Ja, ich bin neugierig. Schon als Kind habe ich im Kopf Filme gedreht, in denen ich Geschichten über Menschen, denen ich über den Weg lief, erzählte. Das mache ich heute noch. Beruflich. Es sind meist kleine Details, an denen ich hängen bleibe – und aus denen Texte werden. Meist recherchiert. Manchmal (und ausgewiesen) Kopfkino-Erzählungen. Oder Geschichten über die ungestillte Neugierde.

Ein steter Quell der Inspiration ist da das „Sozialfenster“ – unser in den Hof führende unterste Fenster im Stiegenhaus: Hier legt man ab, was man nicht mehr braucht, was aber Andere noch haben wollen könnten. Eine feine Einrichtung, die es – so oder ähnlich – an vielen Orten gibt.

Ich selbst habe da aber noch nie etwas genommen: Mein Bedarf an alter Kinderkleidung, Eislaufschuhen oder Stabmixern ist enden wollend. Radiowecker, profil-Jahrgänge 1989-1996, Videokassetten? (Fast) alles findet Abnehmer. Kaum etwas liegt hier länger als zwei Tage.

Und genau das macht dieses Fenster spannend: Wer besitzt heute noch Audiokassetten mit Marschmusik? Wer trennt sich 2017 von einem Stapel Groschenromane? Und noch spannender: Wer nimmt sich das? Wer hat heute noch Kassettenrekorder und liest Ärzte- und Prinzessinnenromane? Und zwar nicht „irgendwo“ – sondern nebenan: Das sind meine Nachbarn. Menschen im gleichen Haus. Menschen, die ich täglich grüße – und die in einer völlig anderen Welt leben. Das ist spannend – aber auch ein wenig spooky.

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Erstellt am: 20. Oktober 2017

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