Standpunkt

Geschöpfte Werte

Print-Ausgabe 20. April 2018

Was wiegt mehr: Tourismus oder Industrie? Die Antwort hängt vom jeweiligen Blickwinkel ab. Kluge Köpfe sagen: beides. Andere tun sich hingegen mit Überbetonung des einen sowie Geringschätzung des anderen hervor und vice versa. Zur besseren Untermauerung des jeweiligen Standpunktes müssen dann Studien herhalten. Die jüngste dazu kommt von der Industriellenvereinigung (IV).

Ihr Ergebnis ist an Eindeutigkeit nicht zu übertreffen: in der sogenannten „Westachse“, den Bundesländern Salzburg, Tirol und Vorarlberg, ist die Industrie gemessen an der Wertschöpfung deutlich stärker als der Tourismus. Diese Botschaft wurde in zeitgleich abgehaltenen Pressekonferenzen in Lustenau, Innsbruck und Salzburg verkündet.
Wozu das Ganze? Wem ist damit geholfen?

Die Absicht wird klar, sobald man etwas in die Tiefe geht. Zunächst einmal bezüglich jenes Instituts, das von der IV den Auftrag für die Untersuchung erhielt. Es handelt sich um das „Economica“ Institut für Wirtschaftsforschung.

So unabhängig, wie auf seiner Website behauptet, ist es nicht: es steht im Nahverhältnis zur IV, deren Chefökonom, Christian Helmenstein, auch im Vorstand des „Economica“ Instituts sitzt. Helmenstein fungierte zudem als Autor der erwähnten Studie.

Interessant ist auch die Methodik: um die – zweifelsohne hohe – Wertschöpfung der Industrie zu unterstreichen, wurden ihr noch die Wertschöpfungen von Bau und Energie hinzugerechnet. Für den Tourismus hingegen zog die Studie lediglich jene von Beherbergung und Gastronomie heran – so als ob Tourismus nur daraus besteht. Ergebnis ist ein verzerrtes Bild zugunsten der Industrie, zulasten des Tourismus.

Die Absicht, die dahinter steckt, liegt auf der Hand: nach der im Parlament beschlossenen Mehrwertsteuer-Senkung auf Logis von 13 auf 10 Prozent fordert die Industrie nun auch entsprechende Entlastungen für ihren Bereich. Jene IV, die sich vor drei Jahren massiv hinter die Mehrwertsteuer-Erhöhung für den Tourismus gestellt und seinerzeit sogar eine Anhebung von 10 auf 20 Prozent gefordert hatte.

Selbst die IV gestand bei der Studienpräsentation ein, dass sich die Industrie-Wertschöpfung der „Westachse“ vorrangig auf das Rheintal sowie auf bzw. um die Landeshauptstädte Innsbruck und Salzburg konzentriert. Überall anders dominiert der Tourismus.

Der wartet übrigens mit einem Faktum auf, das von der Studie mit keiner Silbe erwähnt wurde: der Tourismus ist jener Wirtschaftszweig, dessen Anteil an der Wertschöpfung Österreichs in den zurückliegenden zehn Jahren von allen Branchen am stärksten zugelegt hat (mehr dazu auf Seite 29)! Das trifft auch auf die „Westachse“ zu, erlaubt sich den sanften Hinweis der

Lupo

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Erstellt am: 20. April 2018

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