T.A.I.-Exklusiv-Interview

Stopp für neue Belastungen! „Haben genug Dinge zu verkraften“

Print-Ausgabe 12. Februar 2016

Die Tourismus- und Freizeitbranche ist innerhalb der WKO durch neun Landessparten sowie die Bundessparte organisiert. Alle decken ein breites Spektrum an Unternehmen ab, wobei bei den Obmännern die Gastronomie (Burgenland, Steiermark, OÖ) und Hotellerie (Bundessparte sowie Vorarlberg, Tirol, Salzburg, NÖ und Kärnten) dominieren. Nur Wien (Segelschule) macht eine Ausnahme. T.A.I. startet eine Serie, in der alle Sparten-Chefs vorgestellt werden und ihre Positionen zu ebenso aktuellen wie kritischen Themen erläutern. Den Anfang macht Bundessparten-Obfrau Petra Nocker-Schwarzenbacher (4-Sterne Hotel Brückenwirt in St. Johann im Pongau).

T.A.I.: Sie stehen seit bald zwei Jahren an der Spitze der Bundessparte und vertreten damit rund 90.000 UnternehmerInnen. Der standespolitische Spagat reicht von der Hotellerie und Gastronomie über Reisebüros und Fremdenführer, bis hin zu Modelagenturen, Wettkommissären sowie Segel- und Tanzschulen. Überdehnen Sie sich bei einem so breiten Aufgabengebiet nicht?

Petra Nocker-Schwarzenbacher: „Dazu kommen die privaten Krankenhäuser und Gesundheitsbetriebe, Schausteller, Kinos, Eventagenturen, Fitnesscenter und viele andere Branchen. Dementsprechend ist auch unsere Organisation in der Wirtschaftskammer aufgestellt.
In der Bundessparte gibt es sechs Fachverbände mit starken Obmännern, in der Praxis läuft das folgendermaßen: Themen, die einen Fachverband betreffen, werden auch von diesem behandelt. Das Gesetz über private Krankenanstalten oder den KV im Kur- und Rehabereich behandelt der Fachverband der Gesundheitsbetriebe unter Leitung von Obmann Julian Hadschieff direkt, Verhandlungen mit einer Fluglinie über die Konditionen für die Reisebüros verhandelt der zuständige Fachverband unter der Führung von Felix König. Den KV für das Hotel- und Gastgewerbe verhandeln federführend die Obmänner Mario Pulker (Gastronomie) und Siegfried Egger (Hotellerie). Schausteller, Kinos und Kulturbetriebe vertritt Obmann Heimo Medwed und die Agenden der Freizeit- und Sportbetriebe liegen in der Hand von Obmann Gerhard Span.
Bei mir laufen die Fäden letztlich zusammen, insbesondere bei Themenstellungen, die mehrere Branchen betreffen. Hier gibt es eine enge Abstimmung und ich habe das letzte Wort, wenn es darum geht, welche Position die Sparte der Tourismus- und Freizeitwirtschaft zu einem Thema einnimmt. Denn letztlich habe ich die Spartenmeinung gesamthaft gegenüber der Politik und auch im eigenen Haus zu vertreten.“

T.A.I.: Bei Ihren Statements dominieren Hotellerie und Gastronomie. Weshalb?

Nocker-Schwarzenbacher: „In der medialen Wahrnehmung ist das sicher richtig. Das liegt aber auch daran, dass ich zu diesen Themen öfter befragt werde, als zu Themen der Freizeitbetriebe oder der Kinos. Wenn die Frage lautet: ‚Wie sehen Sie die Entwicklung des Wintertourismus‘ werde ich nicht mit den Branchenzahlen der Kinos, Tanzschulen oder Solarien antworten. Aber nehmen wir das Beispiel der Pauschalreise-Richtlinie: auch hier stehe ich an der medialen Front. Intern ist mir jedes Thema wichtig, wo meine Unterstützung gefragt ist. Und wenn es darum geht, unsere Mitgliedsbetriebe zu vertreten, bin ich immer zur Stelle. Ob in einer Verhandlung bis hin zu einer – wie soll ich sagen – Kundgebung. Aber ich weiß auch, dass ich mich auf starke und kompetente Funktionäre und Mitarbeiter in den Fachverbänden meiner Sparte verlassen kann.“

T.A.I.: Mit der Steuerreform 2015 hat die Tourismus- und Freizeitbranche mehrere Tiefschläge einstecken müssen. Welche Maßnahmen fordern Sie von der Politik, um die entstandene Mehr- Belastung und Verschärfung der Bürokratie einzudämmen?

Nocker-Schwarzenbacher: „2015 war kein leichtes Jahr. Was mir hier an Stimmungen der Mitglieder ins Gesicht geweht ist, war zum Teil schwer zu verkraften. Für die Zukunft: Es sind zwei Dinge zu differenzieren: Zum einen die Maßnahmen selbst und zum anderen deren Umsetzung. Die Einführung der Registrierkassenpflicht hat so viele Fragen aufgeworfen, die im Vorfeld geklärt gehört hätten. Hier entscheidet ein Ministerrat und meint, die Sache sei erledigt. Fast ein Jahr nach der Entscheidung und Wochen nach Inkrafttreten erfahren wir erst jetzt, was die Betriebe brauchen, um das Gesetz einzuhalten.“

T.A.I.: Was fordern sie konkret?

