Martin Schaffer und Susanne Kraus-Winkler
Aktuelle WKO- und MRP Hotels-Umfragen

Hotellerie will mit grundlegendem Strukturwandel zurück zu alter Stärke

T.A.I. 24 Top News

Rückblicke und Ausblicke zur aktuellen Stimmungslage in der Hotellerie lieferten Susanne Kraus-Winkler / Obfrau des Fachverbands Hotellerie in der WKO (am Bild r.) und Martin Schaffer / Managing Partner bei den MRP Hotels (l.) im Zuge eines Pressegesprächs, das heute im Haus der Wirtschaft in der WKO Wien abgehalten wurde. Vorgestellt wurden einerseits die Ergebnisse einer aktuellen, breit angelegten Umfrage des Fachverbandes zur derzeitigen Situation in der Branche. Auf der anderen Seite präsentierten die MRP Hotels eine Studie, die in den vergangenen zwei Jahren die österreichische Hotellerie beleuchtete und analysierte.

Dass die Lage nach wie vor angespannt ist, war bereits vor Beginn der Pressekonferenz bekannt. Wie T.A.I. bereits berichtete, hatten die heimischen Beherbergungsbetriebe im Vorjahr herbe Rückgänge zu verbuchen. So zeigt sich in Österreich ein Ost-West-Gefälle, im Vergleich zu 2019 wurde 2021 z. B. im Burgenland ein Nächtigungsrückgang von 20,3 % verzeichnet, während es in Salzburg -53,4 % waren. Im Osten stellt Wien die einzige Ausnahme dar (-71,6 %), dessen Stadthotellerie naturgemäß stark vom Ausbleiben ausländischer Gästen betroffen war. Laut Susanne Kraus-Winkler sei die Situation aber in ganz Österreich weiterhin volatil, es gelte in naher Zukunft an den richtigen Schrauben zu drehen, um nach zwei Jahren Corona wieder zu alter Stärke zu finden. Auch Martin Schaffer zeigte sich vorsichtig, was die Zukunftsprognosen betrifft: „Wer geglaubt hat, dass die Krise vorbei ist, irrt. Nach Corona sind die Ukraine-Krise und die Inflation als neue Probleme aufgetaucht.“

Längere Aufenthaltsdauer, weniger Tagungsnächtigungen

Inländische Reisende haben 2021 im Vergleich zu 2019 und 2020 an Marktanteilen gewonnen, nächtigungsstarke Länder wie Deutschland und die Niederlande waren auch im Vorjahr die wichtigsten Quellmärkte. Eine Veränderung zeichnete sich auch bei der Aufenthaltsdauer ab, im ersten Pandemiejahr 2020 hat sich die durchschnittliche Dauer um 18,3 % verlängert. Dies entspricht einem Gegentrend zu den vergangenen Jahren und resultierte aus den Veränderungen im Gästesegment und aufgestauten Urlaubstagen. Bei den Tagungsnächtigungen hat sich der Anteil an den Gesamtnächtigungen von 3,5 % in 2019 auf 0,9 % im Jahr 2021 verkleinert. Heuer finden die Kongresse zwar wieder weitgehend statt, die Nachfrage seitens der Teilnehmer*innen ist aber laut Susanne Kraus-Winkler noch verhalten. Genaueres wird sich erst im Herbst zeigen. Es zeichnet sich jedoch bereits jetzt ab, dass die medizinischen Kongresse ein schnelleres Comeback erleben als andere Tagungen.

Die Hotelbetriebe verloren in den vergangenen beiden Jahren mehr Gäste als das Ferienwohnungssegment. 4- und 5-Sterne-Hotels mussten 2021 landesweit einen Rückgang von 49,8 % gegenüber 2019 verbuchen, bei den 3-Sterne-Hotels lag der Wert bei -52,4 %. Das Bettenangebot hingegen hat sich kaum verändert und lag in den letzten beiden Jahren etwa auf dem Niveau von 2019. Bei den Ferienwohnungen waren private Betriebe stärker betroffen als jene, die gewerblich geführt wurden. 78 % des gesamten Rückgangs an privaten Ferienwohnungen wurden allein in Wien verzeichnet, wo Airbnb-Einheiten wieder ihrer ursprünglichen Verwendung als Mietwohnungen zugeführt wurden. So ist es auch keine Überraschung, dass der private Wiener Ferienwohnungsmarkt 2021 um mehr als die Hälfte geschrumpft ist.

