T.A.I. Exklusiv-Interview

„Der Kampf gegen schlechte Rahmenbedingungen geht weiter!“

Print-Ausgabe 3. Juni 2016

Spartenobmann Tourismus und Freizeitwirtschaft in Vorarlberg, Hans-Peter Metzler, sprach im T.A.I.-Interview Klartext – in seinem Bundesland gibt es interessante Ansätze

T.A.I.: Wie lief die Wintersaison 2015/2016 in Ihrem Heimatort Hittisau?

Hans-Peter Metzler: „Wir sind gut ausgestiegen, aber der Trend zu weiterhin verkürzten Übernachtungen setzt sich fort. Je nach Wetter- und Schneelage erfolgte ein spontaneres Buchen. Es wird immer anspruchsvoller, die Betriebe müssen sich darauf einstellen. Samstag bis Samstag ist schon lange gegessen, selbst in sehr nachgefragten Destinationen wie am Arlberg. Deshalb steigen auch die Nächtigungszahlen nicht so stark wie die Ankunftszahlen. Dieser Trend ist österreichweit spürbar. Im Nahraum haben wir viele Spontangäste aus der Schweiz und Deutschland, die drei Tage im Schnitt kommen.“

T.A.I.: Gilt dies auch für die Sommersaison?

Metzler: „Nein, in den Sommermonaten finden Wochen- und Zweiwochenbuchungen von Gästen statt, die ihren Haupturlaub bei uns verbringen anstelle nur einen Kurzurlaub durchzuführen. In unseren Zielgruppen hat man im Schnitt zwei Haupturlaube und mehrere Kurzurlaube. Das ist ein tolles Geschäftsmodell – die Kurzurlaube kommen in die Nähe, man fährt kurz wohin und ist in einer anderen Welt und genießt die Auszeit.“

T.A.I.: Also hat auch der Kurzurlauber durchaus seine Vorteile …

Metzler: „Der Kurzreisende ist durchaus ein attraktiver Gast: Kurzreisende geben auch Geld aus, die Pro-Kopf-Umsätze der Kurzreisenden sind unserer Erfahrung nach ca. ein Viertel höher als bei einer Wochenbuchung.“

T.A.I.: Wie schätzen Sie die kommende Sommersaison ein?

Metzler: „Wir rechnen mit einem sehr stabilen Ergebnis – sowohl was die Nächtigungen wie die Ankünfte betrifft. Die Mittelmeerländer sind unter Druck, einige sind überbucht, da andere instabil oder politisch gefährlich sind. Davon profitiert der Bregenzerwald. Wir haben schon sehr viele Buchungen für den Sommer.“

T.A.I.: Wie läuft es generell für Vorarlberg?

Metzler: „Es war ein super Winter. Worauf wir auch sehr gerne verweisen: Laut Tourismus-Monitor-Austria verzeichnet Vorarlberg nach Wien die höchsten Ausgaben des Gastes pro Übernachtung. Wir sind österreichweit in einer Top-Performance. Unsere Häuser sind selten über Hofer-Reisen & Co. zu buchen. Wir halten unseren Qualitätsgedanken. Und wir sind daran, Vorarlberg im Zuge der Tourismusstrategie 2020 zur Nummer 1 in Sachen Regionalität, Nachhaltigkeit und Gastfreundschaft in Europa zu machen.“

T.A.I.: Wie soll das erreicht werden?

Metzler: „Wir werden uns noch stärker als Gastgeberland, ja Gastgebermarke positionieren und setzen auf unseren Mix aus Natur, Kultur, Regionen, Winter- und Sommertourismus. Wir unterscheiden uns durch die Individualität und die kritische Masse, die diese Individualität und die Werte lebt. Unser ‚Vorarlberger Weg‘ ist für Mitbewerber schwer kopierbar. Der Mensch – der Gast wie der Mitarbeiter – steht bei uns im Mittelpunkt.“

T.A.I.: Trotzdem meinten Sie vor zwei Jahren beim Casino Austria „Tourismus Talk“, dass in der Vorarlberger Hotellerie „angesichts des herrschenden internationalen Verdrängungswettbewerbs“ vermehrt „über den Preis gegangen“ wird. Wie sieht es heute damit aus?

