IATA (International Air Transport Association)

Spießroutenflug zwischen Krieg, Omikron, Kerosin & schwarzer Liste

Print-Ausgabe 18. März 2022

IATA-Generaldirektor Willie Walsh sieht sich seit dem Ukraine-Krieg mit zusätz­lichen Herausforderungen konfrontiert


 

Die seit Jahresbeginn spürbare Erholung der Luftfahrt-Buchungen verzeichnete Ende Februar einen deutlichen Knick – es ist nicht die einzige Herausforderung

Eine Atempause hätte die Luftfahrt verdient, doch meistens kommt es anders als gedacht. Und so sehen sich die Airlines seit November 2021 nicht nur mit ständig neuen Höchstwerten zustrebenden Kerosin-Preisen konfrontiert, sondern seit Ende Februar 2022 auch mit den nicht abschätzbaren Auswirkungen von Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine. Beides hat die Finanzprognosen der IATA (International Air Transport Association) komplett über den Haufen geworfen. „Im Herbst 2021 erwarteten wir, dass die Luftfahrtindustrie 2022 bei einem Kerosinpreis von 78 Dollar/Barrel und einem Anteil von 20 % an den Kosten 11,6 Mrd. Dollar verlieren würde“, zeigte sich Anfang dieser Woche Generaldirektor Willie Walsh betroffen. „Am 4. März wurde Kerosin zu einem Preis von über 140 Dollar/Barrel gehandelt.“

Diese Spitze ist mittlerweile zwar wieder etwas gesunken, aber sie übertraf an Intensität jene Höchstwerte, die 2011 und 2012 erreicht wurden (damals erreichte der Durchschnittswert 124,6 Dollar/Barrel). Diesen massiven Kostenanstieg zu verkraften, sei „für eine Branche, die nach der bereits zwei Jahre währenden Pandemie um Reduzierung ihrer Verluste kämpft, eine große Herausforderung.“ Damit sind die für 2022 erwarteten operativen Verluste von –18 Mrd. Dollar (alle Weltregionen im Minus, nur Nordamerika im Plus) nicht mehr zu halten. Wo sie landen werden, wird sich weisen.

Während sich bei COVID eine „Bewegung in die richtige Richtung“ abzeichne (mit Ausnahme von China, wo es keine Anzeichen für eine Lockerung der Null-COVID-Strategie gebe), sieht Willie Walsh in der Eskalation des Konflikts zwischen der Ukraine und Russland „erhebliche Auswirkungen auf die Luftfahrt-
industrie“. So brachte Russlands Einmarsch den, in den Wochen zuvor deutlich feststellbaren, „dynamischen Aufwärtstrend“ zum Stillstand. Teilweise ging’s sogar wieder abwärts.

Trotz Omikron erreichten die Inlandsbuchungen – global gesehen – fast 90 % des Vorkrisen-Niveaus, die internationalen Buchungen überstiegen erstmals die 50 %-Marke. Ab dem 24. Februar gingen die Buchungen im Vergleich zur Vorwoche um –8 % zurück. Willie Walsh: „Dieser Rückgang war sowohl bei den inländischen als auch bei den internationalen Buchungen zu beobachten.“

Lokal gesehen waren – wenig überraschend – bei den Inlandsreisen Russland und die Ukraine betroffen. Ein Teil des Rückgangs der Inlandsnachfrage ist darüber hinaus saisonbedingt auf das Ende der Neujahrsferien in China zurückzuführen. Doch auch Buchungen für internationale Reisen in der Region Europa waren ab 24. Februar rückläufig und zwar um –14 % gegenüber der Vorwoche. Grund dafür waren vor allem die Nachfragerückgänge bei Flügen von und nach osteuropäischen Ländern.

Die Ukraine und Moldawien verzeichneten negative Nettobuchungen (d.h. es gab mehr Erstattungen als neue Ticketverkäufe). In Russland gingen die Buchungen um –52 % zurück. Die Nachbarländer der Ukraine verzeichneten zwar einen Nachfragerückgang bei ankommenden Reisenden, im Gegenzug aber einen Anstieg der Buchungen für abgehende Flüge – vor allem von Flüchtlingen in Richtung westeuropäischer Ziele.

Eine unterschiedliche Entwicklung gab es am Balkan. Buchungen nach Kroatien und Slowenien sind im Vergleich zu den Wochen vor Ausbruch des Krieges um –30 % bis –50 % zurückgegangen. Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Montenegro und Kosovo verzeichneten Buchungsrückgänge zwischen –10 % und –30 %, während die Buchungen für Flüge nach Serbien um weniger als –10 % zurückgingen.

Laut IATA-Analyse war der innereuropäische Flugverkehr nach Russlands Einmarsch stärker betroffen als der Transatlantikverkehr. Die Flugbuchungen innerhalb Europas gingen im Durchschnitt um –23 % zurück, während sie aus den USA um –13 % sanken.

Innerhalb der IATA wurden bereits personelle Konsequenzen gezogen: So warf der Verband Aeroflot CEO Michail Polubojarinow aus seinem Gouverneursrat. Er war erst im Oktober 2021 für eine dreijährige Amtszeit bis 2024 wiedergewählt worden. Der Gouverneursrat gilt als das Leitungsgremium der IATA und setzt sich aus 31 Personen zusammen, allesamt sind CEOs der insgesamt 290 Mitgliedsfluggesellschaften der IATA. Michail Polubojarinow wurde Mitte voriger Woche von der EU im Rahmen der Sanktionen gegen Russland auf die schwarze Liste gesetzt.

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