Bundessparte Tourismus

Interessante Lösungsansätze
zur Linderung des Fachkräftemangels

Print-Ausgabe 6. April 2018

Einiges davon steht im Regierungsprogramm und harrt der Umsetzung – interessante Fakten und Analysen von IHS-Chef Martin Kocher auf dem Journalistenseminar.

Der akute Fachkräftemangel in der Beherbergung und Gastronomie war beherrschendes Thema beim traditionellen „Journalistenseminar“, zu dem die Bundessparte Tourismus und Freizeitwirtschaft Ende März ins Hotel Brückenwirt in St. Johann im Pongau geladen hatte. Als Gesprächspartner boten Hausherrin und Spartenobfrau Petra Nocker-Schwarzenbacher und Geschäftsführer Manfred Katzenschlager diesmal Martin Kocher, Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS), auf, der mit aktuellen Daten und zum Teil ungewöhnlichen Analyse-Ansätzen tiefgehend auf das Thema einging.

Wie drückend das Fehlen von MitarbeiterInnen für die Branche ist, verdeutlichte Petra Nocker-Schwarzenbacher nicht nur anhand von Beispielen (ein Betrieb in Seefeld habe mangels MitarbeiterInnen ein ganzes Stockwerk sperren müssen), sondern auch mit Zahlen: bis 2023 müssen Beherbergung und Gastronomie 36.000 zusätzliche Beschäftigte finden, um das steigende Gästeaufkommen bewältigen zu können (Wien liegt mit 9.200 an der Spitze, vor Tirol mit 6.600). Geschätzte 20.500 davon sind Teilzeit-, der Rest (15.500) Vollzeitkräfte.

Gegenüber der Gesamtwirtschaft habe der Tourismus bezüglich soziodemographischer Daten laut Martin Kocher zum Teil komplett andere Ausprägungen. So ist das Durchschnittsalter mit 34 Jahren deutlich niedriger (Gesamtwirtschaft 39 Jahre), wobei die Altersgruppe der 15- bis 30-jährigen überproportional vertreten ist. Dies hänge u.a. mit dem hohen Frauenanteil (bis zu 60 Prozent) zusammen, die dann ab Anfang/Mitte 30 in andere Branchen drängen. „Der Tourismus ist oft eine Einstiegsbranche“, so Kocher.

Nicht neu ist der hohe Anteil von Nicht-ÖsterreicherInnen: im Tourismus liegt er bei 44 Prozent, in der Gesamtwirtschaft bei 15 Prozent. Ebenso ausgeprägt sind Fluktuation und Saisonalität. „Es gibt sehr große regionale und saisonale Unterschiede“, betonte Koch, „viele Beschäftigte im Tourismus arbeiten im Schnitt zwei Monate pro Jahr außerhalb der Branche.“ Für 2017 hat Koch errechnet, dass der durchschnittliche Tourismus-Mitarbeiter 195 Tage in Beherbergung/Gastronomie tätig war, 50 Tage in einer anderen Branche, während er 120 Tage in keinem Beschäftigungsverhältnis stand. In Kärnten waren die ArbeitnehmerInnen im Tourismus mit durchschnittlich 160 Tagen am kürzesten beschäftigt, in Wien, NÖ und im Burgenland mit 240 bis 260 Tagen im Beherbergungsbereich bzw. 200 bis 220 Tagen in der Gastronomie am längsten.

Ein weiteres heikles Thema betrifft die Lehre. Diesbezüglich stelle der Tourismus aber keine Ausnahme dar: „Es hat in allen Branchen einen Rückgang gegeben“, betonte Martin Kocher. Dass die Lehrlingszahl in der Gesamtwirtschaft im Zehnjahres-Rückblick geringer zurückgegangen ist, hänge mit der durchschnittlichen Betriebsgröße zusammen: je größer ein Betrieb, desto größer ist die Chance auf einen Lehrling und dass er auch bleibt. Diesbezüglich hätten Beherbergung und Gastronomie einen strukturellen Nachteil. Kocher: „Bei Betrieben vergleichbarer Größe in anderen Branchen ist das auch so.“

Kocher und Nocker-Schwarzenbacher betonten auch die bedeutende Rolle des Tourismus bei der Integration: „Wir haben unverhältnismäßig mehr Lehrlinge mit Migrationshintergrund“, so die Spartenobfrau.

Vorteile für den Tourismus als Arbeitgeber sieht Martin Kocher u.a. darin, dass seine lokale Wertschöpfung hoch und „nicht ins Ausland verlagerbar ist“, ebenso stehe die „Dienstleistung nicht unter einem so extremen Innovationsdruck, wie andere Branchen.“ Ein Nachteil sei, dass „im Tourismus Gelerntes leicht in nahen Dienstleistungsbranchen anwendbar ist, die besser zahlen“, so Kocher. Angesichts des Fachkräftemangels in allen Wirtschaftsbereichen erleichtere dies die Situation für den Tourismus nicht.

Petra Nocker-Schwarzenbacher und Martin Kocher lieferten auch Lösungsansätze, um die Situation mittelfristig zu bessern. Dazu zählen Unterstützung für Unternehmen bei der Lehrlingsausbildung, eine engere Kooperation zwischen Betrieben (um das Größen-Manko auszugleichen) sowie die Entlastung bei den Lohnnebenkosten. Koch: „Viele von diesen Dingen stehen im Regierungsprogramm.“ Auch die Mangelberufe gehören dazu. Es wird spannend, was davon alles umgesetzt wird. 

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Erstellt am: 06. April 2018

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