T.A.I.-Exklusivinterview

„Sind über die Mitte des Hurrikans. Jetzt geht’s um die Aufräumarbeiten“

Print-Ausgabe 24. April 2020

Ab Ostern neigt sich traditionell die Wintersaison ihrem Ende zu, mit Mai startet das Sommerhalbjahr. Doch heuer war und ist alles anders: Der Winter kam Mitte März abrupt zum Stillstand, vom Sommer ist weit und breit nichts zu sehen. Und die Hotellerie befindet sich inmitten einer Zwangsschließung. Unter welchen Umständen sie ab Mitte Mai ihre ersten Gäste wieder empfangen darf, wird erst in den kommenden Tagen kommuniziert. Dazu kommen enorme finanzielle Unsicherheiten. Genügend Stoff für ein ausführliches Interview mit Markus Gratzer, dem Generalsekretär der ÖHV (Österreichische Hoteliervereinigung). Er empfing den – wie es derzeit Brauch ist – mit Mundschutz und Handschuhen versehenen T.A.I.-Redakteur in den neuen ÖHV-Büroräumlichkeiten mit grandiosem Blick auf den Botanischen Garten im dritten Wiener Bezirk.

T.A.I.: Sie sind mitten in der Corona-Krise in ein neues Büro übersiedelt. Gab es da keinen geeigneteren Zeitpunkt?

Gratzer (lacht): „Das war schon lange geplant und sollte im März stattfinden. Dann kam die ganze Corona-Krise dazwischen, die von unserem ganzen Team vollen Einsatz erfordert. Wir haben die Übersiedlung aber trotzdem über die Bühne bringen können.“

T.A.I.: Wie groß ist das ÖHV-Team?

Gratzer: „Wir sind insgesamt 18 Mitarbeiter. Die Hälfte davon ist üblicher Weise im Seminar- und Veranstaltungsbusiness tätig, die andere Hälfte für Mitgliederarbeit und Lobbying. Derzeit sind aber alle, die meisten vom Homeoffice aus, für unsere Mitglieder und die Lobbying-Arbeit im Einsatz. Die hat an Intensität extrem zugenommen.“

T.A.I.: In welcher Form? Was setzen Sie konkret für Aktivitäten?

Gratzer: „Zum Beispiel die Aktion ‚ÖHV-Partner helfen‘, damit die Betriebe die derzeitigen Herausforderungen bestmöglich meistern und nach der Krise wieder durchstarten können. Die Maßnahmen betreffen die unterschiedlichsten Bereiche. ÖHV-Mitglieder erhalten dabei Vergünstigungen, Sonderangebote und Know-how, von kostenlosen Webinaren bis hin zur Gutscheinlösung.

Ebenso bereiten wir derzeit gemeinsam mit Experten einen Hygiene-Leitfaden vor, wo alles operativ dargestellt wird und Tipps für die Umsetzung gegeben werden. In unserem ÖHV-Newsletter, der jetzt wöchentlich erscheint, teilweise sogar öfter, berichten wir laufend darüber, welche Änderungen es gibt, arbeiten die Themen auf und erklären, was das für die Betriebe bedeutet. Und wir sind ständig im Austausch mit dem WIFO, mit Steuerberatern und Experten, um die Branche positiv durch die Krise zu begleiten.

Die Corona-Infos auf unserer Website (www.oehv.at/corona) haben wir übrigens für die ganze Branche freigeschaltet, nicht nur für unsere Mitglieder. Die Visits sind explodiert. Wir haben dadurch auch neue Mitglieder dazugewonnen.“

T.A.I.: Kommen wir zu den von der Regierung gesetzten Maßnahmen. Aus unseren Gesprächen mit Hoteliers und TouristikerInnen ergibt sich der Eindruck, dass diese Maßnahmen nicht zielgerichtet für den Tourismus sind. Wie sehen Sie das?

Gratzer: „Die Maßnahmen waren notwendig und sind nachvollziehbar. Aber Ihr Eindruck stimmt. Und es gehört zu unseren Aufgaben, das auch aufzuzeigen. Wir machen uns als ÖHV nicht nur Freunde, weil wir darauf hinweisen, was nicht so gut funktioniert und was zusätzlich notwendig ist. Man muss schon sagen: Die Herausforderungen für die Branche sind massiv. Es geht jetzt um die Frage, wie wir die Zukunft der Branche in den kommenden zwei Jahren gestalten und was das für die unterschiedlichen Betriebstypen bedeutet.“

T.A.I.: Was von den Maßnahmen funktioniert denn Ihrer Meinung nach nicht so gut?

Gratzer: „Zum Beispiel die Kurzarbeit. Auch wenn das Modell in einigen Bereichen adaptiert wurde, ist es nur sehr bedingt für den Tourismus geeignet.“

T.A.I.: Warum?

Gratzer: „Weil die Krise im Tourismus länger dauern wird, als drei Monate. Dazu kommt die Überforderung des AMS (Arbeitsmarkt Service): Die Anzahl der Anträge ist so hoch, dass viele unserer Mitglieder bisher keine Information erhalten haben. Ebenso ist es eine Tatsache, dass das Kurzarbeitsmodell von den Betrieben vorfinanziert werden muss und das geht auf die Liquidität. Auch die Möglichkeit, mit dem Bescheid des AMS einen zinsenlosen Überbrückungskredit von den Banken zu bekommen, ist nicht praxiskonform, wenn man vier Wochen und länger auf den Bescheid warten muss.“

T.A.I.: Trifft das auf alle Betriebe gleichermaßen zu, oder gibt es da Unterschiede?

