Zollfreie Gedanken

Vergangenheit mit Zukunft

In regelmäßigen Abständen wird darüber diskutiert, welche Aufgaben der Bundesrat eigentlich noch habe. Eine Möglichkeit darauf zu reagieren besteht darin, sich unentbehrlich zu machen. Beispielsweise durch das Aufgreifen wichtiger gesamtösterreichischer Probleme, um die sich auf politischer Ebene sonst niemand so richtig kümmert. So geschehen Anfang November, als Präsident Gottfried Kneifel zu einer Enquete über „Die Zukunft des baukulturellen Erbes“ einlud. Die Sache ist hochaktuell: Ein Gutteil unserer ausländischen Gäste wird von der Aussicht angelockt, neben der schönen Landschaft vor allem die Zeugen einer reichen kulturellen Vergangenheit besichtigen zu können. Wozu noch kommt, dass es eine Fülle schöner Landschaften auf der ganzen Welt gibt, während die baulichen Denkmäler vergangener Jahrhunderte die Einzigartigkeit einer Region unterstreichen.

Entgegen den in Hochglanzbroschüren gerne gezeigten Bildern ist freilich der Umgang mit unserer architektonischen Erbschaft bei weitem nicht so brillant, wie es einem Tourismusland zustehen sollte. Das Bundesdenkmalamt sitzt auf 38.000 geschützten Objekten, für deren Erhaltung lächerlich geringe Mittel zur Verfügung stehen. Darüber hinaus gibt es noch viel mehr Erhaltenswertes, wo aber mangels ausreichender Schutzmechanismen statt der Restauratoren nur mehr Abbruchunternehmen am Werk sind.

Der Ruf nach öffentlichen Mitteln für die Erhaltung und Pflege dessen, was das Land unverwechselbar macht, ist daher legitim, derzeit aber wenig Erfolg versprechend. Also fällt der Blick auf die privaten Eigner. Sie werden allerdings durch den alleinigen Appell an ihre kulturelle Verantwortung nicht zu motivieren sein, sanierungsbedürftige Gemäuer von historischem Wert auf eigene Kosten in Stand zu setzen. Eher schon durch steuerliche Vorteile und den Abbau bürokratischer Hürden, die jede bauliche Veränderung zu einer Irrfahrt durch einen Dschungel an – gelegentlich sogar widersprüchlichen – Vorschriften machen. Burghauptmann Mag. Reinhold Sahl sprach bei der Enquete von 20 % Planungskosten bei jedem seiner Vorhaben. Weiters von einer personell gut dotierten Abteilung, die sich unter vielem anderen mit den 500 Bestimmungen nur zum Brandschutz beschäftige. Kein Wunder, dass Private, die sich einen solchen Aufwand nicht leisten können oder wollen, bereitliegende Fördergelder gar nicht mehr abholen und geduldig auf den endgültigen Zerfall ihrer Immobilie warten.

Als wichtigste Forderung seitens der Teilnehmer an der Veranstaltung wurde die nach politischem Rückhalt für die Anliegen des Denkmalschutzes vorgebracht. Falls der Bundesrat die Umsetzung dieses Wunsches nachdrücklich weiter betreibt, kann er sicherlich auf den Tourismus Österreichs als neuen Freund im Kampf um Bedeutung zählen.

Helmut Zolles
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Erstellt am: 20. November 2015

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