des Zukunftsforschers Matthias Horx („Es gibt sinnvolle, gefährliche und toxische KI“) reichte, um nur einige Programmpunkte zu nennen. Jener von Brigadier i.R. Walter Feichtinger über die „geopolitische Lage im Nahen Osten“ sowie die vorangegangene Generalversammlung des ÖRV findet sich unter www.tai.at/touristik/reisebueros-veranstalter/stillstand-in-nah-ost-oerv-vortrag-des-csa-praesidenten-hat-an-brisanz-nichts-eingebuesst

Spannende Podiumsdiskussion am ÖRV-Kongress (v.l.): Moderator Roman Brauner (Sabre), Žana Marijan (Slowenisches Tourist Board), Regina Rauch-Krainer (TSL Reisekultur) sowie Georges Desrues (Journalist & Autor) - Foto: © Florian Albert, RRK
Interessant ist ergänzend dazu folgender weiterführender Bericht:
ÖRV – Österreichischer ReiseVerband

Frühjahrskongress im Zeichen der Erneuerung! ÖRV zwischen Iran-Krise und Kuhglocke

19. April 2026 | Reisebüros & Veranstalter

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