Metzler: „Wir haben einen wertschöpfenden Tourismus, regionale Lieferanten, es gelingt uns in Vorarlberg, gute Preise zu erzielen. Der Verdrängungswettbewerb ist natürlich da und wird noch stärker. Nachhaltigkeit, Gastfreundschaft und Qualität sichern aber unseren Weg ab.“

T.A.I.: Wie sieht es mit den von Ihnen angekündigten Maßnahmen gegen Belastungen des Tourismus aus?

Metzler: „Wir haben eine Bürokratie-Servicestelle und ein rotes Telefon eingerichtet, ein Bürokratie-Coach kümmert sich um Anliegen und ein Ausschuss mit dem Landesstatthalter, sowie die zwei Bezirkshauptleute von Bregenz und Bludenz besprechen mit uns regelmäßig über Fälle und Maßnahmen. Manches. was uns im Alltag die Freude nimmt, konnten wir zurückfahren. Hier sind wir in Vorarlberg die ersten in Österreich, die das eingerichtet haben. Kleine und mittelständische Unternehmen haben die Nase voll und benötigen unsere Hilfe. Hier leisten wir unseren Beitrag.
Wir haben uns als Westachse definiert und das eine oder andere abgeschwächt. Schlimmeres haben wir verhindert – das wird oft nicht gesehen. Bei Stellplätzen und Sperrzeiten standen noch ärgere Vorschläge im Raum. Hier sind und bleiben wir kämpferisch. Wir werden in den zivilen Ungehorsam kommen, das Fass ist übervoll, die stets auch sehr kurzfristig anberaumten dummen Verordnungen wie die aktuelle Saisonarbeitsregelung kurz vor Start der Sommersaison z. B. – da werden wir als Branche reagieren.“

T.A.I.: Ein weiteres Thema sind Betriebsübernahmen. Sie meinten einmal, dass von der Bundespolitik jungen Hoteliers diesbezüglich Prügel in den Weg gelegt werden, was die Familienbetriebe als „Substanz des Vorarlberger Tourismus“ schwäche. Das war vor der Steuerreform. Wie sieht die Situation jetzt aus?

Metzler: „Leider hat sich diese weiter zugespitzt. Steuersätze und Abschreibungen wurden erhöht, die Freude am Unternehmertum wird einem genommen. Unsere Eigenkapitalquoten sind dramatisch. Die Zusammenhänge und die Bedeutung für die Regionen werden von der Politik nicht gesehen, das frustriert sehr. Am Ende des Tages werden viele Nachfolger die Konsequenzen ziehen.
Wir wünschen uns ja, dass die nächste Generation die Betriebe übernimmt – die jungen Leute erfahren allerdings andere Wertewelten. Wir benötigen Rahmenbedingungen die es ermöglichen, gut mit unseren Mitarbeitern zu wirtschaften. Hier kämpfen wir ebenfalls weiter, um die Rahmenbedingungen zu setzen, die müssen eine Zukunftsperspektive für unsere Unternehmen bieten. Wirtschaft und Einkommen müssen angekurbelt werden.“

T.A.I.: Als Sparten-Obmann zeichnen Sie neben Gastronomie & Hotellerie auch für Reisebüros, die Freizeit- und Gesundheits- sowie Kinos & Vergnügungsbetriebe verantwortlich. Wie kommen Sie mit diesem breiten Aufgabengebiet zurecht?

Metzler: „Gut. Es geht immer um den Menschen, um Kunden, um Dienstleistungen – die einen erbringen sie, die anderen konsumieren sie. Gerade die Freizeitwirtschaft und die obgenannten Bereiche: Uns kann man nicht digitalisieren. Die analoge Begegnung, die Dienstleistung mit den Menschen, das ist unser Part, das verbindet uns. Dort muss investiert werden, Ausbildung, Bildung, Leadership – damit die Unternehmer das erkennen.“

T.A.I.: Wo werden Sie die Schwerpunkte Ihrer weiteren Tätigkeit als Spartenobmann setzen?

