T.A.I. Exklusiv-Interview

Erfolg durch breite Vielfalt
„Es braucht immer mehrere Sieger“

Print-Ausgbae 12. Juli 2019

Sie sind – gemessen an der Anzahl der Standorte – Österreichs größte Hotel­kette und gleichzeitig dessen unkonventionellste: die vor 27 Jahren gegründeten JUFA Hotels. Geografisch eine Mischung aus Top-Städten (wie Wien, Salzburg und Hamburg), touristischen Hot-Spots (u. a. Ausseerland, Schladming oder Saalbach) und Geheimtipps (z. B. Tieschen, Gnas sowie Celldömölk), sieht Gerhard Wendl die Gruppe als „Beweis, dass auch eine breite Vielfalt eine Spezialisierung sein kann.“ T.A.I. traf den Geschäftsführer und Erfinder der JUFA Hotel-Idee zum Exklusiv-Interview.

T.A.I.: Sie betreiben bereits 61 Hotels in vier Ländern. Wie entwickeln sich Ihre Flaggschiffe?

Wendl: „Bald sind es sechs Länder und wir eröffnen weitere Häuser. Unsere Flaggschiffe, die beiden Hotels in Hamburg und Wien – unsere Zwillinge – sind gut unterwegs und hypen sich am internationalen Markt gegenseitig nach oben. Wir sind dadurch noch bekannter geworden. Das JUFA in der Hamburger Hafencity hat dazu geführt, dass auch Wien weiter zugelegt hat. Es wurde übrigens vor kurzem als familienfreundlichstes Hotel Wiens ausgezeichnet.“

T.A.I.: Neue Häuser und Länder – um welche Standorte handelt es sich?

Wendl: „Wir haben ein Grundstück auf der deutschen Ostsee­insel Fehmarn erworben, direkt am Strand. Es ist eines der wenigen Grundstücke in der Region direkt am Meer. Dort hat es eine Ferieneinrichtung gegeben, die wir durch JUFA mit Fokus auf Familien fortführen wollen, komplett saniert, entweder mit einem Teil des Bestands oder komplett erneuert. Damit haben wir erstmals einen Standort direkt am Meer. Die Anlage wird 100 Zimmer haben.

Interessant sind die vielen Synergien mit unserem Hamburger Hotel: Fehmarn ist nur 1 Stunde 40 Minuten von Hamburg entfernt. Da bieten sich Kombinationen an, etwa drei Tage City und vier Tage am Meer. Unser Ziel ist es, bis 2021 alle Einreichungen fertig zu haben und 2023 in Betrieb zu gehen.

Wir haben auch ein gutes Gespräch für ein Projekt an der Nordsee in Greetsiel, ein romantischer Fischerort, aus dem viele Nordseekrabben herkommen. Wir wollen bei JUFA Meeresluft schnuppern. Beide Hotels werden wir mit lokalen Investoren umsetzen.“

T.A.I.: Und die neuen Länder?

Wendl: „In der Schweiz planen wir in Savognin, wo die Schröcks­nadel-Gruppe die Bergbahn betreibt, einen Neubau, ganz aus Holz mit 70 Zimmern. Das Hotel soll im Winter 2020/21 eröffnet werden. Wir sehen, dass der Schweizer Markt viel Potenzial hat, weil es dort viel High-End gibt. Auch in Luxemburg haben wir konkrete Pläne – das ist ein elendslanges Projekt. Und irgendwann wollen wir an die Adria.“

T.A.I.: Handelt es sich bei Ihren Hotels um Pachtbetriebe oder gibt es auch JUFA-Standorte im Eigentum?

Wendl: „Bei circa drei Viertel der Hotels ist JUFA Eigentümer. Investoren-Projekte mit langfristiger Pacht realisieren wir, wenn der Standort weiter weg liegt. Damit sichern wir uns lokales Know-How. In Hamburg ist JUFA auch Miteigentümer. Wichtig ist für uns immer die Langfristigkeit: Wir haben in unserer 30-jährigen Unternehmensgeschichte noch nie einen Standort aufgegeben. Und wir haben über drei Jahrzehnte hindurch bewiesen, dass wir ein seriöser Partner sind. Unser Standpunkt ist: ‚Es braucht immer mehrere Sieger.‘ Und wir sind dafür bekannt, dass wir Partnerschaften auch dann nicht über Bord werfen, wenn einmal Wind geht.“

T.A.I.: JUFA gilt auch als Entwicklungspartner für noch unentdeckte Destinationen. Wie kam es dazu?