Sicherheit und Sauberkeit spielen bei Buchung größere Rolle

Für den Sommer 2022 ist die Erwartungshaltung laut Susanne Kraus-Winkler erfreulicherweise gut: 56 % der Betriebe sind mit der Nachfragesituation für den Sommer sehr zufrieden bzw. zufrieden. Außerdem wird mit einer höheren Auslastung als in der Sommer-Vorsaison gerechnet. So erwarten sich rund zwei Drittel der Betriebe eine Auslastung von mehr als 50 %. Ein Drittel rechnet sogar mit einer Auslastung von über 70 %.

Knapp 40 % der Betriebe geben an, dass Sicherheit und Sauberkeit verstärkte Buchungskriterien sind. 83 % der Betriebe nehmen eine verstärkte Zunahme bei der Kurzfristigkeit der Buchungen wahr. Wurde bis 2019 noch zwei Wochen im Vorhinein gebucht, beträgt die Spanne heutzutage eher zwei Tage. Dies führe laut Schaffer zum „Tod der vorgedruckten Preisliste“, da zusehends flexibel kalkuliert werden müsse. 46 % der Betriebe verbuchen eine Zunahme bei Anfragen/Buchungen von Gästen aus Österreich. 27 % verzeichnen eine Zunahme von Gästen aus Deutschland. Bei Gästen aus den Niederlanden und der Schweiz kommt es eher zu Rückgängen. 46 % merken bei den Anfragen/Buchungen der Gästen aus Großbritannien einen Rückschritt, 40 % bei Gästen aus Asien sowie den USA.

Ukraine-Krise überlagert zusehends die coronabedingten Effekte

Zu den künftigen Herausforderungen, mit denen sich die Hotellerie in Österreich konfrontiert sind, gehören laut den Studien der Bedarf an Mitarbeiter*innen (durch die Pandemie sind ca. 35.000 Personen in andere Branchen abgewandert), die Nachhaltigkeit und der Insolvenzrückstau. Hinzu kommen die aktuelle Inflation bzw. der Profitabilitätsverlust und der Konflikt in der Ukraine. Die Folgen des russischen Angriffskrieges überlagern zunehmend die coronabedingten Effekte. Aktuelle Preissteigerungen, besonders bei Energie und Lebensmitteln, spiegeln sich bereits in den Zahlen wieder, jedoch stehe diese Entwicklung erst am Anfang. Im „Best Case“ Szenario kommt es in den Bereichen F&B zu einer Steigerung von 4 %, bei den Energiekosten um 4,5 % und bei den Personalkosten um 10 %. Im „Worst Case“ kommen die Zahlen jeweils beim doppelten Wert zu liegen.

Was hat sich in den letzten beiden Jahren verändert und wie wahrscheinlich ist es, dass die Veränderungen gekommen sind um zu bleiben? Betriebe müssen sich längerfristig auf veränderte Gästeansprüche einstellen, „Durchschnitt“ sei nicht mehr ausreichend, es bedarf einer Weiterentwicklung von Konzepten und einer guten Kalkulation. Auch die Herkunftsmärkte werden sich laut WTO verändern, der starke Ansturm aus den Nahmärkten wird von einer Verdoppelung der Gäste aus den Fernmärkten China, Südkorea und Indien bis 2030 abgelöst. Auf lange Sicht wird sicher Markt erholen, auch Kongresse, Events und Messen werden zurückkehren. Auch wenn die letzten Jahre mit großen Einbußen verbunden waren, sowohl in privater als auch finanzieller Sicht, die Reiselust ist ungebrochen und die internationale Nachfrage wird weiter steigen.

Interessant ist ergänzend dazu folgender weiterführender Bericht:

Umsätze noch tiefer im Keller: 2021 sorgte für weiteren Rückgang >>>

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