T.A.I. vor Ort in Israel

Reisen zur außergewöhnlichen Lebensweise der Kibbuzim-Familien

Print-Ausgabe 19. August 2022

Ausblick vom Kibbuz Ein Gedi auf die

Ausblick vom Kibbuz Ein Gedi auf die dahinterliegende Wüstenlandschaft


 

Ausgestattet mit komfortablen Übernachtungsmöglichkeiten, gelten diese typischen ländlichen Siedlungen als beliebte Ferienziele mit viel Geschichte und Kultur

Hand aufs Herz: Wie steht’s um die Hebräisch-Kenntnisse? Zumindest ein Wort kennen alle: „Kibbuz“. Das ist Hebräisch und bedeutet so viel wie „Versammlung“. Ferien in solchen Einrichtungen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Um sich persönlich ein Bild vom Urlaubs-Angebot in den „Kibbuzim“ (Mz.) zu verschaffen, lud das Staatliche Israelische Verkehrsbüro (Israel Ministry of Tourism) vor kurzem eine Mediengruppe zu einer „Kibbuz-Hopping-Tour“. T.A.I. war mit dabei.

Von den Anfängen …

Das eigentliche Prinzip für ein Leben im Kibbuz beruht auf solidarischer Basis. Es geht dabei um eine Gesellschaftsform, deren Mitglieder sich in sozialer Gerechtigkeit gemeinsam organisieren. Die Bewohner*innen der Siedlungen sind gleichberechtigt, teilen Besitz und Arbeit, immer in Verwirklichung des selben Gedankens: „Jeder und jede gibt nach seinen Möglichkeiten und erhält gemäß seinen und ihren Bedürfnissen.“

Es waren vorwiegend Zionisten aus Osteuropa, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Pioniere in Palästina einwanderten, um in ihrer alten Heimat diese neue, gerechtere Lebensform zu finden. Sie machten es sich dabei zur Aufgabe – nach jahrhundertelangem Verbot jeglicher landwirtschaftlicher Betätigung – das „Gelobte Land“ lebensfähig zu machen. Dazu legten sie Sumpfland trocken und machten Wüstenland fruchtbar. So entstanden die ersten ländlichen, in einem wirtschaftlichen und sozialen Kollektiv gelebten Dorfgemeinschaften, die als Absicherung jüdischer Gebiete dienten und in denen Ackerbau und Viehzucht betrieben wurden.

Später, in den 1960er- und 1970er-­Jahren, zog es vor allem junge, intellektuelle, gegen den Kapitalismus gewandte Menschen, die sich nach einem nicht vom Staat aufgezwungenen Sozialismus sehnten, als freiwillige Helfer*innen in die Kibbuzim. Viele blieben, um den Traum vom Gemeinwohl zu leben, gründeten Familien, versuchten ihre Kinder in einer freien Umgebung großzuziehen und schufen für sie die besten Schulen, die nach wie vor als die besten Israels gelten.

Dem Traum folgte jedoch die unausweichliche Realität: Einige der Kollektive gingen pleite, die Gesellschaft individualisierte sich und die Gemeinschaft musste sich ihre Existenz sichern. Von den rund 280 Kibbuzim in Israel wurden mittlerweile 250 reformiert, privatisiert und sind an internationalen Unternehmen beteiligt. Viele Mitglieder besitzen – anders als früher – ihr eigenes kleines Haus, arbeiten außerhalb des Kollektivs und wirtschaften zum Teil privat.

… zur Gäste-Attraktion

Parallel dazu haben sich dutzende der über ganz Israel verteilten Kibbuzim auf Tourismus umgestellt und gelten – besonders für Personen, die an der Geschichte des Landes interessiert sind – als beliebte Ferienziele. In den ländlichen Siedlungen werden für Reisende komfortable Übernachtungsmöglichkeiten angeboten, von kleinen Basic-Zimmern über Feriendörfer bis hin zu großzügig gestalteten Hotels. Gäste können in einer entspannten, familiären, auf Gemeinschaftlichkeit ausgerichteten Atmosphäre ihren Aufenthalt genießen und dabei die besondere Lebensform der Kibbuznik (Mitglieder der Kibbuzim) kennenlernen.

