Tourismus-Politik

„Keine Schönmalerei, sondern kommunizieren das, was Sache ist.“

Print-Ausgabe 10. Februar 2017

ÖHV-Präsidentin Reitterer und Generalsekretär Gratzer zur Lage der Branche, das Fehlen der Politik beim Kongress und das Arbeitsübereinkommen der Regierung

Beim ÖHV-Kongress 2017 Mitte Jänner in Bad Ischl fiel einerseits das Fehlen der Bundespolitik auf, anderseits fand er vor allem dadurch seinen medialen Widerhall, dass laut ÖHV-Bilanzanalyse ein Viertel der Betriebe vor dem Aus stehen (Schlagzeilen: „Sterbehilfe für marode Hotelbetriebe“ oder „Die Wahrheit zwischen Investitionsboom und Betriebsaus“). Vierzehn Tage später einigte sich die Bundesregierung auf ein neues Arbeitsübereinkommen. Grund genug, ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer und Generalsekretär Markus Gratzer mit einigen kritischen Fragen zu konfrontieren.

T.A.I.: Es war heuer der 5. ÖHV-Kongress seit Ihrer Wahl zur (damals noch Co-) Präsidentin und der 3. unter Ihnen als Generalsekretär. Wie sehr trägt der Kongress bereits die Handschrift von Ihnen beiden?

Reitterer: „Er trägt unsere Handschrift.“

Gratzer: „Wir haben uns in den zurückliegenden drei Jahren Schritt für Schritt dorthin entwickelt. Inhaltlich sieht man das auf Ebene der Referenten, wobei wir immer ein bestimmtes Arbeitsthema herunterbrechen, das dann unseren Jahresschwerpunkt bildet. Im Vorjahr war dies Tourismus 4.0, heuer ist es der #GameChanger, den wir das ganze Jahr bespielen.“

Reitterer: „Wir eröffnen das Tourismusjahr mit dem Kongress und geben mit dem Arbeitsthema vor, in welche Richtung es gehen soll. Ein weiteres Ziel von uns war es, noch mehr Hoteliers zum Kongress zu bringen, vor allem auch junge Hoteliers. Das ist uns gelungen.“

T.A.I.: Können Sie konkrete Zahlen nennen?

Gratzer: „Früher waren es unter 300 Hoteliers, heuer sind 340 gekommen. Wir haben ja auch viele neue Mitglieder in der ÖHV – im Vorjahr kamen 80 neu dazu –, die aktiver teilnehmen.“

T.A.I.: Wenn man sich das Kongress-Programm ansieht, dann dominieren Frontalvorträge. Soll das so bleiben, oder sind hier – Stichwort Meeting Architecture – neue Impulse angedacht?

Gratzer: „Grundsätzlich sind uns neue Impulse immer wichtig. Wir hinterfragen uns ständig. Auch den Kongress. Und wir probieren immer neue Plattformen aus. Wobei Neuerungen auch von den gewählten Inhalten und den Locations abhängen. Unser Anspruch ist es, stets neue Impulse zu setzen, auch zu überraschen und neue Ideen umzusetzen. Generell gilt aber: Beim Kongress liegt der Schwerpunkt nicht im Operativen, sondern darin, Inspiration zu liefern und Ideen zu geben.“

Reitterer: „Der Kongress steht für das ‚Was‘, unsere Profit-Days für das ‚Wie‘.“

T.A.I.: Bei den Vorträgen und Podiumsdiskussionen fehlte diesmal die Politik. Wie sehen Sie das Fernbleiben der Politik vom ÖHV-Kongress?

Reitterer: „Der Herr Vizekanzler hat sich angeboten, zu kommen, und er hat mich dann angerufen und persönlich abgesagt, weil es mit dem Zentrum (Anm.d.Red.: die ORF-Sendung ‚Im Zentrum‘) und nach der Ansprache von Bundeskanzler Kern (Anm.d.Red.: die Präsentation des ‚Plan A‘) nicht anders gegangen ist. Ich habe aber empfunden, dass die Politik durch die Ansprache von Thomas Hofer präsent war (Anm.d.Red.: der Politikberater referierte zum Thema ‚Politiker als GameChanger?‘). Es gibt Mitglieder, die die Politik vermisst haben, und es gibt Mitglieder, die genau das Gegenteil sehen.“

Gratzer: „Es wird immer politische Sessions beim Kongress geben. Er ist der größte und wichtigste Branchen-Kongress im Tourismus. Da muss man immer auch politische Themen diskutieren.“

T.A.I.: Medial hat das Pressegespräch mit der Präsentation der ÖHV-Bilanzanalyse größere Wellen geschlagen. Hängen geblieben ist vor allem, dass ein Viertel der Betriebe vor dem Aus steht. Ist dies wirklich jenes Bild, das die ÖHV gerne über den Zustand der Hotellerie nach außen kommunizieren will?

