Folgen des Angriffskrieges gegen die Ukraine

Russlands Luftfahrt im Sinkflug! Sanktionen zeigen starke Wirkung

Print-Ausgabe 20. Mai 2022

Volodymyr Bilotkach, Professor für Luftverkehrsmanagement am Singapore Institute of Technology

Für Volodymyr Bilotkach ähnelt die aktuelle Lage einer „Rückkehr zur Vergangenheit des Kalten Krieges“


 

Flughäfen schließen, mehr und mehr Flugzeuge bleiben am Boden, Wartungsprobleme mehren sich – Ticketverkäufe sanken im März und April um 33 %

Zwei Monate nach Beginn von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine zeigen die ausgerollten Sanktionen – Flugverbot der meisten europäischen und nordamerikanischen Länder für russische Airlines, Verkaufs- und Leasing-Verbot amerikanischer und europäischer Hersteller, Verbot jeglicher, technischer Unterstützung – ihre volle Wirkung. Rosaviatsiya, Russlands Bundesagentur für Luftverkehr, musste bereits 11 Flughäfen aus Sicherheitsgründen schließen. Auch die Nachfrage nach Inlandsflügen ist stark rückläufig: So sanken die Ticketverkäufe auf dem Reiseportal tutu.ru im März und April um 33 % gegenüber dem gleichen Zeitraum 2021. Bei Aeroflot gingen die Passagierzahlen im März (letzte verfügbare Zahlen) um 20,4 % zurück.

Viele Flughäfen sahen sich gezwungen, Mitarbeiter*innen zu entlassen oder zu beurlauben, wie z. B. Moskaus größter Airport, Scheremetjewo, wo nahezu ein Fünftel des Personals betroffen ist. Die Situation könnte sich laut Volodymyr Bilotkach, Professor für Luftverkehrsmanagement am Singapore Institute of Technology, über einen längeren Zeitraum hinziehen. Auch der gesperrte Zugang zu Ersatzteilen und Wartung wird zum Problem. Von den 202 Maschinen der Aeroflot sind nur 33 russischer Provenienz (Suchoi Superjet 100), der Rest besteht aus Airbus (109) und Boeing (60). Doch auch der Superjet bereitet Schwierigkeiten: Dessen Triebwerke stammen von PowerJet (Joint Venture zwischen Russlands NPO Saturn und dem französischen Unternehmen Safran). Die Triebwerks-Produktion wurde bereits im März eingestellt. Viele Airlines haben zudem angekündigt, ihre Flugzeuge wegen des fehlenden Zugangs zu Ersatzteilen am Boden zu lassen.

Das russische Verkehrsministe­rium geht davon aus, dass der Passagierverkehr nicht vor 2030 das Vor-Pandemie-Niveau erreicht. Bis 2025 dürfte außerdem, aufgrund der Wartungsprobleme ausländischer Flugzeuge, die Hälfte der russischen Flotte für Ersatzteile demontiert werden. Für Volodymyr Bilotkach – er ist in Kiew aufgewachsen – ähnelt die aktuelle Lage einer „Rückkehr zur Vergangenheit des Kalten Krieges, als die sowjetische Luftfahrt in Bezug auf Technologie, Herstellung, Vorschriften fast vollständig vom Rest der Welt getrennt war.“ Doch anders als im Falle der Sowjetunion, zweifelt er daran, dass Russland diese Situation meistern kann.

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