Standpunkt

24. April

Print-Ausgabe 22. April 2015

Der 24. April 2016 dürfte in die Geschichte eingehen. In jene von Österreich. Erstmals seit der Verfassungsrechtsnovelle aus dem Jahre 1929, durch die der Bundespräsident unmittelbar vom Volk gewählt werden sollte (der damalige Amtsinhaber hat sich gleich einmal selbstherrlich darüber hinweggesetzt), wird aller Voraussicht nach kein Kandidat der einst dominanten Machtblöcke zum Staatsoberhaupt gekürt.

Man mag über die Bedeutung und Sinnhaftigkeit dieses Amtes denken, wie man will, eines steht fest: die diesjährigen Präsidentschaftswahlen markieren eine Zäsur. Der Unmut der Bevölkerung über die seit Jahren quälende geistige Leere der Politik auf allen Ebenen, deren Konsequenz nicht nur eine dahinsiechende Wirtschaft, sondern auch eine bis in den kleinsten Lebensbereich hinein reichende unerträgliche Bürokratie ist, dieser Unmut hat – auch außerhalb des unter ihr besonders leidenden Tourismus – ein Ausmaß erreicht, dessen sich die meisten System-Akteure nicht auch nur annähernd bewusst sind.

Das Besondere an dem kommenden Wahlsonntag: es wird trotz allem keine reine Protestwahl. Dafür sorgen jene beiden Kandidaten, die Umfragen zufolge neben dem FPÖ-Mann Nobert Hofer die größten Chancen haben, in die Stichwahl zu gelangen. Dieses Trio bietet – egal, ob man sich mit der politischen Einstellung der jeweiligen Kandidaten zu identifizieren vermag – eine geradezu erfrischende Vielfalt an Stimmabgabe-Möglichkeiten, die in dieser Form noch nie da war.

Die vermeintliche rot-schwarze Erbpacht auf das Bundespräsidentenamt ist damit Geschichte. Jene, auf das Amt des Bundeskanzlers, wird folgen. Früher oder später. Mit eherner Konsequenz.

Dies wird nicht unbedingt ein Freudenereignis werden und viel von jenem Selbstverständnis nehmen, das unseren Staat in den zurückliegenden sieben Jahrzehnten geprägt hat. Da ist es kein Trost, dass auch anderorts in Europa viele alte politische Systeme ins Wanken geraten, an ihrer Arroganz zugrunde gehen, ja zum Teil bereits hinweggerissen wurden.

Der 24. April 2016 wird unser Land verändern. Vielleicht nicht sofort, aber mittelfristig. Schadenfreude ist keine angebracht. Vielmehr Trauer darüber, wie die großartigen Chancen und Möglichkeiten, die Österreich aufgrund seines hart über Jahrzehnte hindurch erarbeitenden Wohlstands bei einer halbwegs vernünftig agierenden politischen Führung offen standen, ebenso jämmerlich wie nachhaltig zunichte gemacht wurden.

Es war übrigens ein 24. April, jener im Jahr 1974, an dem im portugiesischen Rundfunk das Lied „E depois do adeus“ (Und nach dem Abschied) erklang. Es war die verschlüsselte Botschaft für den Beginn jener Nelkenrevolution, die dem Land den Weg in eine bessere Zukunft geebnet hat. Bei uns reicht bereits eine Evolution, sieht der weiteren Entwicklung mit Spannung entgegen der

Lupo

Artikel teilen per Mail verschicken ausdrucken

Erstellt am: 21. April 2016

Kommentar schreiben

Bitte die Netiquette einhalten. * Pflichtfelder

Nach oben