Gratzer: „Die klassische Winterhotellerie hat nicht dieselben Probleme mit der Kurzarbeit. Die haben einen Monat verloren und sind gewohnt, den Betrieb um diese Zeit herunterzufahren. Schwieriger ist die Situation für Ganzjahresbetriebe, für die Stadthotellerie und für die Sommer-lastige Saisonhotellerie. Die große Herausforderung für die Sommerbetriebe ist, dass sie neue Mitarbeiter nicht sofort in Kurzarbeit schicken können. Das geht erst nach vier Wochen. Da braucht es Nachbesserungen.“

T.A.I.: Reichen zwei, drei Monate Kurzarbeit nicht aus?

Gratzer: „Nein. Wir müssen davon ausgehen, dass der Sommer nicht so wird, wie in den letzten Jahren, und es wird die Liquidität nicht so sein. Die Betriebe haben das Frühjahr verloren, der Sommer wird schwach. Erst der Herbst wird teilweise besser. Der Ausblick für die Unternehmen, den es zu überbrücken gilt, ist also länger … sechs, acht, zwölf Monate. Wir müssen bis nächsten Mai rechnen. Für diesen Zeitraum müssen wir die Unterstützung für den Tourismus konstruieren, sichern und bauen. Wir müssen dabei branchenspezifisch und nach unterschiedlichen Betriebstypen vorgehen und auch nach unterschiedlichen Bundesländern.“

T.A.I.: Wieso nach unterschiedlichen Bundesländern?

Gratzer: „Weil wir sehen, dass Bundesländer und Betriebe, die bisher stärker auf Inlandsgäste gesetzt haben, besser dastehen, wie zum Beispiel Kärnten und Burgenland. Die haben zum Teil Betriebe, die ab Juni ganz gut gebucht sind. Wichtig ist für alle, rasch zu erfahren: Was darf ich, was darf ich nicht und wie sehen die Hygienebedingungen aus.“

T.A.I.: Ist von der Politik für all das Verständnis da?

Gratzer: „Ich glaube, dass grundsätzlich durchaus Verständnis da ist. Die Politik musste bisher im Krisenmodus agieren und von Woche zu Woche die Dinge neu bewerten. Jetzt geht es um mittelfristige Strategien, vor allem für die Branche. Da geht es um Maßnahmen, die rasch gesetzt werden müssen. Die Rolle der Wirtschaftskammer ist mir da nicht ganz klar. Derzeit sehe ich sie eher als Regierungssprecher und Maßnahmenabwickler.“

T.A.I.: Was wäre denn noch erforderlich?

Gratzer: „Es wird nicht so weitergehen wie bisher. Die Nachfrage wird stark zurückgehen. Auch wenn wir jetzt stark auf Inlandsgäste setzen, geht sich das nicht für den ganzen Markt aus. Dazu kommen die Hygienevorschriften etc. Man kann nicht davon ausgehen, dass der Sommer so wird, wie in den letzten Jahren. Zwei Sachen sind deshalb derzeit besonders wichtig: das Thema der Haftungen und wie rechtliche Fragen, wie z.B. Versicherungen mit den Schließungen umgehen.“

T.A.I.: Können Sie das konkretisieren?

Gratzer: „Zu den Haftungen: die sind eher ein Rettungsschirm für die Banken, als für Betriebe. Kredite und Finanzamts-Stundungen müssen ja einmal zurückgezahlt werden. Ein Ansatz wäre es zum Beispiel, dass man Steuerstundungen der Betriebe erlässt und auch Teile der Kredite. Unsere Forderung geht deshalb in Richtung eines Kreditmoratoriums und auch Pacht sowie Leasing auszusetzen. Viele Branchen sind von der Krise betroffen, aber der Tourismus hat sie als erste gespürt und wird die letzte Branche sein, die sich wieder normalisiert. Es braucht einen langfristigen Schutzschirm.

Bei den Versicherungen sind wir daran, alles im Detail zu prüfen. Einige sind bereit, wo die Sachlage von der Polizze her klar ist, die Betriebe für die Schließungen zu entschädigen. Andere sind zu Abschlagszahlungen bereit. Es hängt aber immer vom Vertrag ab und auch vom jeweiligen Bundesland, ob es Schließungen aufgrund des Epidemie-Gesetzes gab.“

T.A.I.: Wie geht es Ihrer Einschätzung nach weiter?

Gratzer: „Der Tourismus steht jetzt am Anfang. Wir sind über die Mitte des Hurrikans drüber, jetzt geht’s um die Aufräumarbeiten. Was wir jetzt brauchen, ist Orientierung, Sicherheit und Szenarien, wie es in den kommenden sechs, zwölf und 18 Monaten weitergeht, damit sich die Betriebe auf etwas einstellen können.“ 

Wurzrainer Toni
24. 4. 2020
Bustourismus
Hallo, unser Betrieb lebt im Sommer zu 90% vom Bustourismus! Ich kann zu diesem großen Bereich im österreichischen Tourismus keine Aussagen finden. Ist es überhaupt vorstellbar, dass z. B. 50 Senioren auf engstem Raum über Stunden in einem Bus sitzen dürfen! Oder sollte man diesen Bereich gleich komplett streichen? Beste Grüße, Toni Wurzrainer

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