Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft Niederösterreich

„Kurs der klaren Worte“! Im Notfall hilft eine Flasche Bordeaux

Print-Ausgabe 2. Dezember 2016

NÖs Tourismus-Spartenobmann Mario Pulker über Handlungsbedarf der Politik, Lehrlings-Rückgang und die VfGH-Klage rund um die Registrierkassen

Gäste wie Andrea Berg, Andreas Gabalier und Conchita Wurst gehen in seiner 4-Sterne „Residenz Wachau“ ein und aus, die Mario Pulker in dritter Generation gemeinsam mit seiner Ehefrau Stella führt. T.A.I. bat den erfolgreichen Unternehmer und Multifunktionär zum Interview.

T.A.I.: Sie führen die Residenz Wachau gemeinsam mit Ihrer Ehefrau Stella in dritter Generation. Wieviel Zeit haben Sie für die Führung des Hauses? Werden Sie nicht durch Tätigkeiten bei der Wirtschaftskammer, in der Gemeinde sowie NÖ Werbung, TVB Wachau-Nibelungengau-Kremstal und Donau NÖ Tourismus voll in Beschlag genommen?

Pulker: „Wir erleben interessenpolitische extrem herausfordernde Zeiten, insofern ist Ihre Diagnose richtig: Das Engagement für Gastronomie und Tourismus im speziellen nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Ich versuche, durch klare Zielvorgaben und die laufende Überprüfung diverser Kennzahlen den Betrieb zu steuern. An den Wochenenden habe ich Gott sei Dank Zeit für das Unternehmen. Ohne die große Unterstützung meiner Gattin wäre das alles aber nicht möglich.“

T.A.I.: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für NÖs Tourismusbetriebe und Regionen?

Pulker: „Bei genauer Analyse stellt sich heraus, dass selbst in Gunstlagen der erforderliche Investitionsbedarf nur schwer zu stemmen ist und manche Betriebe von der Substanz zehren. Dies führt zu einer sich verschärfenden Nachfolge- und Übergabeproblematik. Rechtliche Rahmenbedingungen, etwa die Verlängerung der Abschreibedauer, tragen ein Übriges dazu bei. Was wir benötigen und fordern, ist eine unternehmerfreundliche Gesinnung beim Gesetzgeber: Jeder Betrieb, der durch einen praxisorientierten Rechtsrahmen – im Gewerbe-, Steuer-, oder Arbeitsrecht – nachhaltig erfolgreich ist, sichert Wohlstand und Arbeitsplätze auch in entlegenen Regionen.

Wir verlassen uns aber nicht auf die Politik: Bei der Unterstützung im Bereich Angebotsentwicklung, der Ausgestaltung regionaler Initiativen oder bei grundlegenden touristischen Kompetenzen bietet die WKO konkrete Hilfestellungen an. Auch bei Themen wie der Verbesserung von Online-Auftritten oder direkten Buchungsmöglichkeiten über die eigene Website gibt es Nachholbedarf, den wir gemeinsam aufarbeiten. Die  Zusammenarbeit mit der NÖ Werbung und den sechs Destinationen klappt dabei sehr gut.“

T.A.I.: Mit mehr als 15.700 Mitgliedern repräsentieren Sie die größte aller Tourismussparten in der WKO. Die Schwergewichte liegen auf der Gastronomie und den Freizeitbetrieben. Wie sehr unterscheidet sich dadurch Ihre Interessenslage von jener in den anderen Bundesländern?

Pulker: „Selbstverständlich unterscheiden sich die Bundesländer nicht nur in der Größe und Dominanz einzelner Fachgruppen, sondern auch in den Interessenlagen. In manchen Bundesländern spielt die Beherbergung eher die Hauptrolle, anderswo – wie etwa in NÖ – ist auch die branchenmäßig sehr bunte Fachgruppe der Freizeit- und Sportbetriebe ein Schwergewicht. Was die öffentliche und mediale Aufmerksamkeit angelangt, steht meiner Meinung nach jedoch die Gastronomie an erster Stelle: Auf Titelseiten von Tageszeitungen schaffen es eigentlich nur Gastro-Themen. In der täglichen Arbeit geht es demnach hauptsächlich um die Gastronomie.“

T.A.I.: Wie überall auch ist die Anzahl der Lehrlinge in NÖ in den letzten Jahren dramatisch zurückgegangen. Was sind Ihrer Ansicht nach die Ursachen dafür und was kann/muss man dagegen tun?

