Zollfreie Gedanken

Tourismus 5.0

Print-Ausgabe 24. März 2017

Industrie 4.0 ist längst keine Zukunftsvision mehr. Menschenleere Fabrikhallen mit digital gesteuerten- oder besser noch: sich selbst steuernden- Robotern gibt es schon und es wird sie bald in weitaus größerer Zahl geben. Die Frage, wer dann die dort erzeugten Produkte kaufen soll, hat sich seinerzeit schon der Automobilkönig Henry Ford gestellt; heute ist sie drängender denn je. Der Wiener Sozialforscher Peter Zellmann vertritt dazu in seinem jüngsten Buch “Die Zukunft, die wir wollen. Was den Menschen wirklich wichtig ist“ die Ansicht, große Teile der Bevölkerung würden künftig im Bereich der persönlichen Dienstleistung Arbeit finden. Demnach auch im Tourismus, wo allerdings im Moment gerade das Roboterzeitalter angebrochen zu sein scheint. Sei es an den Rezeptionen trendiger Hotels in Japan oder auch im Reisebüro. Wie in der vorigen Ausgabe der TAI zu lesen stand, war der Reisebüro-Roboter “Pepper“ absoluter Star auf der ITB. Er versteht nicht nur Eingaben und Sprache, sondern kann sogar Gesichtsausdrücke lesen. Wahrscheinlich hört er sich auch geduldig jede Lebensgeschichte an.   

Ist die Reisebranche also auf dem besten Weg zum Tourismus der Version 4.0? Möglicherweise, doch wird sie augenscheinlich schon bald von der nächsten Version eingeholt werden, die Touristikern sehr bekannt vorkommen dürfte. Zellmann spricht in einem Interview vom Mehrwert, den Menschen gegenüber Maschinen bieten können. Durch persönliche Ansprache, zuhören können und Empathie. Und Dieter Müller, Gründer der in ungebrochener Expansion befindlichen Low-Budget-Hotelkette Motel One setzt ab sofort, wie er der Presse in einem Interview verrät, auf Emotionalisierung seiner Marke. Lebensgefühl soll jetzt zum günstigen Preis dazu kommen.

Für das alles wird es in Zukunft gut ausgebildete und nunmehr zusätzlich auf persönliche Zuwendung trainierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen. Um sie dann auch ordentlich bezahlen zu können, wird es wohl notwendig sein, entsprechende Preise zu verlangen und durchzusetzen. Die deutsche Gewerkschaft Verdi hat es anlässlich des gerade in der ITB-Zeit organisierten Streiks des Bodenpersonals auf den Flughäfen Berlins auf einem ihrer Transparente kurz und prägnant zum Ausdruck gebracht: Qualität, Pünktlichkeit, Sicherheit- das geht nicht für einen Ticketpreis von 19,95€! Derzeit offenbar schon, fraglich ist nur, ob es auch weiterhin so bleibt. Oder anders gesagt: Wird der Tourismus 5.0 bei Nutzung aller Errungenschaften der modernen Informations-Technologie die Kurve zu einem sowohl sozial als auch wirtschaftlich (und selbstverständlich auch ökologisch) ausbalancierten Preis-Leistungsverhältnis hinbekommen? Die bisherige Entwicklung der Branche gibt Anlass zum Optimismus. Bis jetzt hat sie noch jede Herausforderung glänzend bewältigt.

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Erstellt am: 24. März 2017

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