„Lebensraumperspektive“

Nicht nur Betriebe, Gemeinden und Bevölkerung sind gemeint, auch die Natur

Print-Ausgabe 13. März 2026

Marco Riederer, Mathias Schattleitner, Dagmar Lund-Durlacher, Elisabeth Zehetner, Manuel Bitschnau und Florian Größwang

V.l.: Marco Riederer, Mathias Schattleitner, Dagmar Lund-Durlacher, Elisabeth Zehetner, Manuel Bitschnau und Florian Größwang

Die Lebensraumperspektive wird den Tourismus in den kommenden Jahren tiefgreifend verändern – bei einer Podiumsdiskussion wurde erklärt, warum dies so ist

Es war eine tolle Veranstaltung, die Ende März im Wiener Hotel Stefanie abgehaltben wurde: Sie markierte den Auftakt für die Kooperation des Destinations-Netzwerks Austria (dna) und des Travel Industry Club Tourismus Austria (TICT), sie war mit Tourismus-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner, dem dna-Präsidenten Mathias Schattleitner (Geschäftsführer des TVB Schladming-Dachstein), dem Geschäftsführer des Montafon Tourismus Manuel Bitschnau und der Professorin Dagmar Lund-Durlacher (Gründungsmitglied des Zentrums für Nachhaltigen Tourismus – ZENAT, Berlin) höchstkarätig besetzt und erfreute sich eines starken Besuchs von über 60 Teilnehmer:innen. Der Grund: Es ging mit der „Lebensraumperspektive“ um ein Thema, das in den kommenden Jahren das Gesicht des Tourismus komplett verändern wird.

Die Moderation der Podiumsdiskussion konnte mit Florian Größwang, Chef der TourCert Austria, nicht besser gewählt werden, denn der TourCert-Chef und T.A.I.-Kolumnist gilt hierzulande als „Mr. Lebensraum“. Für Marco Riederer, Präsident des branchenübergreifenden Netzwerks TICT, steht fest: „Viele gehen davon aus, dass es sich beim Lebensraum um ein Nachhaltigkeitsthema handelt. Das stimmt aber nicht.“ Bei der Lebensraumperspektive im Tourismus geht es vielmehr darum, dass eine Destination nicht mehr nur als „Urlaubsgebiet für Gäste“ da ist, sondern die Region als Lebensraum für Einheimische, Beschäftigte und Gäste zugleich betrachtet und entwickelt.

Es ist zudem ein Thema, das weit über den Tourismus hinausgeht: „Unser aller Lebensqualität steht im Fokus,“ so Marco Riederer. Lebensraumperspektive sei deshalb kein Schlagwort, „sondern ein struktureller Transformationsprozess. Dafür braucht es ein neues Mindset, sektorübergreifende Kooperationen und neue Rollenprofile in den Destinationen.“

Doch nun zum starken Besuch. Der zeigte sich u.a. darin, dass nicht nur mit Susanne Kraus-Winkler die amtierende Bundessektionsobfrau Tourismus der WKÖ (Wirtschaftskammer Österreich) zugegen war, sondern auch Sektionschefin Ulrike Rauch-Keschmann, die Präsidentin des ÖRV (Österreichischer ReiseVerband) Eva Buzzi, die COO (Chief Operating Officer) der Österreich Werbung Sandra Neukart und Petra Stolba, die für das European Parliament tätig ist.

Die Veranstaltung von dna und TICT startete zunächst mit einem Impulsvortrag von Manuel Bitschnau, der ebenfalls als „Mr. Lebensraumperspektive“ gilt. Bitschnau hat bereits viele entsprechende Dinge in seiner Destination umgesetzt und ist auch Initiator des „dna Lebensraum Lab“ (seit Anfang 2024 haben 17 Vertreter:innen aus 10 österreichischen Destinationen gemeinsam mit Partnern aus Bund und ÖW an der (Weiter)Entwicklung der Lebensraumperspektive gearbeitet). „Der Tourismus lief viele Jahre gut, aber er war in Krisensituationen schlecht“, so Bitschnau. Österreich wolle keine Zustände, wie sie in manchen Ländern vorherrschen (er nannte als Beispiel Mallorca).

