ÖHV (Österreichische Hoteliervereinigung)

Abgesang der Wackeldackel!
„Modell Norwegen“ weist den Weg

Print-Ausgabe 20. Oktober 2017

Gut gelaunt – sie wurde am Dienstag dieser Woche als „Mittelstand Heroe“ geehrt – traf T.A.I. die Präsidentin der ÖHV (Österreichische Hoteliervereinigung) Michaela Reitterer kurz vor Redaktionsschluss zu einem „Nach-Wahl-Frühstück“ in ihrem Betrieb, dem Boutiquehotel Stadthalle. Die Auszeichnung habe sie angenommen, „um dem Mittelstand ein Gesicht zu geben.“ Damit war das Gespräch auch schon „in medias res“ angelangt, denn für Reitterer ist eines klar: „Der Mittelstand performt nicht wegen, sondern trotz der Regierung!“

Wird‘s die künftige besser machen? Reitterer lächelt: „Neue Regierung, neues Glück.“ Denn bei der vorigen sei es „für den Tourismus richtig schlecht gelaufen.“ Hoffnung schöpft sie, weil „der Tourismus in vier von fünf Wirtschaftsprogrammen der Parteien prominent vertreten ist, mit Reparatur der AfA (Abschreibungen), Rücknahme der Mehrwertsteuer-Erhöhung und der Forderung nach einem Staatssekretariat für Tourismus.“

Nur vier von fünf Parteien? Ja, denn „nichts davon ist im Programm der SPÖ gelandet. Das ist völlig bezeichnend.“ Bei einer Regierungsbeteiligung der SPÖ würde sich deshalb, so die ÖHV-Präsidentin, „für den Tourismus nichts bessern. Da müsste schon viel geschehen, aber ich sehe nichts.“ Bei der SPÖ herrsche nach Ansicht von Reitterer die Einstellung: „Wenn‘st Erfolg hast, bis ein Leute-Ausbeuter, wenn du keinen hast, bist ein Trottel.“

Einwurf von T.A.I.: „Große Eier für den Tourismus hat aber die ÖVP gelegt.“ Reitterer: „So ist es, aber sie haben die Eier zusammen gelegt. Ich glaube, dass das (Finanzminister) Schelling nicht alleine entschieden hat“ (gemeint sind MWSt.-Erhöhung auf Logis, Registrierkassenpflicht, Anhebung der Abschreibedauer von 33 auf 40 Jahr, etc.). „Das waren wirtschaftlich die unfairsten und unsinnigsten Maßnahmen, an die ich mich erinnern kann.“ Die ÖHV habe stets vor den Folgen gewarnt, „aber es hat uns niemand geglaubt“, so Reitterer. Es wurde den Hoteliers lediglich beschieden: „Sie sollen nicht immer jammern und verlangen.“ Zornig funkeln ihre Augen: „Das ist an Zynismus nicht zu überbieten.“

Was erhofft sie sich von der neuen Regierung? Reitterer: „Ich halte das norwegische Modell, das NEOS-Chef Matthias Strolz anregt, für schlau: eine Minderheitsregierung mit Experten, die sich um Mehrheiten bemühen muss! Kein Abgeordneter kann sich dann hinter dem Clubzwang verstecken, sondern muss sich selbst seine Meinung bilden.“ Die Mandatare wären dann „keine Wackeldackel mehr, sondern müssten über Themen diskutieren.“

Ein gutes (und damit im Ergebnis schlechtes) Beispiel sei das Pauschalreisegesetz: „Es wurden die EU Richtlinie und das österreichische Gesetz nicht in ein neues Gesetz verarbeitet, sondern die EU Richtlinie draufgepappt und damit verdoppelt, inklusive aller Widersprüche!“

Welcher Regierungs-Koalition würde sie den Vorzug geben? Michaela Reitterer: „Für uns ist die unparteiische Position wichtig. Das einzige, was uns interessiert, ist das Wohl unserer Mitglieder. Es geht uns um die Rahmenbedingungen für die Hotellerie. Das ist der Auftrag der ÖHV.“

Noch ein Versuch: Wie steht ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer der Variante Rot-Blau gegenüber? Hier bestehe eine Gefahr „bezüglich der notwendigen Auslegungen rund um die Angleichung der Angestellten und Arbeiter“ (siehe Beitrag auf Seite 17). Und wenn Schwarz-Blau kommt? Dann gebe es die Hoffnung, dass „nicht alles reflexartig nur populistisch entschieden, sondern in Ruhe durchverhandelt wird. Deswegen bin ich für das norwegische Modell: Es geht darum, bei 183 Mandataren Mehrheiten zu holen, weil man sie mit Argumenten überzeugt hat.“

Die Wünsche der ÖHV-Präsidentin abgesehen von MWSt., Afa und Staatsekretariat? „Arbeitszeit-Flexibilisierung“, kommt umgehend die Antwort, „Arbeit muss wieder leistbar werden. Wir kämpfen dafür, dass die MitarbeiterInnen wieder ein Maß an Selbstbestimmung haben.“ Mit ihrem Betrieb, dem Boutiquehotel Stadthalle (30 MitarbeiterInnen, 28 im Vollzeitäquivalent), ist die ÖHV-Chefin diesbezüglich Vorreiterin (siehe Info-Kasten).

Ein weiteres Anliegen an die Politik sei es, „endlich die Bedeutung der Tourismusberufe zu erkennen: Wir geben vielen Menschen Arbeit, die nicht das Glück hatten, studieren zu können. Es geht um das Schaffen von Rahmenbedingungen, damit unsere MitarbeiterInnen ihre Lebensmodelle im Tourismus umsetzen können.“  

Ebenso wichtig wäre es, sich endlich der Bedeutung des Tourismus für ländliche Regionen bewusst zu werden: „Ohne Tourismus hätten wir in den Talschaften verödete Landstriche. Wir brauchen Maßnahmen, damit diese Leitungen des Tourismus unterstützt werden.“

Der abschließende Wunsch von Michaela Reitterer: „Dass „ein Experte für Tourismus in der künftigen Regierung sitzt. Es muss nicht ein Staatssekretär sein, aber eine Persönlichkeit, die klarstellt, was eine bestimmte Maßnahme für den Tourismus bedeutet.“ Damit könne der Mittelstand künftig nicht trotz, sondern wegen der Regierung performen. 

Flexible Arbeitszeit am Prüfstand der Arbeitsmedizin

Die 8 RezeptionistInnen des Boutiquehotel Stadthalle möchten das Modell einführen, in Zweierschichten an vier Tagen je 12 Stunden durchzuarbeiten. Dies hätte u.a. den Vorteil, dass jede(r) an den Feiertagen zu Weihnachten und Silvester nur einmal Dienst hätte. Laut Michaela Reitterer stehe man diesbezüglich erst am Anfang „des ganzen Bürokratieweges“, denn man brauche dafür entweder eine Betriebsvereinbarung (geht nur mit Betriebsrat, den es in ihrem Haus nicht gibt) oder ein arbeitsmedizinisches Gutachten (im Laufen), dass diese Form der Arbeitseinteilung zumutbar ist. T.A.I. wird über die weitere Entwicklung berichten.

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Erstellt am: 20. Oktober 2017

Bild: ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer

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