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Klimawandel oder nur Wetterbesserung?

Print-Ausgabe 1. Dezember 2017

Wenn es um Klimawandel geht, sind erfreuliche Informationen eher selten. Sie bewegen sich zwischen der Ankündigung des baldigen Weltunterganges und – wenn es um das Arbeitsklima geht – der Voraussage, dass demnächst der letzte brauchbare Arbeitnehmer die „Fluchtbranche“ Tourismus auf Grund der unzumutbaren Arbeitsbedingungen verlässt. Umso größer die Überraschung, wie der Vorsitzende des Fachbereiches Tourismus in der Gewerkschaft vida, Berend Tusch, die Vorstellung der 20. Ausgabe des „Arbeitsklima-Index“ einleitete:

„Ganz oben sind wir noch nicht, aber die Marschrichtung stimmt. Was die Zufriedenheit der MitarbeiterInnen betrifft, ist der Tourismus endlich da angekommen, wo alle anderen Branchen sind. Gehen die heimischen UnternehmerInnen diesen Weg weiter, wird der Tourismus in der Kategorie (Arbeitsplatz-) Attraktivität bald nicht mehr zu den Schlusslichtern zählen.“

Besonders hervorgehoben wird vor allem, dass sich die „allgemeine Zufriedenheit“ (der Gesamtindex) im Tourismus gegenüber der letzten Erhebung 2014 „signifikant“ gesteigert hat und die Einkommensentwicklung „positiv wahrgenommen“ wurde: Die Mindestlöhne stiegen von 1.320 Euro 2014 bis Mai 2018 um 13,6 Prozent auf 1.500 Euro.

In den Berichten über den jeweils aktuellen Arbeitsklimaindex wurde an dieser Stelle bisher immer versucht, die publizierten Ergebnisse mit denen in der Online-Datenbank in Übereinstimmung zu bringen. Die Verlockung, sich dies unter dem Eindruck der erstmalig positiven Interpretationen zu ersparen, war groß. Ihr nicht nachgegeben zu haben, hat interessante Ergebnisse gebracht: Die „signifikante“ Verbesserung des Tourismus im Gesamtindex auf jene Position, wo „alle anderen“ sind, wurde bereits 2013 erreicht, als der Indexwert mit 108 Punkten im Tourismus auf gleicher Höhe mit dem Gesamtindex für alle Branchen lag. Nach einem kurzfristigen Tief wurde dieser Gleichstand heuer wieder erreicht. Die Zufriedenheit mit dem Einkommen lag 2014 im Tourismus bei 50 Punkten, im Gesamtindex bei 54. Seither hat der Gesamtindex um vier Punkte auf 58 zugelegt, im Tourismus waren es fünf auf 55, also nur um einen Punkt mehr. Für eine doch beachtliche Einkommensverbesserung ist das bescheiden. Die Zufriedenheit mit den  Arbeitszeiten ist bis heute der größte Branchenschwachpunkt: 2014 lag sie im Gesamtindex bei 76 Punkten und im Tourismus bei 69, 2017 bei 77 zu 70. Der Abstand ist gleich geblieben, der Zusammenhang mit Stressbelastung ist aber nicht erkennbar: Der „psychische“ Stress ist im Gesamtindex in den letzten vier Jahren mit 27 Punkten gleich geblieben, im Tourismus aber von 30 auf 25 gesunken, der „physische“ im Gesamtindex von 21 auf 19, im Tourismus von 22 auf 15. Auf der Suche nach einer Erklärung für dies und andere Werte kann man sich nur an die Feststellung von Georg Michenthalter halten, der das Projekt Arbeitsklimaindex bei IFES betreut: Die Zahlen sind nicht repräsentativ, das Sample ist zu heterogen und zu klein. Das Ergebnis ist eine Art Stimmungsbild der subjektiven Befindlichkeit der Mitarbeiter der Branche. Das bestätigen auch die sehr kurzfristigen Ausschläge vieler Werte nach oben und unten: So schnell kann sich das Arbeitsumfeld nicht ändern. Die Aussagekraft der einzelnen Indexwerte sollte man also nicht überschätzen. Besser fundiert scheint das Ergebnis einer Sonderauswertung für den Tourismus: 2014 wollten nur 50 Prozent der Befragten ihren gegenwärtigen Job im Gastgewerbe beibehalten, 20 Prozent wollten den Beruf wechseln. Diese „Fluchttendenz“ hat nachgelassen, immerhin 61 Prozent wollen Position und Tätigkeit beibehalten und nur 17 Prozent die Branche wechseln. Nach bisherigem Brauch hätte man dies vor allem der deutlichen Verbesserung der Konjunktur zugeschrieben, insbesondere im Tourismus, wo 2016 erstmalig seit 2011 die Zahl der Arbeitslosen zurückging. Die Entwicklung der Indexzahlen hätte dies durchaus auch zugelassen. Den aktuellen Arbeitsklimaindex so zu interpretieren, dass man für die positive Entwicklung den Unternehmern den Lorbeer umhängen konnte, ist eine neue Qualität der Sozialpartnerschaft.

Wie sie sich anfühlt, zeigte eine an die Präsentation anschließende Diskussion: Fast alle Probleme wurden angesprochen, aber ohne Untergriffe oder Aggression. ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer, Großgastronom Attila Dogudan und Berend Tusch kamen zum Ergebnis, dass man die Probleme nur gemeinsam lösen kann. Ob sich damit ein echter Klimawandel ankündigt oder nur eine kurzfristige Wetterbesserung, bleibt abzuwarten.

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Erstellt am: 01. Dezember 2017

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