Metzler: „Wir sind das Rückgrat der regionalen Wertschöpfung, es gibt sehr viele Regionen, die ohne Tourismus sehr triste wären. Es sind alles kleine und mittlere Betriebe, die seit Generationen ‚reinhauen‘, denen sollte man die Möglichkeit geben, gut zu wirtschaften. Dank Niedrigzinslage hilft es uns, durch zu tauchen, aber wenn der Zins raufgeht, dann bekommen wir ein richtiges Problem. Wir benötigen mehr Motivation. Wirtschaftspolitisch. Der Kampf gegen schlechte Rahmenbedingungen wird weitergeführt. Österreichweit benötigen wir eine besser koordinierte Interessenspolitik, wir müssen uns noch besser abstimmen und durchschlagskräftiger werden. Dazu gibt es auch gute Ideen und neue Wege sind zu gehen. Wir erhalten einen neuen Spartengeschäftsführer in Wien, ich setze meine Hoffnungen auf ihn. Die Servicierung ist zu verbessern, das Bildungsthema in Vorarlberg, wo nun 30 Mio. Euro – für die räumliche Investition der neuen Schule und ein neues modulares Ausbildungssystem getätigt werden – das ist unser Hoffnungsschimmer für das Ländle.“

T.A.I.: Zum Schluss noch etwas Privates: Gibt es oft Verwechslungen mit Ihrem Namensvetter, dem Industriellen Hans-Peter Metzler, der u.a. auch als Präsident der Bregenzer Festspiele Privatstiftung fungiert?

Metzler: „Wir kennen uns schon sehr viele Jahre – und dies hat in der Tat mit einer Verwechslung zu tun: Er hat einst bei mir einmal auf Hans Peter Metzler einen Tisch reserviert – die Rezeptionistin dachte es sei ein Scherz oder eine Prüfung... Als er tatsächlich mit vier Personen kam, haben wir noch einen Tisch gerichtet – und uns an diesem Abend kennengelernt. Nicht nur der Vor- und Zuname verbindet uns, sondern auch das Faktum, dass wir beide eine deutsche Frau und je drei Töchter haben. Wir sehen uns regelmäßig, wir schätzen und mögen uns. Es mag noch ab und zu Verwechslungen geben, diese sind aber rasch ausgeräumt. Uns verbindet ein ähnliches Denken im kulturellen und touristischen Bereich – was zu einem tollen Austausch führt.“ 

Kurzportrait Hans-Peter Metzler

Der gebürtige Löwe Hans-Peter Metzler (8. August 1965) besuchte die Tourismusschule Bludenz und den Aufbaulehrgang für höhere Tourismusberufe in Bludenz, maturierte 1986 und übernahm im selben Jahr nach Tod seines Vaters den elterlichen Betrieb, einen Bus-Gasthof in Hittisau. Metzler baute ihn zum heutigen Romantik Hotel Das Schiff aus (27 Zimmer und Suiten, Entspannungsbereich mit Saunen, Dampfbad und Pool, Hauben-Restaurant, 2 Mio. Euro Umsatz, 28 MitarbeiterInnen, 214 Vollbelegstage, 13.500 Übernachtungen). Zwischen 1988 und 1994 war er Obmann „Junges Gastgewerbe Vorarlberg“, von 1995 bis 2000 Obmann der Regionalplanungsgemeinschaft Bregenzerwald. Seit 2010 ist Hans Peter Metzler Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft der WK Vorarlberg. Er war Mitbegründer der KäseStrasse Bregenzerwald und 10 Jahre bis 2008 deren Obmann. Metzler ist verheiratet und Vater von drei Töchtern.

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Erstellt am: 03. Juni 2016

Sieht im Österreich-Vergleich eine Top-Performance von Vorarlberg: Hans-Peter Metzler - Foto © VLK/W. Micheli

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