ÖHV Kongress 2018

Kongress-Highlights mit Kurz und
Köstinger. Chance für „Wunderwuzzi“

Print-Ausgabe 26. Jänner 2018

Österreichs erste Tourismusministerin hat fast zehn Jahre lang im Landgasthaus gekellnert und serviert: „Deshalb mein tiefer Respekt vor dem ganzen Sektor“

Ein doppelter Coup ist der ÖHV (Österreichische Hoteliervereinigung) zum Auftakt ihres 65. Kongresses gelungen: Der eine betraf den Auftritt von Bundeskanzler Sebastian Kurz am Eröffnungsabend inkl. Podiumsgespräch mit ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer und Politikberater Thomas Hofer, der andere die Premiere der neuen Tourismusministerin Elisabeth Köstinger am folgenden Vormittag vor versammelter Hoteliers-Prominenz in der Wiener Hofburg. Beides war, abgesehen von der Vielzahl hochkarätiger Vorträge und Diskussionen, für den diesjährigen Kongress prägend. Michaela Reitterer: „Es gibt ein neues Verständnis für Tourismuspolitik.“

Sebastian Kurz räumte bei seinem Eingangsstatement im „Allianz-Stadion“ des SK Rapid Wien ein, dass es zuletzt einige Jahre gab „in denen Politiker nicht so gern gesehene Gäste bei Touristikern und Termine bei Tourisikern nicht so angenehm für Politiker waren.“ Durch das „umfassendste Tourismus-Kapitel aller Zeiten in einem Regierungsprogramm“ sowie „den Bezug auf Tourismus in vielen anderen Kapiteln“, wie Ministerin Köstinger am nächsten Tag betonte, sollte sich das jetzt ändern.

Die übrigen Aussagen der beiden Spitzenpolitiker Kurz und Köstinger lieferten dann nichts, was nicht schon bekannt war, allen voran die Absicht, noch heuer die Reduktion der Mehrwertsteuer auf Logis von 13 auf 10 Prozent realisieren zu wollen. Auch für die übrigen im Regierungsprogramm festgehaltenen Punkte sei laut Kurz „die Chance groß, dass viel davon umgesetzt wird.“ In den Koalitionsverhandlungen „gab es viele Überschneidungen mit der FPÖ.“

Stichwort Umsetzung: Diesbezüglich wird auf Elisabeth Köstinger („Ein Wunderwuzzi der ÖVP“, so Thomas Hofer) eine entscheidende Rolle zukommen. Mit dem neu geschaffenen Resort „Nachhaltigkeit und Tourismus“ (Landwirtschaft, Energie und Tourismus) gebietet sie über ein Budget von geschätzten 2,85 Mrd. Euro. Bundeskanzler Sebastian Kurz attestiert ihr „Durchsetzungsstärke, sie ist jemand, der sich schnell einarbeitet, und sie hat einen hohen Stellenwert in Partei und Regierung: ihr Wort hat im Ministerrat Gewicht“, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie „eine enge Vertraute“ von Kurz ist: „Geben wir ihr eine Chance.“

Auch von Justizminister Josef Moser – er beeindruckte Österreichs Touristiker vor zwei Jahren beim ÖHV-Kongress, damals noch als Rechnungshof-Präsident, mit seinem Vortrag „Reformen 4.0“ – ist Bundeskanzler Kurz überzeugt, dass er „der absolut Richtige für das Monster-Thema der Verwaltungsreform“ ist. Moser habe „alle Möglichkeiten, um dieses Vorhaben Resort-übergreifend zu steuern.“

Unbeantwortet im Raum stehen ließ Sebastian Kurz hingegen den Vorstoß von Michaela Reitterer bezüglich einer möglichen Erhöhung des ÖW-Budgets: „Da gibt es Potential für Verbesserung“, unterstrich Reitterer den seit vielen Jahren geäußerten Wunsch des Tourismus und forderte „eine beherzte, zeitnahe Umsetzung“ ein. Nachsatz: „Gejodelt wird erst beim Heimgehen“, womit Reitterer die ÖHV Mitglieder vor zu großer Euphorie bezüglich der neuen Bundesregierung warnte.

Sebastian Kurz ließ sich nicht festnageln: „Es gibt Dinge, die überlässt man dann wieder den Politikberatern“, parierte der die Fangfrage von Thomas Hofer, wie denn der Bundeskanzler zum Jodeln stehe. Mehr zum ÖW-Budget und dessen möglicher Erhöhung auf Seite 21.

Am Dienstag, dem Haupt-Tag des ÖHV-Kongresses, hatten dann die TeilnehmerInnen Gelegenheit, erste persönliche Eindrücke von der am Vorabend als „Wunderwuzzi“ bezeichneten Elisabeth Köstinger zu erhalten. Fazit: Ein Profi durch und durch, charmant aber mit entsprechender Distanz. Von ihrem Statement waren vor allem drei Punkte interessant:

l Mit Finanzminister Hartwig Löger habe sie bezüglich der noch für heuer geplanten Mehrwertsteuer-Senkung auf Logis „bereits Gespräche aufgenommen“;

l sie möchte „die Rahmenbedingungen so gestalten, dass im Tourismus investiert werden und er sich weiterentwickeln kann“, denn „derzeit steigen die Nächtigungen, aber die Umsätze gehen zurück“;

l und Köstinger möchte in den kommenden Jahren die angekündigte „große Tourismusstrategie auf den Weg bringen“ (Kanzler Kurz war am Eröffnungsabend auf die Strategie angesprochen worden, sie soll ihm zufolge „gemeinsam mit Tourismusbetrieben“ entwickelt werden und die Marschrichtung für die nächsten 10 bis 20 Jahre festlegen).

Die Schlussworte von Elisabeth Köstinger waren dann die authentischsten: Hier sprach nicht die Politikerin aus ihr, sondern die Bauerstochter, die ab „14 fast zehn Jahre lang im Landgasthaus gekellnert und serviert (hat), um Geld zu verdienen. Ich habe dabei viel gelernt. Nicht jede Situation mit dem Gast ist einfach. Deshalb mein tiefer Respekt vor dem ganzen Sektor. Die Zeit in der Gastronomie hat mich geprägt, sie hat mir gezeigt, wie viele Hände nötig sind, um einen Betrieb zum Laufen zu bringen.“

Diese Botschaft ist rüber gekommen. Ab sofort wird Köstinger aber nicht daran, sondern an ihren Taten als Tourismusministerin gemessen, wie ihr Auftritt auf der atb_sales Anfang dieser Woche im Austria Center Vienna. 

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Erstellt am: 26. Jänner 2018

Bild: Tourismusministerin Elisabeth Köstinger und ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer

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