Kufsteinerland

Authentizität und individuelle
Ansprache kosten Zeit und Geld

Print-Ausgabe 9. September 2016

Bessere Zugänglichkeit für individuelle Erlebnisse gefordert – Stefan Pühringer, Geschäftsführer des TVB Kufsteinerland, im T.A.I.-Interview

T.A.I.: Wie entwickelte sich das Gästeaufkommen im vergangenen Jahr?

Stefan Pühringer: „Das Nächtigungsaufkommen hat sich wieder leicht nach oben entwickelt. Seit den 90er Jahren hat die Region Kufsteinerland um die 180.000 Nächte verloren. Insgesamt konnte 2015  ein Plus von 20.000 Nächten erreicht werden. Den letzten Winter konnten wir mit einem Zuwachs von rund 15.000 Nächten abschließen. Der Mai hat mit einem ebenso guten Plus gestartet. Trotz der EURO in diesem Jahr erwarten wir uns einen Zuwachs.“

T.A.I.: Welche Erwartungen haben Sie an die Sommersaison?

Pühringer: „Die Erwartungen sind gut, da wir neue Hotelbetriebe dazubekommen haben, wie etwa DAS SIEBEN in Bad Häring oder das ARTE Hotel im neuen Kulturquartier Kufstein. Zahlreiche Betriebe haben fleißig investiert, wie das Hotel Andreas Hofer, der Sattlerwirt oder das Panorama Royal. Es wurde viel Herzblut und Arbeit in die Sommerevents gesteckt, allen voran die Festspiele Erl, die Passionsspiele in Thiersee, Kufstein Unlimited, der OperettenSommer oder auch in ein neues Literaturfestival. Die hohe Dichte an Klettermöglichkeiten, Wanderwegen und unsere Gebirgsseen punkten dank der Rückbesinnung vieler Gäste zum alpinen Sommertourismus, einer intakten Natur- und Kulturlandschaft und auch der Regionalität. Auch gesellschaftspolitische Entwicklungen im Bezug auf die globale Sicherheit spielen uns positiv in die Hände …“

T.A.I.: Schon seit einiger Zeit setzt man in ganz Tirol verstärkt auf Ganzjahrestourismus. Welche Monate bzw. Saisonen sind im Kufsteinerland die stärksten?

Pühringer: „Unsere Region war immer schon eine eher starke Sommerdestination – für Tirol also untypisch. Wir profitieren aber stark von der naheliegenden Skiwelt. Ebenso von kleineren Gebieten, wie dem Zahmen Kaiser, Kössen, Bayrischzell  oder Thiersee. Der Adventtourismus hat sich sehr gut entwickelt und  füllt mittlerweile die Betten im Dezember ganz gut. Da die Region strategisch gut gelegen ist, haben sich über Jahrhunderte starke Betriebe hier angesiedelt (Viking, Riedel, Bodner, Sandoz, Pirlo u.v.m.), die uns kontinuierlich Geschäftstourismus bringen. Auch der Tagestourismus hat einen hohen Stellenwert, besonders in Kufstein. Ansonsten liegen wir im Tiroler Schnitt. Im 20-Jahresschnitt hat sich der Sommer zurück entwickelt, der Winter stagniert bzw. ging ganz leicht nach oben.“

T.A.I.: Welches sind die wichtigsten Quellmärkte?

Pühringer: „Definitiv Deutschland, Österreich, Schweiz und Benelux. B-Märkte sind Tschechien und Italien. Wir setzen zukünftig aber auch auf Fernmärkte, wie China – naheliegend bei Produkten wie Riedel Glas, Festung Kufstein oder auch den Festspielen. Hier punktet die Kombination aus Natur und Kultur.“

T.A.I.: Was sind die wichtigsten beziehungsweise am meisten nachgefragten Produkte?

Pühringer: „Unser Kur- & Wellnessangebot z.B. in Bad Häring und Thiersee, die Kombination aus Stadt & Land, die hohe Dichte an Hochkulturangeboten wie etwa den Festspielen Erl, aber auch das Kaisergebirge und die Seen der Region. Nischenangebote wie der Fohlenhof in Ebbs oder viele Direktvermarkter vervollständigen das Angebot. Unser Landmark ist sicherlich die Festung Kufstein.“

T.A.I.: Spüren Sie Auswirkungen  von den Grenzkontrollen im deutschen Eck, die seit letztem Jahr stichprobenartig durchgeführt werden? Denken Sie, dass sich Urlauber davon abschrecken lassen?

Pühringer: „Ja, ich denke schon, vor allem Tagestouristen. Wir haben durch Kufstein viel mehr Ausweichverkehr als früher, da hat aber schon die Vignette stark dazu beigetragen. Positiv ist, dass Kufstein wieder oft im Radio genannt wird und viele Urlauber auf Stopover im schönen Kufsteinerland nächtigen.“

“Künstliche Lebenswelten haben hier meiner Meinung nach keinen Platz”

T.A.I.: Ein großer Trend im Tourismus betrifft Individualisierung: mehr personalisierte Urlaubserlebnisse, Flexibilität, und Spontanität, dafür weniger fix-fertige Pakete. Kommt Ihnen das entgegen?

Pühringer: „Witzig, dass Sie mich das fragen. In unserem Markenfindungsprozess haben wir uns als Ziel gesetzt, das Kufsteinerland als eine verbindende Region für eine hohe Dichte an authentischen Individualerlebnissen für den erfahrenen Kunden und Gast zu positionieren. Künftig möchten wir die Heterogenität des Kufsteinerlandes genau dafür nutzen. Vormittags eine Naturerlebnisführung im Kaisergebirge, mittags ein mondänes Essen in Kufstein, nachmittags Reiten in Ebbs und Schwimmen im Thiersee und abends eine Oper in Erl …. Mit unserem Erlebnisprogramm versuchen wir bereits jetzt auf die Gäste individuell einzugehen. Künftig möchten wir individuelle Erlebnisse für den Gast leichter zugänglich machen.“

T.A.I.: Was verändert sich dadurch in der Kundenansprache?

Pühringer: „Wir sind mehr gefordert auf den Kunden einzugehen – das kostet aber Zeit  und damit auch Geld. Der Faktor Mitarbeiter ist damit in der Dienstleistungskette viel mehr gefordert. Künstliche Lebenswelten haben hier meiner Meinung nach keinen Platz – gefordert sind wir mit spürbar authentischer Begegnungsqualität und Resonanz dem Kunden gegenüber… ich bin gespannt, ob wir das schaffen, denn eigentlich geht ja alles in Richtung Kostenoptimierung und Standardisierung, zumindest wirtschaftlich gesehen. Für mich ein großes Paradoxon.“ 

Stefan Pühringer im Portrait

Der Absolvent eines Masterstudium mit Schwerpunkt internationales Marketing war u.a. bereits als Marketingleiter und stellvertretender Direktor bei Kitzbühel Tourismus und Geschäftsführer bei Saalfelden Leogang Tourismus tätig. Seit Anfang 2015 leitet Stefan Pühringer als Geschäftsführer die Geschicke des Tourismusverbands Kufsteinerland, der acht Dörfer rings um die Festungsstadt am Kaisergebirge umfasst. Das touristische Angebot ruht auf den vier Säulen Natur & Sport, Kultur, Gesundheit und MICE.

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Erstellt am: 09. September 2016

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