Tunesien

1.300 km Strand, 3.000 Jahre Zivilisation, Nachhaltigkeit im Fokus

Print-Ausgabe 9. Februar 2018

Einst mit dem Image als Me-To-Destination behaftet, gewinnt Tunesien an Konturen – 2018 zeichnet sich ein Gästerekord ab, Österreich holt stark auf.

Sie ist da, die große Erholung Tunesiens als Tourismus-Destination: hochgerechnet dürfte 2017 mit rund 7,1 Millionen internationalen Ankünften und einem Plus von 24 Prozent erstmals wieder das Niveau von vor der Finanzkrise 2009 erreicht bzw. sogar leicht übertroffen worden sein. Auch Europa findet wieder Vertrauen, wofür der Zuwachs um 20 Prozent auf 1,7 Millionen Gäste ein starkes Indiz ist, getragen vor allem durch die einst dominierenden, klassischen Quellmärkte Frankreich und Deutschland.

Aus Österreich gab es ein noch viel stärkeres Plus von 65 Prozent, doch die daraus resultierenden 12.000 Gäste sind meilenweit vom Vorkrisen-Niveau entfernt: 2008 waren es knapp 73.000, gar nicht zu reden von den grandiosen Zeiten vor dem Millennium mit mehr als 100.000. Doch es geht auch hierzulande stark aufwärts, wie Amel Malouche Kallel, Marketing-Directrice im L’Office national du tourisme tunisien (ONTT), und Österreich-Direktor Nizar Slimane im Gespräch mit T.A.I. betonen.

Zuletzt wurde das Flugangebot aus Österreich für den Sommer 2018 deutlich ausgebaut. So plant TUI drei eigene Charter mit Tunis Air, zwei ab Wien (Monastir und Djerba) sowie einen im Dreieck von Graz und Linz nach Monastir. Die REWE Austria Touristik setzt auf Nouvelle Air und fliegt von Wien aus je einmal nach Enfidha (Flughafen zwischen Hammamet und Sousse) und Djerba. Ergänzt wird dies durch die drei wöchentlichen Linienflüge von Tunis Air zwischen Wien und Tunis.

Durch das vor kurzem fixierte Open-Sky Abkommen wird es weitere Impulse geben. Es gilt für Regionalflughäfen wie Djerba oder Enfidha. Amel Malouche: „Der grobe Prozess ist abgeschlossen und es wurde der Rahmen geschaffen. Jetzt folgt die Detailarbeit.“ Umgesetzt soll alles noch heuer werden: „Ab Mai wird feststehen, welche Airlines kommen werden.“

Auch auf der Hotelseite tut sich einiges. So eröffnete im Dezember das 5-Sterne Four Seasons Hotel Tunis seine Pforten, direkt am Strand von Gammarth mit 203 Zimmern. Es ist das erste Four Seasons in Tunesien. Ende Jänner/Anfang Februar folgte das 5-Sterne Laico (es ist das ehemalige Hotel Abou Nawas, 305 Zimmer). Im Sommer wird das Marriott Tunis mit 200 Zimmern in Betrieb gehen und das Hotel Dar Ismaïl Gammarth (früher Kahena, 200 Zimmer) soll nach umfangreichen Renovierungsarbeiten wieder öffnen.

Ausgebaut wird auch das Angebot an Festivals, von denen Tunesien mit einer breiten Vielfalt aufwarten kann. „Sie werden größer und internationaler“, sagt Amel Malouche. Dazu kommt eine Vielzahl an Sport-Aktivitäten, wobei sich Tunesien in den letzten Jahren einen Namen als Kite-Surfer-Paradies erworben hat: „Es herrschen bei uns optimale Bedingungen. Tunesien gilt als einer der Hot-Spots“, so Amel Malouche.

Wandertouren und Radverleih inklusive Mountainbike-Touren sind ebenfalls im Kommen. Amel Malouche: „Das Hinterland wird mehr und mehr erschlossen. Auch Ausflüge zu Bio-Bauernhöfen werden angeboten.“

Wie sieht es mit der Qualität aus? Diesbezüglich hat sich in Tunesien enorm viel getan. „Es gibt laufend Inspektionen in Hotels, wir haben die Standards verbessert“, betont Amel Malouche. Es wurden sogar einige Häuser geschlossen, die nicht entsprochen haben. Amel Malouche: „Im Rahmen des EU-‚Twinning-Projektes‘, an dem auch Österreich mitgewirkt hat, wurde unter anderem ein Qualitäts-Level erarbeitet, um ein Klassifizierungssystem zu erhalten.“

All diese Maßnahmen sollen dazu führen, dass der starke Aufwärtstrend des Vorjahres anhält, auch im Quellmarkt Österreich. ONTT Österreich-Direktor Nizar Slimane rechnet für heuer mit einem Anstieg auf 18.000 bis 20.000 Gäste, ein Wachstum zwischen 50 Prozent und zwei Dritteln. Wobei der Fokus nicht allein auf Steigerung der Besucherzahlen liegt: „Es geht uns darum, Tunesien als nachhaltige Destination für die Zukunft aufzubauen“, unterstreicht Amel Malouche, „wir sehen ein gutes Potential in jungen Gästen mit Double-Income.“

Bleibt als letzte Frage, worin sich Tunesien von anderen Destinationen Nordafrikas abhebt? Amel Malouche braucht darüber keine Sekunde nachdenken: „Die große Vielfalt! Wir sind ein kleines Land mit großer Diversifikation, mit 1.300 Kilometern Strand, mit einem Klima und einer Landschaft im Landesinneren wie die Schweiz, im Süden Oasen und Sahara, wir haben große kulturelle Werte, 3.000 Jahre Zivilisation und wir sind Kreuzungspunkt zwischen Ost-West und Nord-Süd – Tunis ist in der Berbersprache das Wort für Kreuzungspunkt.“

Doch damit ist Amel Malouche Kallel noch nicht am Ende: „Wir haben eine angeborene Gastfreundschaft. Jeder Europäer wird einen Tunesier finden, der seine Sprache spricht. Und wir sind die einzige Demokratie der Region.“ Ein schönes Schlusswort, das Tunesiens Erholung als Tourismus-Destination doppelt wertvoll erscheinen lässt. 

Das „Twinning Projekt“ in Stichworten

Die von der EU geförderten „Twinning Projekte“ sind Teil der „Europäischen Nachbarschaftspolitk (ENP). Ziel ist die Heranführung der lokalen Tourismuswirtschaft an die Erfordernisse des internationalen Wettbewerbs. Partner Österreichs im EU-Twinning-Projekt für Tunesien war Frankreich. Zu den Maßnahmen gehörten Anpassung der Gesetzgebung an internationale Standards, Verbesserungen der institutionellen Strukturen sowie Schulung der im Tourismus Beschäftigten. Das Programm wurde seitens der EU mit 1,4 Mio. Euro dotiert. Etwa 400.000 der gut zehn Millionen Tunesier finden Beschäftigung im Tourismus.

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Erstellt am: 09. Februar 2018

Amel Malouche Kallel (Marketing-Directrice im L’Office national du tourisme tunisien) & Österreich-Direktor Nizar Slimane

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