Dialog zwischen Kultur und Tourismus

„Tourismusentwicklung nicht den Touristikern überlassen“

Print-Ausgabe 14. Dezember 2018

Mit dieser provokanten Forderung ließ Prof. Pechlaner im Rahmen des 1. Travel­Culture Kongresses in Linz aufhorchen – es geht um eine Veränderung der Reisekultur

Im Zentrum von TravelCulture – ein neues Format für den Dialog zwischen Kultur und Tourismus – stand die Frage, wie Institutionen und Initiativen aus Tourismus und Kultur so zusammenarbeiten, dass sowohl für BesucherInnen als auch Einheimische Nutzen entsteht. Biennal konzipiert richtet sich das Kongressformat an VerantwortungsträgerInnen und „helle Köpfe“ im Tourismus- und Kulturbereich. Georg Steiner, Tourismusdirektor der Stadt Linz und Initiator von TravelCulture: „Kaum eine Branche ist so schnelllebig wie der Tourismus. Im 21. Jahrhundert muss er für Einheimische, Betriebe, MitarbeiterInnen sowie Gäste einen Mehrwert bieten.“ Derzeit tendiere die Entwicklung eher zum Gegenteil: „Die Branche konzentriert sich mehr denn je auf wenige Punkte. Es fehlen Narrative, durchgehendes Storytelling sowie Strategien von Entzerrung“, so Steiner. Mit TravelCulture will er „Motivationsschübe von und für Vor- und Querdenker“ liefern.

T.A.I. war bei der Kongress-Premiere Anfang November mit dabei. Positiv aufgefallen: Es wurde weitgehend auf das übliche Schaulaufen der Destinationen verzichtet, stattdessen wurde eine „Culture of Collaboration“ etabliert. Gut gelang speziell am TravelCulture-Vormittag das Themenfeld aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Hermann Schneider, Intendant des Linzer Landestheaters: „Kultur ist ein Prozess, bei dem wir Grenzen überschreiten. Wie auch bei der Reise zu einem anderen Ort, wo wir uns selbst als anderer Mensch begegnen.“ Terry Stevens, internationaler Tourismusexperte der University of Swansea, gab einen inspirierenden Input über das Reisen und was eine Destination einzigartig mache: „Grundsätzlich haben Tourismusorganisationen die Erfahrungen der BesucherInnen nicht in der Hand. Es sind Entdeckungen und glückliche Zufälle, die entscheiden, wie eine Reise empfunden wird.“

Härter stieg Harald Pechlaner (Prof. für Destinationsentwicklung und Standortmanagement an der Kath. Universität Eichstätt) mit seinem Vortrag in die Diskussion ein. Der größte Fehler sei, „die Tourismusentwicklung TouristikerInnen zu überlassen“, provozierte er die ZuhörereInnen. Die Aussage konnte er sich erlauben: Pechlaner leitete einst selbst die Tourismusorganisation seiner Heimat Südtirol. Seine Anregung: „Je stärker sich Reisende als Kurzzeit-Einheimische fühlen, desto mehr müssen Bevölkerungsgruppen, die wenig mit TouristInnen am Hut haben, in die Entwicklung einbezogen werden.“

Barbara Neuhofer, Fachbereichsleiterin Experience Design an der FH Salzburg, zeigte in ihrem Input neue Wege des Marketings auf. Trotz aller technischen Weiterentwicklungen stehe immer noch der Mensch im Mittelpunkt: „Es geht um eine ‚human strategy for digital consumers‘.“

Am Nachmittag ging es – ganz nach dem Motto eines „Blue Meetings“ – zum Workshop ins Ars Electronica Center. Der von Linz Tourismus geschützte Begriff „Blue Meeting“ orientiert sich an der Idee der „Blue Architecture“ und will Kongressgäste aus den Hallen holen. Konsequent durchreisten deshalb die TravelCulture-TeilnehmerInnen Linz: Vom Auftakt im Foyer des neuen Musiktheaters, über Workshops im Ars Electronica Center und Kulturzentrum, bis hin zum Mittag­essen, das in typische Lokale der Stadt führte. Der Ausklang am Abend erfolgte in der Tabakfabrik, inklusive Diskussion mit Bestsellerautor und Ausnahme-­Karikaturist Gerhard Haderer über die Kunst des Reisens. Titel: „Übung zum Ungehorsam“, was eine perfekte Abrundung zur Zielsetzung von TravelCulture darstellte, einen Beitrag zur Änderung der Reisekultur zu leisten. Mehr dazu im „Tourismus Wissen quarterly“ Nr. 15, das Mitte Jänner 2019 erscheint. 

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Erstellt am: 14. Dezember 2018

Möchte „Motivationsschübe von und für Vor- und Querdenker“ liefern: Georg Steiner, Tourismusdirektor der Stadt Linz

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