Bustouristik

Corona hin, Maskenpflicht her, „micronAir blue“ könnte alles ändern

Print-Ausgabe 11. September 2020

Stellte das neue Filtersystem der Öffentlichkeit vor: Elke Bereuter-Hehle von Hehle-Reisen


 

Mitten in der größten Krise der Bustouristik sorgt das innovative Vorarlberger Filtersystem „micronAir blue“ für einen Lösungsansatz – auch für Schiene und Luftfahrt

Er zählt zu den stillen Säulen der Touristik, ist aber wie alle anderen Bereiche massiv von den Auswirkungen der Corona-Pandemie getroffen: der Bustourismus. Eine Innovation namens „micronAir blue“, hinter deren Entwicklung federführend das Vorarlberger Bus­unternehmen Hehle-Reisen steht (neun Busse von 8 bis insgesamt 54 Plätzen; Flaggschiffe der fünf Hehle-Reisebusse sind der heuer ausgelieferte Setra 515 HD sowie der Setra 516 HD aus 2018). Elke Bereuter-Hehle: „Dieses Hygienekonzept ist ein weltweites Vorzeigemodell, nicht nur für Autobusse, sondern auch für Schienenfahrzeuge und für die Luftfahrt.“ Am Montag dieser Woche wurde „micronAir blue“ der Öffentlichkeit vorgestellt.

Laut T-MONA (Tourismus Monitor Austria) reisten zuletzt rund 6% bzw. ca. 1,6 Mio. aller ausländischen Gäste mit dem Reisebus nach Österreich, umgekehrt werden von den insgesamt 19,6 Mio. Urlaubsreisen der ÖsterreicherInnen im In- und Ausland 6,7% bzw. 1,31 Mio. Reisen mit dem Bus unternommen. Bei den Auslandsreisen beträgt der Bus-Anteil sogar 8,1%.

Die jüngst abgehaltenen Bustouristik-Veranstaltungen (der RDA Workshop in Köln und der BTB Workshop in München – siehe Beiträge auf Seite 7) zeigten einerseits den Überlebenswillen der Branche, verdeutlichten aber gleichzeitig, wie hart sie darum kämpfen muss. Der Totalausfall sämtlicher Reisen ab Mitte März 2020 hatte die monatelangen Vorarbeiten in der Organisation zunichte gemacht, Umsätze ausbleiben lassen und von einem Tag auf den anderen Hunderte von MitarbeiterInnen in Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit gedrängt und das in einer Zeit, die als die umsatzstärkste im gesamten Jahr gilt.

Umso hörbarer war im August das Aufatmen, als im Rahmen des Fixkosten-Zuschusses II das „Rettungspaket für die Busbranche“ fixiert wurde. Ob es 1:1 auch der EU-Beihilfenrichtlinie entspricht (siehe Kommentar auf Seite 4), muss sich allerdings erst weisen. Fix ist hingegen die Verlängerung der COVID-19 Lockerungsverordnung bis Jahresende 2020. Deren Bestimmungen für Linien- und Reisebusse bleiben unverändert aufrecht, somit auch die Maskenpflicht. Dies, obwohl Name, Telefonnummer und Sitzplatz jedes Fahrgastes im Gelegenheitsverkehr dokumentiert und im Fall einer Infektion alle Kontakte leicht nachverfolgt werden können.

Die Filter sind einfach zu tauschen, wie Wirtschaftslandesrat Marco Tittler (l.) und Hehle-Reisen-Fuhrparkleiter Konrad Bereuter an einem Beispiel demonstrieren.


 

In diesem Zusammenhang sorgt die eingangs erwähnte Innovation aus Vorarlberg für Aufsehen: Vom in Lochau ansässigen Busunternehmen Hehle-Reisen wurde gemeinsam mit dem OFI (Österreichisches Forschungsinstitut für Chemie und Technik) und den Freudenberg Filtra­tion Technologies ein neuartiges Bus-Filtersystem entwickelt, das soeben unter der Bezeichnung „micronAir blue“ seine Marktreife erlangt hat. Es scheidet Pathogene wie Viren nahezu vollständig ab.

„Nach der erfolgreichen Entwicklungs- und Testphase können die Filter nun in der Praxis eingesetzt werden“, freut sich Elke Bereuter-Hehle, die eingesteht, zu Beginn der Corona-Krise „wie viele andere Betroffene auch anfangs in einer Art Schockstarre“ gewesen zu sein. Doch rasch wurde von ihr und ihrem Team ein eigenes Projektteam und Forschungsnetzwerk zusammengestellt, mit dem Ziel, ein Hygienekonzept für Reisebusse zu entwickeln, das die größtmögliche Sicherheit für Reisende hinsichtlich Infektionsrisiko gewährleistet.

Mehr als ein Dutzend der rund 50 Vorarlberger Busunternehmen – darunter Herburger Reisen, Sunshine Tours oder Krautgartner – haben sich der Initiative angeschlossen, ebenso EvoBus Austria (Mercedes und Setra). Ergebnis ist das Filtersystem „micronAir blue“ unter Einhaltung der Biozidprodukte-Richtlinie der EU. Hehle-Reisen setzt die „micronAir blue“-Filter bereits seit Juni 2020 in seinen Bussen ein. Ab September kommen sie flächendeckend in allen Vorarl­berger Reisebussen zum Einsatz.

Ob sich damit an der Maskenpflicht etwas ändern wird, muss das Gesundheitsministerium bestimmen. Fest steht, dass sich die Hehle-Busgäste durch „micronAir blue“ im Bus erheblich sicherer fühlen: „Ihre Angst vor Ansteckung durch andere Passagiere hat deutlich abgenommen,“ so Hehle-Fuhrparkleiter Konrad Bereuter über die Rückmeldungen der KundInnen, die überwiegend der durch Corona besonders gefährdeten Gruppe der über 60-Jährigen angehören. 

Österreichs Busunternehmen in Zahlen

In Österreich gibt es aktuell knapp über 1.260 Busunternehmer (überwiegend rein private Busunternehmen) mit einer Flotte von rund 9.200 Bussen. An der Spitze steht die ÖBB-Postbus GmbH (mehr als 2.300 Busse, über 3.900 Beschäftigte). Nahezu 85 Prozent der übrigen Linien- und Reisebusse sind rein im privaten Besitz. Dabei handelt es sich überwiegend um klein- bis mittelständische Unternehmen mit durchschnittlich fünf Bussen und fünf Beschäftigten.
Rund 1.020 UnternehmerInnen sind im Geschäftsfeld Bustouristik/Gelegenheitsverkehr tätig, rund 800 sind reine Reisebusunternehmen mit zusammen 4.000 Bussen und etwa 5.500 MitarbeiterInnen. Laut Spartenobmann Martin Horvath erzielt die Branche monatlich etwa 100 Millionen Euro Umsatz. Im Reiseverkehr werden jährlich über eine Million Gäste befördert.

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Erstellt am: 11. September 2020

Fotos: © VLK/A, Serra

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