Neue ÖBB-Strategien

„Kern-Kraftwerk“ auf Schienen! Bahn-General geht in die Offensive

Print-Ausgabe 29. Jänner 2016

Christian Kern

Christian Kern brachte in den letzten fünfeinhalb Jahren die ÖBB auf Vordermann – jetzt stellt er entscheidende Weichen für die Zukunft

Als Christian Kern Mitte 2010 als Vorstandsvorsitzender der ÖBB antrat, war das damals 43.000 MitarbeiterInnen große Unternehmen (heute: 42.000) drauf und dran, zu entgleisen: die Eigenkapitalbasis war das dritte Jahr in Folge massiv zurückgegangen, der Jahresfehlbetrag auf über 300 Mio. Euro explodiert. Kern (zuvor CEO im Verbund-Konzern; ruhiger, konsequenter Managementstil, sympathisch und effizient) ließ keinen Stein auf dem andern und verwandelte die ÖBB innerhalb kürzester Zeit zur pünktlichsten und im Güterverkehr profitabelsten Bahn Europas. Heuer gibt es mit 200 Mio. Euro Netto-Ergebnis einen weiteren Rekordgewinn.

Doch für Kern gibt es keinen Anlass, sich auf diesen Erfolgen auszuruhen: „Wir haben in den zurückliegenden fünfeinhalb Jahren mehr erreicht, als wir erwartet hatten. Aber ich hätte nicht gedacht, dass dies nicht reichen wird, um die Zukunft erfolgreich zu gestalten“, betonte er vorige Woche beim ÖHV (Österreichische Hoteliervereinigung)-Kongress in Zell am See: „Wenn wir auf der Stelle verharren, sind wir in zwei Jahren dort, wo die Deutsche Bahn heute steht.“ Deren für 2015 prognostizierter Nachsteuerverlust erreicht knapp 1,3 Mrd. Euro. Kerns Antwort auf die Fülle an Herausforderungen lautet nicht „Downsizing“ („das ist die einfachste Lösung für Manager, aber kein sinnvoller Weg“), sondern volle Offensive: „Wir werden unser Angebot massiv ausbauen.“

So werden die ÖBB im Personenbereich über 1 Mrd. Euro in neues Zugmaterial investieren (RailJet sowie Nahverkehr) und daran arbeiten, die Fahrzeiten weiter zu verkürzen. Im Güterbereich, der massiv unter Druck steht, setzen die ÖBB auf Internationalisierung (unter anderem Ausbau der Vernetzung mit Europas Nord-Häfen).  Dazu kommt eine Digitalisierungs-Offensive. Von einer neuen Bahn-App existiert bereits die Beta-Version. Christian Kern: „Fahrgäste können damit in fünf Sekunden ihr Bahnticket buchen.“

Weitere rund 100 Mio. Euro hat der ÖBB-Chef für die Aufrüstung des WLAN in den Zügen reserviert. „WLAN im Zug zu installieren ist die Eiger-Nordwand des mobilen Telefonierens“, unterstreicht er die technischen Herausforderungen, die es zu überwinden gilt. „Selbst im Space-Shuttle wäre das leichter.“ Bereits in wenigen Monaten soll es soweit sein, „sie werden sich dann auch ein Fußballmatch im Zug ansehen können.“

Mitte des Jahres steht der Einstieg ins Fernbus-Geschäft auf dem Plan. Auch hier sieht Kern Angriff als beste Verteidigung: die DB verlor rund 300 Mio. Euro an Umsatz an die Fernbusse, was „1:1 in das Ergebnis der Bahn durchschlägt, weil ja nicht weniger Züge fahren.“ Mit welchen Partnern die ÖBB tätig werden wird (Blaguss und Dr. Richard zeigen sich offen), darüber wollte der Bahn-Chef noch nichts verraten.

Ebenfalls aktiv werden will Kern im Bereich der Online-Mitfahrzentralen vom Schlage einer BlaBlaCar („Das ist wie Airbnb auf Rädern“), die in Europa bereits 20 Millionen Mitglieder zählt. In Frankreich, wo sie 2006 gegründet wurde, lehrt sie die Bahn das Fürchten: „Die SNCF hat durch Mitfahrzentralen 5 Prozent ihres Fernverkehrs verloren“, so Kern, der deshalb für die ÖBB ein Investitionsprogramm im Bereich Verkehrsverbünde verordnet hat, mit Partnern auch im Car-Sharing.

Noch Zukunftsmusik sind selbstfahrende Autos à la Google-Car. Doch für Christian Kern steht fest: „Auch das wird viel verändern. Es ist ebenso Chance wie auch Herausforderung für die Bahn.“ Er will sie nützen. Stillstand ist, wie gesagt, keiner mehr erlaubt. 

Kurzportrait Christian Kern

Der gebürtige Wiener Christian Kern (50) startete seine Karriere nach erfolgreichem Abschluss des Studiums der Kommunikationswissenschaften an der Uni Wien sowie einem Postgraduate am Management Zentrum St. Gallen (MZSG) als Wirtschaftsjournalist. 1991 wechselte Kern in die Politik (Assistent des Staatssekretärs im Bundeskanzleramt, danach Büroleiter und Pressesprecher des SPÖ-Klubobmannes), um 1997 ins Management der Verbund AG einzusteigen. 2007 wurde er deren Vorstand. Im Juni 2010 wurde Christian Kern Vorstandsvorsitzender der ÖBB-Holding-AG. Christian Kern ist Vater von drei Söhnen und einer Tochter.

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Erstellt am: 29. Jänner 2016

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