Pulker: „Neben faktischen Gründen, wie dem Geburtenrückgang, gibt es auch einige gesellschaftspolitische Gründe für die Nichtwahrnehmung der Chancen im Tourismus bzw. im Lehrberuf. Wer sich aber beispielsweise eingehend mit den Verdienstmöglichkeiten in unseren Betrieben auseinandersetzt, wird schnell feststellen, dass viele Akademiker von solchen Einkünften nur träumen können. Wer leistungswillig ist, kann es zu etwas bringen, die Hierarchien sind flach in Gastronomie und Hotellerie. Wir müssen die Vorteile noch mehr im Bewusstsein der Jugendlichen und insbesondere der Eltern und Lehrer verankern. Unsere Aktion „Get a Job“, bei der auch Unternehmer die Schulen besuchen, geht genau in diese Richtung.“

T.A.I.: Im „Entlastungspaket“ zur Registrierkasse vermuteten Sie aufgrund der Registrierkassenbefreiung für politische Parteien und deren Vorfeldorganisationen eine versteckte Parteien-Finanzierung. Sie hatten angekündigt, die neue Regelung notfalls bis zum Verfassungsgerichtshof zu bekämpfen. Wie sieht es damit aus?

Pulker: „Alle erforderlichen Schritte wurden gesetzt, es gibt bereits einen Gerichtstermin. Wir hoffen, der Verfassungsgerichtshof erkennt das Ausmaß der Ungleichbehandlung unserer Gewerbebetriebe.

T.A.I.: Wie sieht es mit der vierten Pulker-Generation aus? Können Sie der eines Tages die Übernahme des Betriebes angesichts der vielen behördlichen Auflagen und Schikanen überhaupt empfehlen?

Pulker: „Meine Tochter absolvierte eine touristische Ausbildung, meine Familie hat aber noch einige Jahre Zeit, sich diesen Schritt gemeinsam zu überlegen. Insofern bin ich auch unmittelbar persönlich gefordert, zu einer Verbesserung der unternehmerischen Rahmenbedingungen etwas beizutragen.“

T.A.I.: Welches sind aktuell Ihre wichtigsten Anliegen als Spartenobmann? Wie schätzen Sie die Möglichkeiten ein, dass diese auch umgesetzt werden können?

Pulker: „Neben den erwähnten Feldern Gewerbe-, Steuer- und Arbeitsrecht steht für mich der Fair-Play-Gedanke an erster Stelle. In zu vielen Bereichen erleben wir unlautere Konkurrenzierung durch nicht-gewerbliche Anbieter. Wir sehen aber am Beispiel Airbnb, dass auch die Politik beginnt, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Ich bleibe daher bei meinem Kurs der klaren Worte und bin recht optimistisch, hier weitere Erfolge in der Bewusstseinsbildung zu erzielen.“

T.A.I.: In Ihrem Weinkeller finden sich auch alte Weine aus der Region Bordeaux. Wurde dann und wann schon einmal eine harte politische Nuss in Ihrem Haus bei einem Glaserl geknackt?

Pulker: „Mein Weinkeller ist gut sortiert, dient aber weniger der Konspiration, sondern eher der Regeneration. Um ein wichtiges Ziel zu erreichen, würde ich allerdings schon die eine oder andere Flasche Bordeaux opfern!“ 

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Erstellt am: 02. Dezember 2016

Fordert eine unternehmerfreundliche Gesinnung beim Gesetzgeber: Spartenobmann Mario Pulker

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