T.A.I. Exklusiv-Interview

„Wirte mehr bei Büchern, als bei den Gästen. Da stimmt etwas nicht“

Print-Ausgabe 6. Mai 2016

Kärntens Tourismus wartet mit einer starken Wertschöpfung auf. Helmut Hinterleitner fordert jetzt einen Stopp der überbordenden Bürokratie

T.A.I.: Aus der Anfang April präsentierten Wertschöpfungsanalyse über Kärntens Tourismus- und Freizeitwirtschaft geht hervor, dass die Branche mit 2,366 Mrd. Euro Bruttowertschöpfung und 17,6 Prozent der direkten oder indirekten Beschäftigungsverhältnisse Kärntens zweitstärkster Wirtschaftszweig ist. Hat Sie das überrascht?

Helmut Hinterleitner: „Nein. Es war mir immer klar, dass die offizielle Statistik zu kurz greift. Oft bildet die Statistik nur den Hotel- und Gaststättenbereich ohne das restliche touristische Umfeld ab. Wichtige Bereiche wie Kultur, Unterhaltung, Erholung, ja praktisch der ganze Freizeitbereich fallen dabei unter den Tisch.“

T.A.I.: Finden Sie, dass die Landesregierung angesichts dieser Zahlen dem Tourismus ein stärkeres Augenmerk geben sollte? Wo wären aus Ihrer Sicht die wichtigsten Schritte zu setzen?

Hinterleitner: „Zunächst einmal gilt auch für die Landesregierung: Stopp der überbordenden Bürokratie! Wenn der Gastwirt mehr bei seinen Büchern sitzt als bei seinen Gästen, stimmt etwas nicht mehr. Der Tourismus bringt dem Land einiges, was andere Branchen nicht können: Sichere Arbeitsplätze auch in strukturschwachen Tälern, Aufträge für Professionisten im Nahbereich, Einkauf bei regionalen Produzenten, und in Kärnten jährlich 1,7 Mrd. Euro Umsatz durch auswärtige Gäste. Damit ist der Tourismus, nach der Exportwirtschaft, der zweitwichtigste „Devisenbringer“ im Land.“

T.A.I.: Laut der Wertschöpfungsanalyse verbuchte die Beherbergung und Gastronomie seit dem Jahr 2000 „eine sehr dynamische, überproportionale Entwicklung“ (Bruttowertschöpfung: +72,5%). Die Nächtigungen sind in diesem Zeitraum von 13 Millionen auf 12,175 Millionen zurückgegangen. Steht das nicht im Widerspruch?

Hinterleitner: „Nur scheinbar. Es hat in diesen anderthalb Jahrzehnten eine gewaltige Strukturbereinigung stattgefunden. Heute sind mehr als 20 Prozent weniger Betten am Markt, der Anteil der 4- und 5 Stern-Betten ist aber um fast 30 Prozent gestiegen. Das erklärt die wesentlich höhere Wertschöpfung.“

T.A.I.: Sie leiten seit November 2007 die Sparte. Damals nannten Sie eine Sommerinfrastrukturoffensive als vordringlich, Ziel sei ein Vierjahreszeitentourismus in Kärnten. Was ist daraus geworden?

Hinterleitner: „Vierjahreszeitentourismus in Kärnten ist ein langfristiges Ziel. Es sind uns im Herbst bei der Saisonausdehnung Erfolge gelungen, aber es ist schwierig, das gebe ich zu. Es wurden in den letzten Jahren einige Leuchtturmprojekte umgesetzt, wie zwei Badehäuser am Millstätter- und Wörthersee. Man muss den Markt aber genau beobachten, auch die klimatischen Veränderungen natürlich, und da ist die steigende Nachfrage im Outdoor-Bereich auch in den Schultersaisonen vielversprechend.“

T.A.I.: Rund um die Wertschöpfungsanalyse bezeichneten Sie neuerlich, wie bereits 2007, den Ausbau der Infrastruktur als vordringlich und nannten dabei das Radwegenetz. Ist diesbezüglich zu wenig geschehen?

Hinterleitner: „Es ist viel geschehen, aber es gibt noch schmerzliche Lücken im Radwegenetz, vor allem die Anbindung an die Seen ist noch nicht optimal. Am Mountainbike-Sektor holen wir stark auf, wobei allerdings die kleinstrukturellen Besitzverhältnisse in Kärntens Wäldern eine große Herausforderung darstellen. Zu einer echten Erfolgsgeschichte ist der Alpe Adria Trail geworden – ein weiteres Beispiel dafür, wie schnell Megatrends entstehen. Noch vor einigen Jahren die Domäne einiger Bergfexe, heute Breitensport taugliches Urlaubsvergnügen.“

T.A.I.: Kärnten hat sich an die Spitze der Slow Food Travel-Bewegung gestellt. Wie sehen Sie als Gastronom diese Initiative?

Hinterleitner: „Slow Food ist die ideale Ergänzung zum Trend hin zu hochwertigen, regionalen Produkten. Die sind ja viel zu schade, um in Wettkampfmanier, mit der Stoppuhr in der Hand hinuntergeschlungen zu werden! Slow Food und Kärnten passen zusammen, immerhin ist Italien nicht weit und Italien ist das Ursprungsland der Slow Food-Bewegung.“

T.A.I.: Mit 1. Mai trat die Mehrwertsteuererhöhung auf Logis in Kraft. Wie haben Sie sich in Ihrem Betrieb darauf vorbereitet?

Hinterleitner: „Vorweg: Die Mehrwertsteuererhöhung auf Logis war eine krasse Fehlentscheidung des Finanzministers, vor allem, wenn man die Steuersätze der wesentlichen Mitbewerber kennt. Im Betrieb ist der neue, zusätzliche Steuersatz zunächst natürlich mit technischem Anpassungsaufwand und mit mehr Bürokratie verbunden. Bei der Preisgestaltung gebe ich die Steuererhöhung weiter, mir ist aber bewusst, dass das nicht jeder Betrieb voll durchsetzen wird können.“

T.A.I.: Sie feiern heuer Ihren 66. Geburtstag. Wie sehen Sie – mit Blick auf die jüngste Steuerreform – die Nachfolge-Thematik?

Hinterleitner: „Die Steuerreform und die damit einhergehenden Belastungen sind natürlich ein verheerendes Signal für Betriebsnachfolger. Eine Betriebsübernahme ist immer ein Kraftakt. Unternehmer sein muss Freude machen, sonst tut man sich das nicht an. Ich fordere die Politik eindringlich auf, endlich ein unternehmerfreundlicheres Klima zu schaffen, damit sich unsere Unternehmer wieder auf ihre Kernaufgabe, nämlich gute Gastgeber zu sein, konzentrieren können.“ 

Kurzportrait Helmut Hinterleitner

Komm.-Rat Helmut Hinterleitner ist Jahrgang 1950 (23. Juli, Sternzeichen Löwe), betreibt mit seiner Familie das 4-Sterne Hotel Schönruh in Drobollach am Faakersee (35 Zimmer, À la carte Restaurant) und ist seit 1980 als Spitzenfunktionär in der Wirtschaftskammer Kärnten tätig. Von 1995 bis 2015 war Hinterleitner Fachverbandsvorsteher der Gastronomie in der WKÖ, seit 2007 ist er Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer Kärnten.

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Erstellt am: 06. Mai 2016

Tourismussparten-Obmann der Wirtschaftskammer Kärnten: Helmut Hinterleitner

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