Digitalisierung

Praxistest für vier Analysetools: Seefeld will „agieren statt reagieren“

Print-Ausgabe 19. August 2022

Elias Walser, Geschäftsführer Seefeld Tourismus

„So wie es derzeit aussieht, werden wir künftig wohl fast alle Tools einsetzen“, berichtet Elias Walser


 

Das Ziel ist es, den Tourismus künftig „mit Fakten und nicht nur mit Bauchgefühl zu organisieren“ – Seefeld Tourismus-GF Elias Walser über die bisherigen Erfahrungen

Seit März dieses Jahres läuft in der Tiroler Region Seefeld ein Praxistest mit vier Analysetools für Destinationen, um die mögliche touristische Entwicklung der kommenden Wochen und Monate anhand von Umsätzen, Auslastungen etc. besser einschätzen zu können, jeweils filterbar nach Kategorien. „Die ersten Ergebnisse sind spannend und ein echter Mehrwert für die Beurteilung sowie Planung einer Saison“, zieht Elias Walser, seit Juni 2016 Geschäftsführer der Region, eine erste Zwischenbilanz. „Diese Zahlen helfen, den Tourismus mit Fakten und nicht nur mit Bauchgefühl zu organisieren.“ Bei den getesteten Systemen handelt es sich um HBenchmark, myrate, easybooking und feratel Business Intelligence powered by kyubit.

Was für andere Branchen wie eine Selbstverständlichkeit klingt und seit langem zur Anwendung kommt, ist für den Tourismus noch weitestgehend Neuland. Walser: „Wir hören zwar immer wieder auf Pressekonferenzen von der ÖW (Österreich Werbung) oder den LTOs (Landestourismusorganisationen), dass man nah dran ist, aber in der Realität ist’s anders.“

Dazu kommt, dass TVBs (Tourismusverbände) bei ihren Prognosen bezüglich Umsätzen und Auslastungen der nahen Zukunft von der oft enden wollenden Bereitschaft der Beherberger abhängen, ihre diesbezüglichen Daten zur Verfügung zu stellen. So besteht das Angebot der Region Seefeld aus rund 15.000 Betten, die sich auf knapp 800 Betriebe verteilen (darunter über 38 Hotels in der 4-Sterne-­und-mehr-Kategorie sowie über 21 in der 3-Sterne-Kategorie). „Wenn man deren PMS (Property Management Systems)-Daten direkt hätte, wäre es gut. Wir kriegen aber nur einen Bruchteil davon“, so Walser.

Die Lösung für Destinationen besteht deshalb in „guten Stichproben. Damit können wir gut evaluieren“, berichtet Elias Walser über die bisher gesammelten Erfahrungen. So machen z. B. bei einem der vier getesteten Analysetools in Seefeld nur 15 Hotels mit, doch es habe sich bei Betrachtung im Nachhinein (also nach Vorliegen der Juni-­Zahlen) herausgestellt, „dass gute Ergebnisse herauskamen.“

Bei myrate wiederum werde zwar keinerlei Zustimmung der Hotels benötigt, denn das Tool greift bei den Analysedaten auf Buchungsportale wie booking.com etc. zu, allerdings muss in der jeweiligen Region angeschaut werden, ob die Hotels auf booking.com und Co. die Freimeldungen einstellen und zu welchen Preisen dies geschieht.

Eines der vier Tools habe die Juni-­Zahlen sogar „ganz genau getroffen“, berichtet Walser. Dies war insofern bemerkenswert, als heuer Ende Juni auf Schloss Elmau (rund 25 km von Seefeld entfernt) der G7-Gipfel stattfand. Rund 18.000 Polizei- und Sicherheitskräfte belegten in den beiden Wochen rund um den Gipfel zur Vor- und Nachbereitung die Hotelbetten der Region bis ins Tiroler Land hinein, zusätzlich zu den Gästen der 42. Passions­spiele in Oberammergau (14. Mai bis 2. Oktober 2022).

Eine der wichtigsten Erkenntnisse von Elias Walser über die seit März im Einsatz stehenden Tools: „Es gibt nicht die eine perfekte Lösung. Alles hängt immer von der Fragestellung ab, was man sich davon erwartet.“ Ein System könne „nie für alle die richtigen Aussagen“ treffen (die Bandbreite der Unterkünfte reicht von Camping über Privatquartiere und FeWos bis zu den unterschiedlichen Hotel-­Kategorien), sondern bestenfalls Empfehlungen abgeben, „aber nie zu 100 % richtig.“

Trotzdem wären derartige Sys­teme „für alle Tourismusverbände wichtig“, betont Elias Walser. Denn bei allen genannten Schwächen erlauben sie „gute Voraus-Prognosen. Man kann Kapazitäten planen, die Preise je nach vorausgesagter Auslastung hinauf oder heruntersetzen, das Personal planen und für bestimmte Zeiträume die Marketingausgaben, wenn sich eine hohe Auslastung abzeichnet, zurückfahren.“

Seit dem ersten Lockdown (also März 2020) habe man in der Region begonnen sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Bis Ende September 2022 läuft nun die im Frühjahr gestartete Evaluierungsphase. Wobei es aktuell bei Vorhersagen über Auslastungen, Umsätze etc. aufgrund der durch Energiekrise, Teuerung, Corona usw. zu Verzerrungen komme. Zeichnen sich bereits Favoriten ab? Walser: „So wie es derzeit aussieht, werden wir künftig fast alle Tools einsetzen. Alle haben ihre Berechtigung und alle sind preislich in Ordnung. Man redet da von keinen Unsummen. Sie sind für jede Region leistbar.“

Ziel sei es, künftig „Marketing­strategien gemeinsam mit unseren Mitgliedern besser entscheiden zu können, Präsenzen zu richtigen Zeiten zu planen und zu sehen, wo es Potentiale bezüglich Saisonen sowie Märkten gibt und in welchen Wochen wir Preise nach oben oder unten setzen müssen.“ Nachsatz: „Wir müssen alle mehr ins Agieren kommen, also weg vom Reagieren.“

Bleibt zum Abschluss noch die Frage, wie die aktuelle Saison läuft? „Sehr gut“, freut sich Elias Walser, „wir hatten erstmals seit Corona wieder den ganzen Mai und Juni zur Verfügung und lagen heuer wieder auf dem 2019er Niveau. Auch der Juli verlief sehr gut. Es wird wieder ein ‚normaler‘ Sommer.“ Inwiefern? Walser: „Die Gäste bleiben kürzer als in den letzten beiden Jahren und es kommen wieder mehr internationale Gäste. Diese bleiben aber kürzer in der Region und die Wertschöpfung ist oft auch geringer. Den Gast aus Deutschland zieht es wieder vermehrt ans Meer oder er ist weiter weg geflogen – es gibt also sowohl Positives als auch Negatives.“

Die Region Seefeld – Tirols Hochplateau gehört mit üblicherweise (also bis inkl. 2019) mehr als 1 Mio. Sommer-Nächten zu den Top 5 Tiroler TVBs und im Winter mit knapp 1 Mio. zu den Top 10 Tirols. In der aktuellen Saison lag die Region sogar auf Rang 4 (+135,7 %) unter allen 34 TVBs in Tirol.

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