Destinationen sind deshalb gefordert, das Thema „Lebensraumperspektive“ proaktiv anzugehen. Es gehe um die DMO (Destination-Management-Organisation) 4.0, die alle drei Bereiche (also Ökologie, Ökonomie und Soziales) beherzigt. In allen aktuellen Strategien wird das Destinationsmanagement 4.0, also die Lebensraumperspektive, als notwendiger Schritt gesehen, um Overtourism, Akzeptanzprobleme und rein ökonomische Fixierung zu überwinden und den Tourismus langfristig ökologisch, sozial und wirtschaftlich tragfähig zu machen. Manuel Bitschnau: „Alle drei brauchen einander, sie können nicht alleine existieren.“ Wobei Dagmar Lund-Durlacher in einer ihrer Wortmeldungen das Fehlen eines Bereiches bemängelte: „Es ist der ‚Governance‘-Aspekt. Die Umsetzung der Maßnahmen muss nämlich gesteuert werden.“

Für Elisabeth Zehetner steht fest, dass sich „Lebensraumperspektive“ für alle auszahlen muss, angefangen von den Betrieben, über die Gemeinden bis hin zur Bevölkerung. Und „wir müssen die Natur erhalten, damit wir auch in 100 oder 150 Jahren Tourismus machen können.“ Hier hakte auch Manuel Bitschnau ein, der den Unterschied zwischen Lebensraummanagement (er ist nicht zu managen) und -perspektive aufzeigte: „Letztere meint den Schritt zurück zum Ursprung. Die Leute brauchen den Tourismus, weil sie viele Vorteile durch ihn haben. An die gewöhnt man sich aber schnell. Bei der Lebensraumperspektive geht es darum, all diese Vorteile zu erhalten.“

Laut Staatssekretärin Zehetner gehe es bei der Lebensraumperspektive nicht nur um Wertschöpfung, sondern auch um Wertschätzung: „Darauf müssen wir besonders schauen. Für viele Jugendliche sind die Vorteile, die wir alle durch den Tourismus erzielen, selbstverständlich. Sie wissen nicht, warum das entstanden ist. Diese Dinge müssen wir erzählen und sie müssen bei den Menschen ankommen.“ In der „Vision-T“ (Nachfolge von „Plan-T“), die im Sommer präsentiert wird, werde dieser Perspektivenwechsel konsequent verankert.

Nicht nur Österreichs Destinationen seien auf diesen Zug aufgesprungen, sondern auch internationale, wie Dagmar Lund-Durlacher erwähnte. Beispiel dafür seien die Nordseeinsel Borkum (dort wurde die Strategie „Borkum 2030+“ unter dem Motto „Miteinander. Lebenswert. Gestalten.“) oder die in der belgischen Region Flandern gelegene Stadt Brügge.

Mathias Schattleitner brachte es abschließend auf den Punkt: „Man glaubt, dass Tourismus nur für Hoteliers und Seilbahnen gemacht wird. Aber wenn es keinen Tourismus gibt, gibt es für uns alle keinen Lebensraum.“ Es gehe darum, wirtschaftliche Stärke und Lebensqualität strategisch zu verbinden. „Genau hier sehen wir als dna unsere Verantwortung – diesen Kompetenzaufbau zu fördern“, so Schattleitner.

Interessant ist ergänzend dazu folgender weiterführender Bericht:
T.A.I.-Serie Nachhaltigkeit und Tourismus

Bedürfnisse der Bevölkerung sind künftig stärker zu berücksichtigen

17. Oktober 2025 | Österreich

Kommentar schreiben

Bitte die Netiquette einhalten. * Pflichtfelder

Nach oben