Wendl: „Es gibt Regionen, die sind vielleicht zwischen C und B, haben aber Potenzial für B+ oder A. Wir haben gemerkt: Es gibt Gäste, die Top-Destinationen wollen, und es gibt Gäste, die Neues entdecken wollen. Durch das JUFA Hotel Neutal im Mittelburgenland z. B. haben wir die Nächtigungen der Region von null auf 20.000 gebracht. Wir haben dort jetzt ein 4-Sterne Haus und eine direkt daran angeschlossene Veranstaltungshalle gebaut. Das gleiche haben wir in der Südoststeiermark gemacht. Wir sind seit über 10 Jahren dort. Mit den jungen TAU Winzern bauen wir dort gerade eine Vinothek. Es geht immer um ein Netzwerk. Es braucht einen Vermarktungs-Push, damit möglichst viele Leute hinkommen. Die Leute suchen Geheimtipps.“

T.A.I.: Was sind die konkreten Gründe für den JUFA-Erfolg?

Wendl: „Die Mischung macht’s aus. Es ist sehr selten, dass jemand in der Stadt- und in der Ferienhotellerie erfolgreich ist. Jemand aus Dänemark, der bei uns in Hamburg zu Gast ist, kennt viele Regionen in Österreich noch nicht, die aber wirklich super sind. Durch uns wird er auf sie aufmerksam. Und umgekehrt, wenn wir an die Ostsee gehen, werden viele ÖsterreicherInnen in unserem JUFA wohnen, die schon oft überlegt haben, dorthin zu reisen, aber bisher nicht wussten, wo genau sie hin sollen. Viele unserer Gäste kommen in Regionen, wo sie noch nie zuvor waren – wie im JUFA Hotel Kronach in Bayern, ein Standort inmitten einer historischen Festungsanlage, perfekt für Wander- und Kultururlaub. Und es gibt über 100 verschiedene Biersorten.“

T.A.I.: Wo sehen Sie für JUFA langfristig den Plafond bei der Expansion?

Wendl: „Das ist eine gute Frage. Wir haben ein großes Potenzial und die Kette wird immer mehr wahrgenommen. Neue Zielgruppen sind dazu gekommen. Der zweite Schwerpunkt von uns neben Familien sind Tagungen: Ende Juni hatten wir zum Beispiel im JUFA Hotel Malbun Alpin-Resort in Liechtenstein die EFTA zu Gast. Wir expandieren weiter, wollen aber pro Jahr nie mehr als drei, vier neue Standorte. Wichtig ist, dass sie das Herzblut von uns mitbekommen und nicht nur abgewickelt werden. Und wir investieren laufend in bestehende Standorte, rund 20 Millionen Euro pro Jahr, um keine Lücke zu den neuen Hotels zu haben. Wir machen unsere Schritte eben nicht immer nur nach vorne, sondern ziehen auch andere nach. Der Markt für diese Idee wird immer größer.“

T.A.I.: Welche Größenordnung haben typische JUFA-Hotels?

Wendl: „Für neue Projekte sind es um die 70 bis 90 Zimmer. In Ungarn betreiben wir das JUFA Vulkan Thermen-Resort und das JUFA Camping-Resort Celldömölk. Wir dachten, dass 40 Zimmer für diesen Standort genug sind. Der Ort war touristisch nicht so bekannt, ist aber durch uns ein Geheimtipp geworden. Jetzt haben wir auf dem Campingplatz 24 Mobile Homes errichtet. Die kommen hervorragend an. Ihren Crashtest haben sie heuer im Frühjahr im Rahmen einer großen internationalen Management-Tagung bestanden.“

T.A.I.: Für Wachstum benötigt man MitarbeiterInnen. In der Hotellerie herrscht diesbezüglich stets ein Mangel. Wie lösen Sie bei JUFA das Thema?

