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Hallstatt goes Disneyland?

Print-Ausgabe 2. November 2018

Sie stehen im Vorgarten, gelegentlich auch im Wohnzimmer, oder montieren einen Fensterflügel ab, um freie Kamerasicht zu haben. Sie drängen sich am „View­point“, der die beste Postkartenperspektive bietet, die sie von den Urlaubsfotos ihrer Freunde kennen. Gelegentlich wird ein Paar in Hochzeitsmontur mit der Kirche im Hintergrund abgelichtet, zur Dekoration der Trauung, die dann zu Hause stattfindet. Fotografierend und gut gelaunt schnatternd übervölkern sie die engen Gassen, in denen Fleischhauer, Friseur und Trafik längst Souvenirläden gewichen sind. Letztlich landen sie in einem der Lokale, in denen sie eine halbe Stunde ihres oft nur zweistündigen Aufenthaltes für ein dreigängiges Menü zur Verfügung haben. Den Ort, in dem sie sich befinden, kennen sie aus dem Fernsehen und den Reiseberichten ihrer Freunde.

Die Rede ist von Hallstatt, dem österreichischen „Role Model“ zum Thema „Overtourism“. Das ORF TV-Magazin „Am Schauplatz“ beleuchtete es vorbildlich und was dabei herauskam, bestätigte die für die Problematik typische Erkenntnis: Die Einstellung wird von der persönlichen Betroffenheit bestimmt. Wer vom „Massentourismus“ profitiert, nimmt die negativen Begleiterscheinungen in Kauf. Und bis diese so belastend werden, dass sich echter Widerstand formiert, sind die Gegenstimmen nicht mehr laut genug.


In Hallstatt ist das nicht anders als in Venedig oder Dubrovnik. Natürlich sind die Einwohner der 800-Seelen-Gemeinde genervt, wenn im Tagesschnitt die Insassen von 80 bis 100 Reisebussen durch den Ort marschieren, die Einheimischen aus den Lokalen und von ihren Stammtischen verdrängen und das traditionelle Dorfleben zum Erliegen bringen. Mit Tafeln wie „Respect my privacy“ versuchen sie, die Touristen aus ihren Vorgärten fern zu halten und mit „No Drones“ die fliegenden Kameras von ihren Frühstückstischen. „So kann es nicht weitergehen“, erklärt dazu Bürgermeister Alexander Scheutz, hebt aber im gleichen Atemzug hervor, dass er Gäste „weder beleidigen noch vergrämen“ möchte. Er erinnert daran, dass Hallstatt noch vor wenigen Jahren als „sterbendes Dorf“ galt, das „chronisch Pleite“ war und dem die Jugend davon lief. Dass sich das durch den Tourismus grundlegend geändert hat, wird von den Einwohnern als erfreulich angesehen. Besonders ärgert den Bürgermeister die Behauptung, dass Tagesgäste zu wenig Wertschöpfung bringen: Alleine die 30 Euro Parkgebühr pro Bus und die sechs öffentlichen WC-Anlagen, die je 800 bis 1.000 Euro pro Tag abwerfen, ergeben mehr, als die Grundsteuer.

Keine Drehkreuze

Auch jene, die von den Touristenströmen nicht direkt profitieren, sind in ihren Forderungen eher moderat: Eine Pensionistin, die einst selbst Zimmer vermietete, trat mit einer eigenen Liste „Bürger für Hallstatt“ zur Wahl an. Mit dem Slogan „Tourismus mit Maß und Ziel“ erhielt sie auf Anhieb 28 Prozent der Stimmen. Dass dieser Erdrutsch letztlich nur 125 der rund 450 gültigen Stimmen ausmacht, relativiert sein Gewicht. In einem Punkt sind alle einig: Keine Drehkreuze und Eintrittsgebühren – man will kein Freilichtmuseum sein, nur die Gäste besser verteilen. Ein in Arbeit befindliches Verkehrskonzept wird voraussichtlich ein „Slot System“ bringen, Busse müssen exakte Zeiten für Ankunft und Abfahrt vorbuchen.

Dass der Andrang nachlässt, ist nicht zu erwarten. Österreich gibt schließlich genug Geld aus, um am touristischen China- bzw. Asien-Boom zu partizipieren. Bei künftigen Overtourism-Diskussionen wäre es empfehlenswert, Disneyland-Lösungen nicht von Haus aus auszuschließen. In manchen Fällen hätten vielleicht gerade jene mehr davon, die nicht zu den Profiteuren des Massentourismus gehören.

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Erstellt am: 02. November 2018

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