Nocker-Schwarzenbacher: „Ich fordere für‘s Erste systemische Punkte:

1.) Stopp für neue Belastungen! Wir haben schon genug Dinge zu verkraften: Allergene, Abschreibung, Grunderwerbsteuer, Barrierefreiheit, Mehrwertsteuer, Pauschalreiserichtlinie, usw. Auch müssen Doppelgleisigkeiten im Paragrafendschungel und bei Überprüfungen abgeschafft werden.
2.) Fair Play in der Behandlung von Gewerbebetrieben im Vergleich zu Landwirtschaft, Vereinen, etc. Wer gewerblich tätig ist, muss auch wie ein Gewerbebetrieb behandelt werden! Das gilt für die Verabreichung von Speisen beim Vereinsfest bis hin zur Einstellung von Pferden in der Landwirtschaft.
3.) Ein schärferes Auge darauf, was in der EU-Kommission an neuen ‚Ideen‘ so ausgeheckt wird, um dann unter dem Deckmantel des Konsumentenschutz bei uns zu landen. So wie uns die Lebensmittelindustrie die Allergenkennzeichnung quasi auf´s Aug gedrückt hat, ist das ein Lehrbeispiel. Eine Kernforderung bleibt: Endlich eine spürbare Lohnnebenkostensenkung, die nicht bloß 0,1 oder 0,2 Prozent ausmacht, wo Betriebe und Konzerne profitieren, die mehrere 100 Mitarbeiter haben. Ich wünsche mir einfach mehr Entlastung für die Betriebe mit 5, 10 oder 50 Mitarbeitern.“

T.A.I.: Wie wollen Sie diesen Forderungen zu mehr Nachdruck verhelfen, damit diese umgesetzt werden? Welchen Zeitrahmen setzten Sie sich dafür?

Nocker-Schwarzenbacher: „Nachdem wir hier mit Partnern zusammenarbeiten müssen, also der Politik, kann ich keinen konkreten Zeitrahmen nennen. Je früher, desto besser!“

T.A.I.: Beim ÖHV-Kongress herrschte „Politik-freie Zone“. Ein Wirt in Bad Leonfelden wies dem ÖVP-Regierungs-Team die Tür (er hätte es bei anderen Parteien ebenso gemacht, betont er). Haben Sie Verständnis dafür? Wie handhaben Sie den Umgang mit der Politik als Bundesspartenobfrau und Unternehmerin?

Nocker-Schwarzenbacher: „Ich habe Respekt vor der Aktion meines Kollegen. Es war Ausdruck seiner Unzufriedenheit. Solche Handlungen bleiben jedem selbst überlassen. Außerdem erfordert es Mut, eine solche Aktion auch durchzuziehen. Es sind ja meist nur wenige, die das sagen, was sich viele denken. Es ist nicht die Wirtschaftskammer, die hier die Mitglieder gegen die Politik scharf macht, es ist die Politik selbst, die das auslöst. Für mich persönlich macht es keinen Unterschied, ob ich als Unternehmerin oder als Bundesspartenobfrau agiere. Ich begegne meinen Gesprächspartnern immer mit dem Respekt, den ich mir dann auch von meinem Gegenüber erwarte.“

T.A.I.: Themenwechsel: Österreich Werbung. Zum Sonderbudget des Wirtschaftsministers von 4 Mio. Euro steuert die Kammer noch zusätzlich 600.000 Euro bei. Was erwarten Sie davon?

Nocker-Schwarzenbacher: „Wir begrüßen diese Impulse für den Tourismus und die Betriebe. Es sollen insbesondere die Aktivitäten der Markterschließung in den aktuell vom Sonderbudget besonders intensiv bearbeiteten Märkten wie Italien, Polen, Schweden/Dänemark, Türkei und China unterstützt werden. Auch die Außenwirtschaft Austria der WKÖ verstärkt ihre Aktivitäten 2016 und setzt rd. 500.000 Euro für die Unterstützung der Tourismuswirtschaft auf neuen Herkunftsmärkten und bei wichtigen Veranstaltungen und Messen ein.“

T.A.I.: Das ÖW-Budget ist seit Jahren unverändert. Sehen Sie Chancen für eine Anhebung?

Nocker-Schwarzenbacher: „Die Wirtschaftskammer zahlt mit 8 Mio. Euro jährlich bereits einen angemessenen Beitrag in die ÖW ein. Was eine etwaige Budgeterhöhung betrifft: Es ist nirgends festgelegt, dass diese immer im Gleichklang beider Eigentümer (Bund und WKO) passieren muss. Falls der Bund sein Engagement erhöht, könnten auch die Stimmverhältnisse neu gewichtet werden. Bei den wesentlichen ÖW-Entscheidungen wollen wir jedoch auch weiterhin mitreden, schließlich handelt es sich um das Geld unserer Mitgliedsbetriebe.“

T.A.I.: Bei dem Neujahrsempfang der Bundessparte meinten Sie, dass im laufenden Winter die Nächtigungszahlen gehalten, mit
etwas Glück sogar um 1 bis 2 Prozent gesteigert werden können. Jetzt gab es von November bis Dezember ein herbes Minus, gefolgt von einem Jänner-Loch. Ist Ihre Prognose noch aufrecht?