Wendl: „Viele Dinge sind schwierig, es gibt aber auch schöne Dinge zu berichten. Vor kurzem hatten wir z. B. einen großen Lehrlingstag in Wien. 140 Interessent­Innen waren mit ihren Eltern da. Sie haben mit unseren Köchen gekocht und es waren einige gute darunter. Wieso sind so viele gekommen? Viele unserer jungen MitarbeiterInnen haben über ihre sozialen Medien Werbung für den Informationstag gemacht.

Rund um unsere Expansion suchen wir auch viele Nachwuchs-Führungskräfte für die neuen Standorte. Diesbezüglich haben wir ein Talente-Programm laufen, für Externe und Interne. Die Ausbildung dauert rund eineinhalb Jahre. An acht unserer Standorte sind übrigens ehemalige JUFA-Lehrlinge in Führungspositionen tätig.“

T.A.I.: In wie fern haben sich die Anforderungen an und die Ansprüche von den Mitarbeiter­Innen geändert?

Wendl: „Früher mussten die MitarbeiterInnen flexibel sein, heute muss der Dienstgeber flexibel sein und verschiedene Dinge unter einen Hut bringen.“

T.A.I.: Was meinen Sie damit konkret?

Wendl:„Wenn z. B. eine Hausfrau gute Kuchen backt und dafür nur 15 Stunden pro Woche Zeit hat. Oder unsere Lehrlinge: Einige wollen einmal für drei Monate in Hamburg arbeiten, andere wollen ihren Ort nicht verlassen. Man kann also als Dienstgeber mit einem Standardbuch nicht alle Fragen beantworten. Es geht um individuelle Lösungen, von denen beide Seiten profitieren.

Wir gehen auch bei der Akquisition neuer Mitarbeiter neue Wege. Unter dem Motto ‚bring your friends‘ bekommen MitarbeiterInnen, die neue MitarbeiterInnen anwerben, von uns einen Teil, den ein Inserat kosten würde, als Prämie. Und mit einer deutschen Universität haben wir eine Kooperation, in deren Rahmen StudentInnen einen Teil ihres Praktikums bei uns verbringen.“

T.A.I.: Wie sieht es mit der Bezahlung aus?

Wendl: „Geld ist wichtig, aber wie aus einer Mitarbeiter-Umfrage von uns hervorgegangen ist, sind Wertschätzung und Arbeitsklima am Wichtigsten. Da bemühen wir uns sehr. Wir bieten ‚Fair Work‘-Prämien für erfolgreiche Teams bis zur Höhe eines Monatsgehalts für alle – von der Reinigungskraft bis zum Hoteldirektor. Unsere MitarbeiterInnen sind im Durchschnitt – je nach Profession – deutlich länger bei uns als in der klassischen Hotellerie. Durch unsere unterschiedlichen Standorte können wir auch Saisonalitäten gut ausgleichen. Vor allem bei KöchInnen sind Ganzjahresarbeitsplätze ganz wichtig. Oft geht’s nur um einen Monat, den man überbrücken muss, da können sie dann in einem anderen Hotel als Aushilfe arbeiten und wir kriegen sie schon unter. Das ist der Vorteil von Ketten – dass man proaktiv sein kann.“ 

JUFA in Stichworten

Gerhard Wendl (55) kam über den zweiten Bildungsweg (Soziologiestudium nach abgeschlossener Elektrikerlehre) als Werkstudent mit der Beherbergungsbranche in Kontakt: „Ich wollte mein Studium mit einem Beruf verbinden.“ Fündig wurde er bei „drei alten Jugendherbergen“ mit einem „Job, den eigentlich niemand wollte“. Bald entstand die Idee, daraus mehr zu entwickeln und es kam zu einem ersten Projekt. Heute betreibt die in Graz beheimatete JUFA Holding GmbH („JU“ steht für Jugend, „FA“ für Familien) 61 Anlagen in vier Ländern (47 in Österreich, neun in Deutschland, zwei in Ungarn und eine in Liechtenstein), die es 2019 zusammen auf 1,6 Millionen Übernachtungen bringen werden. Die Gruppe beschäftigt ca. 1.500 MitarbeiterInnen. Der Umsatz geht 2019 in Richtung 90 Millionen Euro. Eigentümer der Holding sind die JUFA Privatstiftung und die Gemeinnützige Privatstiftung der Jugend & Familiengästehäuser (beide in Graz).

Kommentar schreiben

Bitte die Netiquette einhalten. * Pflichtfelder

Nach oben