Während der Medienreise hatte die Gruppe Gelegenheit dazu, ausgewählte Kibbuzim zu besuchen. Die Tour startete in Tel Aviv, der auf Sand erbauten Metropole mit ihren vielen hippen Bars, aufregenden Vierteln und ihren in den 1930er-Jahren im Bauhausstil errichteten charakteristischen weißen Gebäuden.

Der Finanzstarke: Kibbuz Shefayim

Nur 20 Minuten Autofahrt von Tel Aviv entfernt, stand zuerst eine Besichtigung des Kibbuz Shefayim am Programm, der 1931 von polnischen Migrant*innen gegründet wurde. Während des Völkerbundmandats für Palästina von 1923 bis 1948 war diese Siedlung ein Zentrum illegaler Einwanderung. Heute gilt er als einer der finanzstärksten Mitglieder der Kibbuzbewegung. Shefayim liegt in Strandnähe, zwischen den an der israelischen Mittelmeerküste gelegenen Städten Netania und Herzeliya.

Wanderbegeisterte kommen dort voll auf ihre Rechnung: Einen 3,5 km langen Spaziergang auf dem „Israel National Trail“ entfernt, befindet sich der „Sharon Beach National Park“. Rund 55 km weiter nördlich erstreckt sich über eine wilde Küstenlandschaft der Nationalpark „Tel Dor“, der zu Wanderungen mit tollen Aussichten einlädt. Im Nationalpark selbst zeigen sich Relikte der alten Hafenstadt Dor aus hellenistischer, römischer und byzantinischer Zeit.

Mit Rothschild-Museum: Kibbuz Nahsholim

In unmittelbarer Nähe zum Natio­nalpark „Tel Dor“, direkt am Meer an der Karmelküste, liegt der Kibbuz Nahsholim. Er wurde 1948 nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg gegründet. Inmitten der Siedlung befindet sich das auf verfallenen Mauern wiedererrichtete Gebäude der ehemaligen Glasfabrik des Barons Edmond de Rothschild, in dem das „HaMizgaga“-Museum mit archäologischen Gegenständen von „Tel Dor“ eingerichtet wurde. Anhand der Ausgrabungen und der von Archäolog*innen entdeckten Unterwasser-Funde lässt sich hier vieles über die Geschichte von „Tel Dor“ in Erfahrung bringen.

Der Biblische: Kibbuz Nof Ginosar

Nächstes Ziel für die Mediengruppe war der von Tiberias zehn Kilometer entfernte Kibbuz Nof Ginosar, wunderschön am Nordwestufer des Sees Genezareth sowie am Fuße des atemberaubenden Berges Arbel gelegen. Der Kibbuz wurde 1937 in der Zeit des Arabischen Aufstandes als eine der ersten befestigten Turm- und Palisaden-Siedlungen erbaut. Durch seine Nähe zu biblischen Stätten eignet sich Nof Ginosar sowohl für Pilgerreisende als auch für Menschen, die sich einfach nur erholen oder das Jordantal und die Golanhöhen erkunden möchten. Einer der bekanntesten Bewohner von Nof Ginosar war der links­zionistische Politiker und Außenminister Jigal Allon (1918 – 1980), nach dem das Museum „Yigal Allon Museum and Educational Center“ benannt wurde. Zusätzlich zum Tourismus spielt im Kibbuz Nof Ginosar der Anbau von Bananen eine wichtige Rolle.

Von Nof Ginosar aus schnell erreicht ist die archäologische Stätte Kafarnaum, ein bekannter Schauplatz in Erzählungen des Neuen Testamentes, mit Ruinen antiker Bauten und der spätantiken Synagoge sowie dem „Haus des Petrus“. Der „Berg der Seligpreisungen“, wo nach biblischer Überlieferung Jesus von Nazareth die Bergpredigt gehalten und unter seinen Jüngern die Apostel ausgewählt haben soll, liegt am Nordrand des Sees Genezareth. Unweit der Ortschaft Tabgha finden sich am Ort der Brotvermehrung weitere frühe Kirchenbauten.

