ÖHV

„Bitte keine Überschriften!“ Tourismus-Strategie braucht Inhalte

Print-Ausgabe 30. November 2018

Seit Anfang November gilt für die Mehrwertsteuer auf Logis wieder der alte Satz von 10 Prozent, anstelle der seit zweieinhalb Jahren verlangten 13 Prozent. Es war nicht das einzige Thema, das Österreichs Tourismus unter den Nägeln brannte. Worum es jetzt vorrangig geht, darüber sprach Michaela Reitterer, die Präsidentin der ÖHV (Österreichische Hoteliervereinigung), im Interview mit T.A.I.

T.A.I.: Die Logis-Umsatzsteuer ist wieder auf 10 Prozent. Sind Sie zufrieden?

Reitterer: „Das ist kein Steuergeschenk, sondern die Rücknahme eines großen Fehlers. Wir sind bei der Regierung glücklicherweise auf offene Ohren gestoßen. Die vorhergehende hat uns die 13 Prozent umgehängt, die jetzige stattdessen zugehört und keine Abwehrhaltung eingenommen. Wir sind im Vorjahr alle wirklich gelaufen, die ganze Branche. Wir haben damit unter Beweis gestellt, was wir erreichen können, wenn alle am selben Strang ziehen und das in dieselbe Richtung. Man hat gemerkt, was ein geeintes Lobbying bewirken kann. Wir wünschen uns jetzt, dass die Branche an anderen Themen auch so dran bleibt.“

T.A.I.: Welche wären das?

Reitterer: „Ein wichtiges Thema sind die MitarbeiterInnen. Da sind alle gefordert, denn das Image für unsere Branche können nur wir selbst ändern. Jedes einzelne Unternehmen muss mit seinem eigenen Team daran arbeiten, zu einer Arbeitgeber-Marke zu werden. Wir müssen mehr in die Ausbildung investieren. Das wäre wiederum ein gutes Förderprogramm für die Regierung. Sechs Prozent der Investitionen gehen laut ÖHT (Österreichische Hotel- und Tourismusbank) in MitarbeiterInnen-Unterkünfte. Es wäre positiv, wenn Förderungen auch für die Ausbildung möglich würden und ich hoffe, dass die ÖHT dafür mit Mitteln ausgestattet wird. Ich glaube nicht, dass ich hier auf taube Ohren stoße.“

T.A.I.: Wieso soll der Staat die Ausbildung in einer Branche fördern, die niedrigere Löhne und Gehälter zahlt, als beispielsweise die Industrie?

Reitterer: „Dieses Argument lasse ich so nicht gelten. Der Staat gibt der Industrie Hunderte Millionen Euro an Förderungen. Deshalb können die sich höhere Gehälter leisten und uns MitarbeiterInnen abwerben. Gebt uns auch Hunderte Millionen für unsere MitarbeiterInnen und wir zahlen ihnen mehr! Die ehemalige Finanzministerin Maria Fekter hat einmal gesagt: ‚Ihr könnt uns nicht erpressen. Aber wenn ich denen nichts gebe, sind die übermorgen weg.‘ Wir haben keine Gruppenbesteuerung, wir zahlen alle Steuern hier. Und wir haben keine Zentralserver in Irland, sondern hier. Booking versteuert in Irland, die haben wenigstens ein paar MitarbeiterInnen in Österreich. Airbnb hat nicht einmal das und Uber zahlt gar keine Abgaben in Österreich.“

T.A.I.: Stichwort Airbnb: Wie ist hier die Position der ÖHV?

Reitterer: „Ich bin für eine bundesweite Registrierungspflicht. Airbnb bricht keine Gesetze, sondern reizt die Rahmenbedingungen aus. Die müssen wir festlegen – inklusive Verpflichtung, dass auf Airbnb und Booking steht, dass es sich bei dem Vermieter oder der Vermieterin um einen registrierten Anbieter handelt. Machen wir ein ordentliches Gesetz dazu! Das ist kein Problem für die Hotellerie, sondern für die Regierung, wenn Leute keine Steuern zahlen und keine MitarbeiterInnen beschäftigen. Die Qualitäts-Hotellerie wird’s immer geben.“

T.A.I.: Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus, also dem Lehrlings-Bereich?

Reitterer: „Bei der Lehrlings-Ausbildung haben wir ganz aktuell einen Riesenerfolg erzielt: Die Lehrberufe im Tourismus werden überarbeitet und um digitale Kompetenzen erweitert. Dafür kämpfe ich seit meinem Beginn als ÖHV-Präsidentin. Wir müssen als Arbeitgeber attraktiv bleiben. Das ist wichtig, weil wir im Gegensatz zur Sharing Economy MitarbeiterInnen anstellen und ausbilden. In der Stadt-hotellerie kommt auf fünf Betten ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, bei privaten Hosts null. Wichtig ist, dass die Umsätze von Kunden in allen Branchen in Ausbildung und Löhne fließen, sonst wird’s mit unserem Sozialsystem eng.“

T.A.I.: Der ÖHV-Kongress 2019 steht unter dem Motto „#RethinkTourism“. Was ist damit gemeint?

Reitterer: „Es geht in erster Linie um das Thema Nachhaltigkeit. Ich habe soeben einen Marken-Preis für das Boutique Hotel Stadthalle erhalten, das erste Null-­Energie-­Bilanz-­Hotel der Welt. Dass ein so kleines Hotel eine derartige Auszeichnung erhält, zeigt, wie stark das Konzept der Nachhaltigkeit ist! Das Thema ist angekommen. Bei mir brauchen die Gäste weniger CO2 als zuhause! Wir werden auf dem Kongress zeigen, wie nachhaltig der Tourismus in Zukunft sein wird und wie wir nachhaltig investieren. Der Tourismus ist eine der wenigen wachsenden Branchen für die Zukunft. Wir dürfen nicht auf schnelles Geld abzielen, sondern müssen überlegen, wie alle davon etwas haben können. Ich bin überzeugt, dass die österreichische Qualitäts-Hotellerie darauf die richtigen Antworten gibt.“

T.A.I.: Welche Rolle wird dabei der „Plan T“ spielen?

Reitterer: „Ich finde es toll, dass es eine Tourismus-Strategie geben wird, die all diese Themen abhandelt… hoffentlich. Meine größte Bitte ist, dass der ‚Plan T‘ nicht nur Überschriften produziert, sondern auch Inhalte, dass er den Weg des österreichischen Tourismus definiert und auch vorgibt. Der ‚Plan T‘ hat Potential – wenn er nicht nur aus Überschriften besteht! Auf der ITB werden wir’s erfahren.“

T.A.I.: Ihre Amtszeit läuft noch drei Jahre. Werden sich nochmals als ÖHV-Präsidentin kandidieren?

Reitterer: „Ich weiß nicht, ob ich noch einmal gewählt werde. Aber ich kann noch einmal antreten und möchte Spuren hinterlassen. Wir haben jetzt endlich eine Tourismusministerin. Mein Ziel ist es, zu erreichen, dass jeder in der Regierung egal in welchem Ressort, gleichzeitig auch TourismusministerIn ist und der Tourismus damit jenen Stellenwert erhält, der ihm schon lange zusteht.“ 

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Erstellt am: 30. November 2018

„Mein Ziel ist es, dass der Tourismus den Stellenwert erhält, der ihm zusteht“: ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer

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