Rottenbergs Roadbook

Karmapunkte im Bus

Print-Ausgabe 1. Juli 2016

Es war nur eine Kleinigkeit. Eine Lappalie. Der Lenker des 57A hatte sie vielleicht schon vergessen, als er seine Runde durch die noch leeren Straßen des 15. Wiener Gemeindebezirkes weiter drehte.

Für Nicht-Wiener: Der 57A ist eine Buslinie. Er fährt beim Ring los, knapp an Schönbrunn vorbei zum technischen Museum. Tagsüber knackvoll. Am Samstags, um sechs Uhr morgens, leer. Zwei Fahrgäste, die den Schichtwechsel der Stadt anzeigen: Ein müder Nachtvogel am Heimweg und ich - am Weg zum „Earlybird“-Lauf im Schlosspark. Bevor Touristen und Hitze übernehmen.

In der Station Stiegergasse hält der Bus länger. Um, denke ich, von der Fahrplan-Zeit eingeholt zu werden. Doch der Lenker steht auf, geht nach hinten und stupst den schlafenden Partyvogel an: „Huhu! Stiegergasse! Du fährst zum dritten Mal vorbei!“ Der Schläfer schreckt auf. „Echt?“ Er steigt aus und trottet - schwankend - davon.

Ich bin zwei Stationen später am Ziel: „Das war nett.“ - ?? - „Na der Weckdienst.“ Der Fahrer lacht: „Naja, stimmt doch: Irgendwann will jeder nach Hause.“

Ich strahle. Bin so glücklich, als hätte der Mann mir und nicht einem Wildfremden leere Kilometer erspart. „Das gibt Karmapunkte“, sage ich. Ein fragender Blick. „Karmapunkte gibt es für Kleinigkeiten. Lächeln, freundliche Worte, eine Geste. Karmapunkte sammelt, wer gibt. Weil Schönes und Gutes mehr wird, wenn man es teilt. Gerade weil es nichts kostet.“ Ich steige aus. Sage noch: „Außerdem: Danke. Stellvertretend für den verpennten Nachtvogel. Der war dafür zu müde.“ Und jetzt strahlt auch der Fahrer des 57A.

Thomas Rottenberg
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Erstellt am: 01. Juli 2016

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