Nocker-Schwarzenbacher: „Lieber liege ich mit einer optimistischen Prognose nicht zu 100 % richtig, als dass ich mit einer negativen Prognose zu 100% recht behalte. Niemand kann das Wetter oder die Härte von Grenzkontrollen vorhersagen. Warten wir auf das Ergebnis. Abgerechnet wird erst zum Schluss, das ist jedenfalls heute schon fix. (lacht).“

T.A.I.: Wie sieht es mit der Umsatzentwicklung aus, vor allem in der Hotellerie?

Nocker-Schwarzenbacher: „Umsätze sind das eine, Erträge sind das andere. Die Ertragsentwicklung ist wesentlich für die Betriebe, um die Investitionen zu bezahlen, die Kostensteigerungen zu bedienen und dann auch wieder Luft für neue Investitionen zu haben. Was die Ertragsentwicklung des Hotel- und Gastgewerbes betrifft, so ist hier gerade eine wissenschaftliche Analyse in Vorbereitung, die wir Ende März den Medien präsentieren werden.“

T.A.I.: Thema Mitarbeiter-Akquise und Nachwuchs: Wie sehen Sie die diesbezügliche ÖHV-Initiative? Wird die Bundessparte mitziehen? Sind eigene Aktivitäten geplant?

Nocker-Schwarzenbacher: „Jede Initiative ist zu begrüßen! Es geht nicht darum, eine Entscheidung für oder gegen eine Aktion zu treffen. Wesentlich ist mir, dass wir bei diesem Thema aktiv sind und Jugendliche erreichen und weniger darum, wer was wann ankündigt. So haben wir uns in Kooperation mit dem Wirtschaftsministerium bereits im vergangenen Herbst auf zwei Staffeln der Jobplattform ‚Whatchado‘ verständigt und unsere Kandidaten dafür ausgesucht. Wir werden darin alle Lehrberufe im Tourismus portraitieren, vom Fitnessbetreuer bis zum Reisebüroassistent, weil unser Auftrag und auch Anspruch umfassender ist.
Für den Lehrberuf Hotelkaufmann haben wir der ÖHV ein Vorschlagsrecht für zwei Lehrlinge eingeräumt, wovon sie einen namhaft gemacht hat. Wir haben regelmäßig Erfolge unserer jungen Tourismus-Fachkräfte bei den Berufsmeisterschaften Euroskills und Worldskills vorzuweisen . Wir laden diese Jugendlichen dann auch zu Berufsorientierungsmessen oder dem ‚Tag der Lehre‘ wie zuletzt in Wien Ende 2015 ein.“

T.A.I.: Wie sieht die Mitarbeiter-Situation in Ihrem Betrieb aus?

Nocker-Schwarzenbacher: „Ich führe mein Haus als Ganzjahresbetrieb mit einem sehr guten Stammpersonal und ergänze zu Spitzenzeiten mit zusätzlichen saisonalen Mitarbeitern. Die Suche nach guten Mitarbeitern ist nicht einfach. Von der Politik erwarte ich mir Initiativen zur Mobilität von Arbeitskräften, egal ob das Verschärfungen der Zumutbarkeitsbestimmungen oder Anreize zur Mobilität sind. Ich werde dazu auch mit dem neuen Arbeitsminister Alois Stöger sprechen. Seine erste Aussage dazu war, die Branche solle zuerst die Arbeitsbedingungen verbessern. Mit seinem Vorgänger Rudolf Hundstorfer waren wir da schon viel weiter. Ich möchte einfach nicht mehr, dass unsere Branche pauschal verunglimpft wird. Das haben sich meine vielen Kolleginnen und Kollegen, die sich tagtäglich für die Ausbildung und ihre Mitarbeiter einsetzen, nicht verdient. Ich respektiere einen Arbeitsminister oder auch die Arbeiterkammer, aber umgekehrt: ‚Respektieren Sie bitte auch unsere Arbeit, die wir jeden Tag in den Betrieben leisten!‘“

T.A.I.: Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Sie sind zweifache Mutter, erfolgreiche Unternehmerin und Bundesspartenobfrau. Wie managen Sie die Dreifachbelastung? Gönnen Sie sich manchmal auch Auszeiten?

Nocker-Schwarzenbacher: „Alles was Freude bereitet, empfindet man nicht als Belastung, auch wenn es oft fordernd ist, alles unter einen Hut zu bringen. Die wichtigste Energiequelle bleibt für mich die Familie, ihr Zuspruch und ihre Unterstützung geben mir Kraft und Energie, alles mit Elan und Freude zu machen. Natürlich gönne ich mir hie und da auch eine Auszeit, am liebsten in den Bergen.“ 

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Erstellt am: 12. Februar 2016

Fotos (3): © Luigi Caputo

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