Der Traditionsreichste: Kibbuz Degania Alef

Südwestlich des Sees Genezareth machte die Mediengruppe bei Degania Alef, dem ältesten israelischen Kibbuz, Halt. Dieser wurde bereits im Jahr 1910 gegründet und gilt als die „Mutter der kollektiven Siedlungen“. Den besten Einblick in die beeindruckende und zugleich auch tragische Geschichte von der Entstehung des Kibbuz (er war als vorgeschobener Verteidigungsposten von Bedeutung), des Staates Israel und dem Leben an der Grenze zu den arabischen Nachbarn vermittelt eine Führung mit einem Mitglied des Kibbuz.

Das „Heiligtum“: Kibbuz Zuba

Die Tour verlief weiter durch die imposante Landschaft Zentral­israels, in die judäischen Berge zum Kibbuz Zuba, umgeben von einer traumhaften Kulisse. Anders als die meistern anderen Kibbuzim, die viele Veränderungen durchgemacht haben, wird in Zuba nach wie vor die Ideologie der Gemeinschaft gelebt. Zuba wird deshalb auch als „Heiligtum in der Kibbuz-Szene“ bezeichnet.

Innerhalb der Siedlung werden im eigenen Weingut vorzügliche Weine produziert, die auf der Terrasse, bei einem grandiosen Ausblick über das Tal nach Abu Ghosh, verkostet werden können. Der Kibbuz Zuba ist nur 10 km von Jerusalem entfernt und gilt somit als perfekter Startpunkt für Ausflüge an einen der spannendsten archäologischen Orte der Welt. Mit der „Western Wall“ (Klagemauer), der Grabeskirche, dem Tempelberg und der pittoresken Altstadt, die von einer Stadtmauer umgeben ist, wird Jerusalem in ein jüdisches, ein christliches, ein muslimisches und ein armenisches Viertel gegliedert. Ebenso beherbergt Jerusalem den größten Markt Israels, den Mahane Yehuda Market.

Der am tiefsten Gelegene: Kibbuz Ein Gedi

Ihren Abschluss fand die eindrucksvolle Kibbuz-Hopping Tour mit einem Trip zum tiefstgelegenen Ort der Welt (421 Meter unter dem Meeresspiegel), dem Toten Meer. Dort befindet sich in einer wunderschönen Oase mit üppigen botanischen Gärten der Kibbuz Ein Gedi, mit faszinierender Aussicht auf die umliegenden Berge, die Wüste und das Tote Meer. Die Ein Gedi Ferien­anlage bietet schöne geräumige Zimmer, ein luxuriöses Spa sowie eine große Außenpool­anlage.

Ein Gedi gilt als idealer Ausgangspunkt für Wanderungen in das gleichnamige Naturschutzgebiet sowie für Besichtigungen der auf einem Bergplateau gelegenen, im Jahr 74 n. Chr. nach monatelanger Belagerung zerstörten Felsenfestung „Masada“. Heute mit einer von Doppelmayr errichtete Seilbahn bequem erreichbar, diente die 37 bis 31 v. Chr. errichteten Anlage als königliches Refugium von Herodes.

Das UNESCO-Weltkulturerbe „Masada“ wurde in den 1960er Jahren von tausenden freiwilligen Helfer*innen unter Leitung des israelischen Archäologen Professor Yigal Yadin ausgegraben. Zu den Besonderheiten zählen die Privatresidenz von Herodes, der Nord- und der Westpalast, die offizielle Amtsresidenz, eine Synagoge, Lagerräume, Wohnquartiere, Badeanlagen sowie ein Zisternen-System mit einem Fassungsvermögen von 4.000 m³ für Regenwasser.

In Ein Gedi endete für die Mediengruppe eine beeindruckende Reise. 145 Auto-Kilometer führten zurück zum Flughafen nach Tel Aviv, von wo aus der Heimflug angetreten wurde (El Al und Austrian Airlines verbinden mehrmals wöchentlich Wien mit Tel Aviv).

Fazit der Hopping-Tour: Israels Kibbuzim zeigten sich von ihrer besten Seite, gepaart mit spannender Geschichte und viel Kultur. Urlaub im Kibbuz ist ein außergewöhnliches Erlebnis und eignet sich für alle Menschen, ob Individual- oder Gruppenreisende, Paare oder Familien. https://de.goisrael.com

Kommentar schreiben

Bitte die Netiquette einhalten. * Pflichtfelder

Nach oben