Print-Ausgabe 13. März 2026

„Die perfekte Balance gibt es nicht. Aber es gibt eine gut gesteuerte Dynamik“, so Florian Grösswang
Es geht dabei um Balance, also um die „Kunst des Gleichgewichts“, es geht also nicht um Nächtigungen oder Ankünfte – acht Punkte zeigen, worauf es ankommt
In seinem Februar-Beitrag beschäftigte sich Florian Grösswang, Gesellschafter von TourCert Austria, mit der Frage, warum die Entwicklung von Kooperationen den Prozess im Wandel zum Destinationsmanagement mit Lebensraumperspektive unterstützen kann. Diesmal geht es um die „Kunst des Gleichgewichts“. Denn laut Florian Grösswang entsteht nachhaltiger Erfolg „zwischen Wertschöpfung, Lebensqualität und Naturschutz nur dort, wo Destinationen bewusst steuern, klare Grenzen setzen und den Lebensraum in den Mittelpunkt stellen.“
Tourismus ist für viele Regionen ein Segen – wirtschaftlich, kulturell und gesellschaftlich. Gleichzeitig wächst der Druck, denn mehr Gäste, höhere Erwartungen, steigende Belastungen für Natur, Infrastruktur und Bevölkerung sollen unter einen Hut gebracht werden. Die Frage lautet daher nicht mehr, wie möglichst viele Gäste in eine Destination kommen, sondern auch, wie die Balance gehalten werden kann, um wirtschaftlichen Nutzen, Lebensqualität der Einheimischen sowie den Schutz von Natur und Kultur gleichzeitig zu sichern.
Für Florian Grösswang steht eines fest: „Balance ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann abhakt. Sie ist ein permanenter Steuerungsprozess im Destinationsmanagement mit Lebensraumperspektive.“ Die wichtigsten Hebel, um die Balance in den Destinationen zu halten, sind:
1. Klare Zielbilder statt nur Wachstum: Noch immer messen viele Destinationen ihren Erfolg an Nächtigungen oder Ankünften. Doch reine Mengen sagen wenig über die tatsächliche Qualität des Tourismus aus. „Entscheidend ist, ob Gäste Wertschöpfung bringen, ob sie bleiben, ob sie die Region respektieren – und ob die Bevölkerung hinter dem Tourismus steht“, betont Florian Grösswang. Erfolgreiche Destinationen definieren daher ihre Ziele mehrdimensional (Lebensqualität für Einheimische, Wertschöpfung pro Gast, Umweltbelastung, Auslastung über das Jahr sowie Zufriedenheit von Gästen und Bevölkerung). Florian Grösswang: „Die entscheidende Frage lautet: Wie viel Tourismus ist gut für uns – und für wen?“
2. Tragfähigkeitsgrenzen („Carrying Capacity“) aktiv managen: Jede Destination hat ihre eigene Tragfähigkeit – räumlich, zeitlich, sozial und ökologisch. „Wenn Hotspots überlaufen sind, Verkehr zunimmt oder wenn Einheimische sich zurückziehen, ist diese Grenze überschritten“ sagt Florian Grösswang. Für gute Destinationssteuerung geht es deshalb darum, Besucherströme aktiv zu lenken. Dies kann über Routen, Zeitfenster, Reservierungssysteme oder Preissteuerung in Spitzenzeiten erfolgen. Echtzeitdaten helfen dabei, schnell zu reagieren und Überlastung zu vermeiden.
3. Lokale Bevölkerung konsequent einbinden: „Ohne die lokale Bevölkerung ist jede Balance jedoch fragil“, weiß Florian Grösswang. Denn Tourismus funktioniert nur langfristig, wenn die Bevölkerung ihn mitträgt. Das erfordert echte Beteiligung, mit Bürgerdialogen, transparenter Kommunikation, fairer Wertschöpfung und Angebote, die auch Einheimischen zugutekommen. Florian Grösswang: „Eine Destination ist im Gleichgewicht, wenn die Menschen vor Ort sagen: ‚Der Tourismus bringt uns mehr als er uns kostet.‘“
4. Qualität vor Quantität: Ein weiterer Schlüssel für Balance liegt im Wechsel von Quantität zu Qualität, denn mehr Gäste bedeuten nicht automatisch mehr Nutzen. Balance entsteht durch bewusst gewählte Zielgruppen, längere Aufenthalte, Ganzjahresangebote und die Stärkung regionaler Produkte. Für Florian Grösswang steht fest: „Nicht jeder Gast passt zu jeder Destination – und nicht jede Destination muss für alle alles sein.“
5. Mobilität steuern: Besonders spürbar wird Überlastung im Verkehr. Mobilität entscheidet stark darüber, wie Tourismus wahrgenommen wird. Wer Staus, Parkplatzmangel und Lärm in der Destination reduziert, verbessert sofort die Lebensqualität. Zentrale Hebel für mehr Balance sind deshalb gute öffentliche Anbindungen, Gästekarten mit integrierter Mobilität, autofreie Zonen oder intelligente Parkraumsysteme.
6. Datenbasierte Steuerung: Um zu steuern, braucht es Daten und das Wissen, diese zu interpretieren. Denn Balance lässt sich messen: durch Gästeströme, Aufenthaltsdauer, CO₂-Emissionen, Preisniveau, Arbeitsmarktdaten oder die Zufriedenheit der Bevölkerung. Florian Grösswang: „Wer diese Informationen kontinuierlich nutzt, kann früh gegensteuern und Entwicklungen aktiv gestalten.“
7. Governance & Kooperation: Entscheidend ist zudem die Zusammenarbeit in der Destination. „Balance ist kein einzelnes Projekt, sondern eine Daueraufgabe“, so Florian Grösswang, der dafür eintritt, dass Politik, Tourismusorganisationen, Betriebe, Raumplanung, Naturschutz und lokale Bevölkerung an einem Tisch gebracht werden. „Nur wenn alle Perspektiven einfließen, entstehen tragfähige Lösungen“, ist er sich bewusst. Ebenso geht es um eine klare Kommunikation nach außen: Gäste müssen verstehen, welche Werte eine Region vertritt.
Für Florian Grösswang steht eines fest: „Balance braucht Mut.“ Und: „Die perfekte Balance gibt es nicht. Aber es gibt eine gut gesteuerte Dynamik.“ Viele erfolgreiche Destinationen orientieren sich vor allem an drei einfachen Fragen: Was bringt Wertschöpfung? Was verträgt der Ort? Und was wollen wir als Gemeinschaft? „In der Schnittmenge dieser Fragen liegt die nachhaltige Entwicklung“, ist Florian Grösswang überzeugt. Die Zukunft des Tourismus entscheidet sich ihm zufolge an der Qualität des Miteinanders: „Balance entsteht dort, wo Destinationen bewusst steuern, Grenzen akzeptieren und den Tourismus als Teil des Lebensraums verstehen – nicht als Selbstzweck.“
Die im Juli 2023 von Florian Größwang, Reinhard Lanner und Christian Baumgartner gegründete TourCert Austria ist ein eigenständiger Partner der TourCert GmbH in Stuttgart. Sie ist eine gemeinnützige Organisation, die österreichische Unternehmen und Destinationen im Tourismus berät und Nachhaltigkeits-Zertifizierungsprozesse durchführt. TourCert entwickelt dafür ein eigenes Zertifizierungssystem, bei dem ökologische, soziale und ökonomische Unternehmensverantwortung geprüft und mit einem Siegel ausgezeichnet wird.
Erstellt am: 13. März 2026
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