Reitterer: „Wir wollen nichts schön- oder schwarzmalen, sondern das kommunizieren, was Sache ist. Für uns ist das ‚postfaktische Zeitalter‘ noch nicht angebrochen. Wir haben die größte Branchen-Analyse für die Hotellerie präsentiert, die es je gegeben hat. Das sind die Fakten. Es geht darum, dass die Politik sieht, dass Nächtigungszahlen nicht alles sind. Wir müssen uns auch die Zahlen unterhalb dieser Ebene ansehen. So wie man vielen anderen Branchen Förderungen nachwirft, wünschen wir, dass es Unterstützung für jene gibt, die aufhören müssen, um neue Wege zu öffnen.“

T.A.I.: Wenn Sie die Top-25 Prozent der Betriebe näher betrachten: Kristallisieren sich Gründe heraus, weshalb diese Hotels so erfolgreich sind?

Gratzer: „Man hat gewisse Faktoren gesehen. Einer davon besteht aus Umsatz und Größe. Das hängt auch mit Investitionsfähigkeit zusammen und mit der Fähigkeit zur Positionierung. Dazu kommt der Wille zur Lernfähigkeit, sich selbst zu hinterfragen, und auch die Mitarbeiter- und Produktentwicklung voranzutreiben, um sich als Unternehmer die Handlungsfähigkeit zu erhalten. Darum auch unser Thema #GameChanger, das die Betriebe animieren soll, sehr selbstbewusst zu agieren.“

Reitterer: „Es sind jene Betriebe erfolgreich, die in den großen Themen unserer Zeit, wie z.B. Digitalisierung, Chancen sehen und diese auch umsetzen.“

T.A.I.: Lassen sich diese Strategien auf ‚die breite Mitte‘ umlegen, damit auch diese wirtschaftlich stärker wird?

Reitterer: „Ja, Ausbildung und Weiterbildung sind dabei ganz wichtige Themen. Nur wenn ich als Unternehmer Qualifikation auch lebe, kann ich das weitergeben. Die ÖHV hat mit der Unternehmer-Akademie (UNA), der Abteilungsleiter-Akademie (AKA) und dem Lehrgang Online Marketing & Revenue Management (LORY) gute Angebote, die auch intensiv wahrgenommen werden.“

T.A.I.: Die Regierung hat sich am letzten Jänner-Wochenende auf ein neues Arbeitsprogramm geeinigt. Wie beurteilen Sie dies aus Sicht der Hotellerie?

Gratzer: „Auf den Schlagwort- und Überschriftenseiten gibt’s Themen, die wichtig für die Branche sind, wie die Arbeitszeit-Flexibilisierung und Lohnnebenkosten-Senkung. Eine Wunderwaffe ist es nicht, aber eine notwendige Medizin für den Standort Österreich. Sehen wir, wie das umgesetzt wird. Instrumente, wie die Forschungsförderung zu erhöhen, sind Industrie lastig und kommen weniger bei den KMU an. Wie die Gegenfinanzierung aussieht, etwa durch Endbürokratisierung und den Sozialversicherungsbereich, lässt sich jetzt noch nicht sagen.“

Reitterer: „Wir werden die Maßnahmen daran messen, welchen Stellenwert der Tourismus in der künftigen Standort-Politik für Österreich hat.“ 

Impressionen vom ÖHV-Kongress 2017

Impressionen vom ÖHV-Kongress 2017

Impressionen vom ÖHV-Kongress 2017

Impressionen vom ÖHV-Kongress 2017

Artikel teilen per Mail verschicken ausdrucken

Erstellt am: 10. Februar 2017

Zogen eine positive Bilanz über den  ÖHV-Kongress: Michaela Reitterer und Markus Gratzer

Kommentar schreiben

Bitte die Netiquette einhalten. * Pflichtfelder

Nach oben