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Arbeit im Tourismus soll wieder „cool“ werden

Print-Ausgabe 29. Jänner 2016

„Wir wollen erreichen, dass es wieder cool wird, im österreichischen Tourismus zu arbeiten.“ Auf diesen einfachen Nenner konzentrierte Michaela Reitterer die Zielsetzung des „größten Projektes in der Geschichte der Österreichischen Hoteliervereinigung“. Zum Start ihrer neuen Funktionsperiode als Präsidentin der ÖHV kündigte sie beim ÖHV-Kongress in Zell am See eine über drei Jahre laufende Kampagne zur Sicherung des qualifizierten Berufsnachwuchses an. Für sie ein „Herzensprojekt“: „Das permanente Schlechtreden der Branche muss ein Ende haben. Wir müssen vom Reden zum Handeln kommen und unsere Leute selbst ausbilden“.

Nicht nur Köche und Kellner

Ziel ist, die Arbeitswelt in der Hotellerie transparent zu machen. Den jungen Leuten, aber auch ihren Eltern zu zeigen, dass Berufe im Tourismus mehr zu bieten haben, als Arbeitsleid, dass es nicht nur Köche und Kellner gibt, sondern auch technik-affine Tätigkeiten, dass man auch Fachleute für die Rezeption, die Zusammenarbeit mit Buchungsplattformen, Preispolitik oder Marketing braucht. Die Kampagne startet mit einem „Tag der offenen Hoteltüre“ in etwa 50 Hotelbetrieben vorwiegend in Wien und Salzburg am 9. Oktober – ein Sonntag, an dem auch Eltern Zeit haben, die häufig eine negative Einstellung zur Arbeit im Tourismus haben. Angesprochen werden nicht nur Schüler allgemeiner Schulen, sondern ebenso Absolventen vom Tourismusschulen, Umsteiger und Wiedereinsteiger: Man möchte einen Teil der von anderen Branchen abengagierten Fachschulabsolventen zurückholen. Die jungen Leute sollen über alle Medienkanäle angesprochen werden, neben Social Media wie Facebook, Youtube oder Instagram auch über traditionelle Medienwerbung und über Berufsinformation in Schulen oder auf Messen.

Dass die Situation bei der Sicherung eines qualifizierten Berufsnachwuchses immer prekärer wird, liegt auf der Hand: In zehn Jahren ist die Zahl der Lehrlinge in den Tourismusberufen von 14.000 auf 10.000 zurückgegangen, im Vorjahr blieben rund 1.500 Lehrstellen unbesetzt.

Das perfekteste Konzept ist nur so gut, wie seine Umsetzung. Die ÖHV selbst investiert eine halbe Million Euro – für eine Standesvertretung mit 1.300 Mitgliedern ein ordentlicher Brocken, für eine Kampagne dieser Größenordnung eine schmale Finanzbasis. Ob die Projektpartner Wirtschafts- und Sozialministerium, AMS und hogast auch Geld in die Hand nehmen, ist offen. Man hofft auf Sponsoren aus dem Branchenumfeld. Ein ambitioniertes Großprojekt verlangt Professionalität. Wenn Michaela Reitterer die Mitglieder des erweiterten Präsidiums zum Einsatz in Schulen rekrutiert, beweist das Engagement. Aber wie viele von diesen 70 sicher tüchtigen Hoteliers können wirklich in einem Vortrag einen Schwarm uninteressierter, zum Teil voreingenommener Schüler für die Tätigkeit in der Hotellerie begeistern?

Qualität muss gelebt werden

Die Präsidentin sieht die Kampagne vor allem als Signal an die Öffentlichkeit, dass die Hotellerie ein Wirtschaftszweig ist, der seinen Erfolge auf Qualität aufbaut, auch beim Einsatz der Mitarbeiter. Es soll aber auch ein Signal an die eigenen Mitglieder sein, dass diese Qualität auch gelebt werden muss. Es ist nicht der erste Versuch, das notorisch angeschlagene Berufsimage aufzuhellen. Schon vor Jahrzehnten wollte die ÖHV „Sozialstandards“ einführen, die ihre Mitglieder als Arbeitgeber mit besonderer Qualität ausweisen. Obwohl die Anforderungen keineswegs überzogen waren, wurde der Plan mangels Akzeptanz schnell schubladiert. Es wäre auch verfehlt, die Imageprobleme nur als Folge des „Schlechtredens“ durch die Arbeitnehmerseite zu sehen: Aktuelle Studien in Österreich und in Deutschland bestätigen, dass von Lehrlingen immer und überall vor allem drei Kritikpunkte angeführt werden: Beziehungsfeindliche Arbeitszeiten, relativ schwaches Einkommen und Ausbildungsmängel. Wie man diese Defizite durch andere Benefits kompensieren kann, soll die ÖHV-Kampagne zeigen. Wenn nicht genügend Hotelbetriebe mit ziehen, wird sich vielleicht eine Elite der Ausbildungsbetriebe herauskristallisieren. Wäre auch ein gutes Ergebnis. Dass die Gewerkschaft als „Projektpartner“ dabei ist, wäre wohl zu viel verlangt – jedenfalls derzeit.

Günther Greul
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Erstellt am: 29. Jänner 2016

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