Ryanair vs. Norwegian

Tauziehen um Cockpit-Crews.
Harte Bandagen der Low Cost-Kings

Print-Ausgabe 22. September 2017

Die massive Abwanderung von Piloten zu Norwegian bringt Ryanair in Schwierigkeiten – die Retourkutsche folgte auf dem Fuß – hinter den Kulissen wird verhandelt.

Wenn Michael O‘Leary, CEO von Ryanair, von einem „heillosen Durcheinander“ spricht und dabei nicht andere, sondern die eigene Airline meint, ist das bemerkenswert. Es hat seinen Grund. Kurz zuvor musste O’Leary bekannt geben, dass von Mitte September bis Ende Oktober an die 2.100 Ryanair-Flüge ausfallen werden, 40 bis 50 pro Tag. Rund 400.000 Gäste seien davon betroffen. Voerst kam es noch schlimmer: alleine am vergangenen Wochenende wurden 162 Flüge gestrichen, 80 am Samstag, 82 am Sonntag.

Während Ryanair die Umstellung der Urlaubsplanung im Unternehmen für die Ausfälle verantwortlich macht (vom Neun-Monats-Zeitraum auf Jahresplanung, viele Piloten müssen in den kommenden Wochen ihren Jahresurlaub nehmen), dürfte der wahre Grund vielmehr in der massiven Abwanderung zum Mitbewerber Norwegian Air liegen. Seit Jahresbeginn sollen es laut Norwegian 140 Piloten gewesen sein – mehr als 3 Prozent der Cockpit-Crew von Ryanair.

Der Konkurrent aus Norwegen und Nummer drei auf Europas Low Cost-Himmel wird dem Low Cost-King aus Irland zunehmend unbequem. Nicht zuletzt, weil er Ryanair mit seiner 2013 gegründeten irischen Tochter Norwegian Air International immer mehr bedrängt. Mit 71 der 133 Jets ist mehr als die Hälfte der Norwegian-Flotte in Irland registriert und die Suche nach zusätzlichen Piloten geht weiter.

Die Wortwahl von O`Leary wird daher schärfer. Zuletzt zog er sogar die finanzielle Stabilität von Norwegian in Zweifel: „Es ist ein offenes Geheimnis, dass Norwegian derzeit knapp bei Kasse ist und diesen Winter vielleicht nicht überleben wird“, verlautete er vor Medienvertretern in London. Die Aussagen des Ryanair-Chefs sind nicht gänzlich aus der Luft gegriffen, wie aus den Halbjahreszahlen hervorgeht (siehe Tabelle). So stürzte das operative Ergebnis von Norwegian von Jänner bis Juni von umgerechnet plus 11,9 Mio. Euro 2016 auf heuer -274 Mio. Euro ab. Norwegian CEO Bjørn Kjos führt dies auf den gestiegenen Ölpreis sowie auf die mit 1. Juni 2016 in Norwegen eingeführte Passagier-Steuer (ca. 8,50 Euro pro Fluggast) zurück.

Liquide Mittel sind aber bei Norwegian – laut Skytraxx das fünfte Mal in Folge „Best Low-Cost Airline in Europe“ – laut Halbjahresbericht ausreichend vorhanden: sie verdoppelten sich binnen Jahresfrist nahezu. Im Vergleich zu Ryanair – der absolute Cash-Kaiser unter den Top-30 Airlines der Welt – ist die Decke zwar deutlich dünner, in internationaler Relation aber solide.

Beide Airlines setzen weiter auf dynamisches Wachstum. Per Ende August konnte Norwegian für die letzten zwölf Monate ein Plus von 14 Prozent auf 31,9 Millionen Passagiere vermelden. Ryanair verbuchte einen Zuwachs um 13 Prozent auf 126,2 Millionen. Beide fliegen ebenso wie easyJet (79,5 Millionen Passagiere, + 9,2 %) mit Auslastungsraten von über 90 Prozent. Dazu kommt ein massiver Flottenausbau. Norwegian betreibt aktuell 133 Jets (vorwiegend Boeing 737-800, als erste Airline Europas zwei 737-MAX 8), vor einem Jahr waren es erst 110. Bei Ryanair ist die Flotte binnen Jahresfrist von 353 auf 397 angewachsen.

Trotz aller Abwerbungen und verbalen Untergriffe steht das Geschäftemachen – auch miteinander – aber im Vordergrund: die Gespräche bezüglich Zubringerflügen von Ryanair zur Norwegian-Langstrecke gehen unvermindert weiter, wie Norwegian CCO Thomas Ramdahl betonte. Mit Konkurrent easyJet – Europas Low Cost Airline Nummer 2 – wurde soeben ein derartiges Abkommen bereits umgesetzt. 

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Erstellt am: 22. September 2017

Bild: Michael O'Leary, Bjørn Kjos

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