Print-Ausgabe 15. Mai 2026

Auch wenn der Eurovision Song Contest wirtschaftlich kein „Milliarden-Event“ gewesen sein wird, die Möglichkeiten für Wien waren großartig und wurden entsprechend genutzt
Der Eurovision Song Contest (ESC) 2026 in Wien – es handelt sich insgesamt um den 70. – ist bereits fast Geschichte: Der große Finalabend geht am Samstag, dem 16. Mai 2026, über die Bühne. Zu spät für vorliegende Ausgabe, die bereits am 15. dieses Monats erschienen ist. Der WienTourismus hat sich jedenfalls intensiv auf diesen Top-Event vorbereitet, wie dessen Geschäftsführer Norbert Kettner betont: „Mit insgesamt sechs ‚Welcome Desks‘ an zentralen Standorten unterstützte der WienTourismus die Gäste während ihres Aufenthalts – mit dem Ziel, dass sie als überzeugte Wien-Fans wieder nach Hause reisen.“ ESC-Fans reisten aus über 80 Ländern an, für die Wien ein vielfältiges Programm an Side-Events in der gesamten Stadt angeboten hatte, begleitet von persönlicher Betreuung vor Ort.
Österreich war zum dritten Mal Eurovision Song Contest-Gastgeber, nach den ESC-Ausgaben 1967 (vorangegangen war der Gewinn von Udo Jürgens mit „Merci Cherie“ 1966), 2015 (dem Gewinn durch Conchita Wurst mit „Rise Like a Phoenix“) sowie dem vorjährigen Sieg durch JJ mit seinem Song „Wasted Love“. Austragungsstätte war einmal mehr die Wiener Stadthalle, die bereits 2015 den ESC beherbergt hat. 1967 wurde der ESC im „Großen Festsaal“ der Wiener Hofburg inszeniert.
Der diesjährige Event findet und fand in der „Halle D“ der Stadthalle statt, der rund 10.000 bis 11.000 Zuschauer:innen pro Live-Show fasste. Theoretisch wären bis zu 16.000 Plätze möglich gewesen, aber das wurde beim ESC wegen Bühne, Kameras und Technik nicht vollständig genutzt (ESC-Bühnenkonfiguration). Doch auch abseits wurde und wird an die ESC-Fans gedacht: So verwandelte sich das Wien Museum zwischen 11. und 16. Mai in ein „Eurofan House“ mit Interviews von ESC-Künstler:innen, Paneldiskussionen, ESC-Führungen durch das Museum etc. und das bei freiem Eintritt.
Ergänzt wurde und wird dies vom „Haus der Geschichte“ in der Neuen Hofburg mit Objekten aus der österreichischen ESC-Historie (u.a. JJs Bühnenbild aus dem Jahr 2025, das Kleid, das Conchita Wurst 2014 bei ihrem Sieg trug). Das „QWien“ (Zentrum für queere Kultur und Geschichte) widmete sich in einer Sonderausstellung voll und ganz der queeren ESC-Geschichte. Das „Technische Museum Wien“ organisiert noch bis 17. Mai ein umfangreiches ESC-Sonderprogramm mit Infobereichen im Festsaal sowie zahlreichen Mitmach-Stationen im ganzen Haus. Im Naturhistorischen Museum Wien (NHM) führte ein ESC-Themenpfad zu 35 Tierobjekten der Schausammlung, die auf die 35 teilnehmenden Länder abgestimmt waren (vor allem aus Europa sowie „Gastländer“ wie Australien oder Israel).
Dazu kommen und kamen „Public Viewing Locations“, die über ganz Wien verteilt sind und waren, vom „Eurovision Village“ am Wiener Rathausplatz, über die „Strandbar Hermann“ am Donaukanal neben der Urania, der „Theaterbühne“ der Wiener Volksoper oder in der Ottakringer Brauerei, im 25hours Hotel, im „Alten AKH“, im Palais Auersperg, im Hotel Sans Souci etc. Insgesamt gab und gibt es an die 20 „Public Viewing Locations“ rund um den ESC in Wien.
Zum ESC 2026 wurden rund 88.000 zusätzliche Besucher:innen erwartet. Eine optimistische Schätzung sprach sogar von rund 100.000 Ticket- und Eventbesucher:innen. Allgemein wird davon ausgegangen, dass der ESC wirtschaftlich kein „Milliarden-Event“ gewesen sein wird, aber ein sehr effizienter, kurzfristiger Tourismus- und Gastronomie-Booster mit starkem internationalen Werbeeffekt. Als Wertschöpfung für Österreich werden laut einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts ECO Austria rund 52 Mio. Euro erwartet, der Gesamtnachfrageimpuls dürfte bei ca. 57 Mio. Euro liegen und als ROI (Return on Investment) wird von etwa 1,7 Euro Wertschöpfung pro 1 Euro öffentlicher Ausgabe gerechnet. Ob all diese Zahlen stimmen, wird sich in naher Zukunft weisen.
Größter direkter Hebel war und ist mit Sicherheit der Tourismus, denn bei den ca. 88.000 zusätzlichen Besucher:innen handelt es sich um einen großen Teil internationaler Gäste, die mehrtägige Aufenthalte buchen. Dazu kommen natürlich Tagesgäste, Medien und die Crews. Alle zusammen sollten ca. 21 Mio. Euro an direkten touristischen Ausgaben erzeugen, vor allem durch zusätzliche Übernachtungen in Wien während der ESC-Woche sowie in der Gastronomie.
Ob die Wiener Hotels so stark ausgelastet gewesen sein werden, wie die zum Teil Preissteigerungen von bis zu +70 % suggerierten, wird von Insidern bezweifelt. Laut ÖHV (Österreichische Hotelvereinigung) waren während der ESC-Zeit vor allem Hotels im niedrigeren und mittleren Segment gut ausgelastet, in den höheren Kategorien war die Auslastung weniger hoch. Der Grund: In den Wochen vor und nach dem ESC fanden und finden kleinere Tagungen nicht statt und auch Individualgäste weichen auf andere Reiseziele oder -zeiten aus.
Nichtsdestotrotz stellte der ESC einen immensen Werbewert für die Stadt dar: Wien stand und steht eine Woche lang im Zentrum des internationalen Medieninteresses. Rund 160 Mio. TV-Zuschauer:innen verfolgen und verfolgten die 70. Ausgabe des ESC weltweit. „Wir gehen in Summe von einem Werbewert im dreistelligen Millionenbereich aus“, schätzt WKW-Präsident Walter Ruck. Der geschätzte Medienwert dürfte bei rund 730 Mio. Euro liegen.
Zurück zum WienTourismus: Er organisiert bis Ende Mai 2026 eine „Eurovision Song Contest Challenge“. Basis dafür ist „ivie“, die offizielle Host City App (rund eine halbe Million Nutzer:innen sind darin jährlich aktiv). Präsentiert wurde die Challenge Ende April von Bürgermeister Michael Ludwig und Norbert Kettner. Die digitale Quiz-Rallye (Besucher:innen haben die Möglichkeit, Punkte zu sammeln, als Hauptgewinn winkt ihnen ein Wochenende in Wien für zwei Personen) führt zu ausgewählten Orten der Bundeshauptstadt, die eng mit der Geschichte des ESC verbunden sind. Norbert Kettner: „Mit diesem Angebot sprechen wir gezielt das junge, international vernetzte und ‚social media‘ affine Publikum des ESC an – ein Publikum, das allein beim letzten ESC-Bewerb mehr als 2 Mrd. digitale Aufrufe generierte.“
Erstellt am: 15. Mai 2026