Standpunkt

Nicht getwittert, sondern gegoogelt

Print-Ausgabe 15. Juni 2018

Das Smartphone hat unser aller Leben bereichert. Gemeint ist damit nicht die Möglichkeit, jederzeit und von überall seine Seelen- und sonstigen Blähungen zu posten, hashtagen und twittern (Lieblingsbeschäftigung des Mächtigsten Mannes der Welt) oder Algorithmen-gesteuert das selbständige Denken aufzugeben, sondern sein Wissen mit ein paar Fingerwischern ein wenig anzureichern. Schnitt.

Trade-Präsentation bei der Taufe des neuen MSC Flaggschiffs Seaview. Hafen von Genua. Beeindruckende Präsentation. Großformatig erscheint auf der Videowall MSC Gründer und Eigentümer Gianluigi Aponte. Elegant, zuvorkommend, erfolgreich.

Schnell mal gegoogelt. 77 Jahre, 192 reichster Mann der Welt. Wow. Nettovermögen rund 8,8 Mrd. US-Dollar. Zwei Kinder. Selfmade-Milliardär.

Weiter gegoogelt. Geboren in Sorrent, aufgewachsen in Neapel. Vom Matrosen zum Kapitän. Auf einer Kreuzfahrt in die Genfer Bankierstochter Rafaela verliebt. Hochzeit.

Also doch kein Selfmade-Milliardär? Weiter googeln. Auf baltimoresun.com fündig. Mit 5.000 Dollar Eigenmittel und 275.000 Dollar Kredit (Genfer Bankiers sind eben Räpplizähler) erstes Schiff gekauft. Alter Kahn. Dann viele weitere alte Kähne. Dann neue. Und große. Riesengroße. Weiter googeln. Heute Nummer 2 mit einer Flotte von 500 Frachtschiffen. Die neusten schon relativ sauber: 2016 konnte MSC den CO2-Ausstoß pro Cargo-Meile um 6,6 Prozent senken, 2017 um weitere 7,98 Prozent.

Ähnliche Strategie im Kreuzfahrtbereich. Googeln. 1987 die Achille-Lauro-Linien gekauft, 2003 einen Teil der Festival-Masse. Ab 2006 erste eigene Neubauten. Innovation und Expansion. Heute Trendsetter. Drei Mega Cruiser in nur einem Jahr, jetzt 15 Schiffe. Bis 2026 neun weitere Mega Cruiser. Derzeit Nummer 4 der Welt, bald Nummer 3.

Noch ein Google-Ergebnis: 2,3 Mrd. Euro Umsatz 2017 (Augenhöhe mit Austrian Airlines), operativer Gewinn 367 Mio. Euro (mehr als dreieinhalbmal so viel wie die AUA). Das sind die Zahlen von MSC Cruises. Inklusive Cargo, Fähren und Häfen sind’s 30 Mrd. Dollar. Fast Lufthansa-Niveau. Über 6 Mrd. Dollar Nettogewinn. Doppeltes Lufthansa-Niveau.

Bei der Trade-Präsentation wurde das Wenigste davon erwähnt. Deshalb aus Neugier vor Ort gegoogelt. Smartphone sei Dank. MSC will eben nicht dick auftragen. Sondern Partner sein für die rund 80.000 Reisebüros, mit denen weltweilt zusammengearbeitet wird. Auf Augenhöhe. Denn MSC ist zwar ein Mega-Konzern, aber darüber hinaus ein (höchst professioneller, wie’s scheint) Familienmetrieb. Schön, dass es so etwas noch gibt, in einer anonymisierten, DSGVO-gestörten, Excel-, Report-, Rendite- und Börsenkurs getriebenen Allgorythmen-Twitter-Welt, kehrte tief beeindruckt von der MSC Seaview-Taufe zurück der

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Erstellt am: 15. Juni 2018

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