Zollfreie Gedanken

Etwas ganz Besonderes

Print-Ausgabe 17. November 2017

Es ist zur Gewohnheit geworden und wird daher auch gar nicht mehr so richtig wahrgenommen. Sollte es aber. Denn wieder einmal können wir lesen, wie in den angelaufenen Koalitionsgesprächen zwischen Türkis und Blau im Themencluster „Standort“ die Bereiche Finanz/Steuern, Tourismus, Wirtschaft und Entbürokratisierung sowie auch noch Verkehr/Infrastruktur und Energie verhandelt werden. Woraus die gespannt auf das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen wartenden Beobachter zweierlei schließen dürfen: Erstens hat der Tourismus scheinbar keinen Bedarf an Entbürokratisierung, was angesichts der täglich erlebten Realität unserer Hoteliers, Gastronomen und Reisebüros sowie ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur als blanker Hohn bezeichnet werden kann. So wie es aussieht, gehört der Tourismus außerdem so gar nicht richtig zur Wirtschaft. Wie etwa die Industrie, der Bergbau, der Handel oder das Gewerbe. Aber wo ist er dann angesiedelt? Nahe der Landwirtschaft, mit der er tatsächlich viele Bezugspunkte, gemeinsame Interessen wie die Pflege der Naturlandschaft und der Lebensgrundlagen unseres Landes und noch viele gar nicht beackerte Felder einer ganz engen Zusammenarbeit hat? Auf der anderen Seite verbraucht die Gästebranche doch einiges von dieser Naturlandschaft für ihre Resorts, Wellnesszentren, Liftanlagen und Speicherseen. Ihr IT-Anteil ist außerdem hochentwickelt, wenn wir an Gästeinformation, Buchung und Abwicklung von Reiseströmen denken. Damit ist der Tourismus überaus stark im High-Tech Bereich zu Hause. Doch darüber hinaus ist  menschliche Zuwendung seine elementare Geschäftsgrundlage, zum Sozialbereich gehört er trotzdem mit Sicherheit nicht. Denn ein Geschäft soll er ja allemal sein.

Also handelt es sich doch um einen völlig normalen, wenngleich nicht voll anerkannten Teil der Wirtschaft? Als Dienstleistungsbranche mit eigenen speziellen Eigenschaften, die aber beispielsweise Handel und Verkehr, die Steuerberater und Werbeagenturen genauso betreffen. Auch der so gern gebrauchte Begriff der Querschnittsmaterie hilft da nicht weiter, denn in einer arbeitsteiligen Wirtschaft gilt er für so gut wie jede Branche. Schließlich verfügt der Sektor der Tourismus- und Freizeitwirtschaft in den Interessensvertretungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zwar über eine eigene selbstbewusste Vertretung, ist aber natürlich Teil eines Ganzen.

Doch egal, ob als etwas ganz Besonderes oder hoffentlich doch starker Teil der Wirtschaft anerkannt: Die Branche kann sich schon einmal darüber freuen, dass mit der Sacher-Chefin Elisabeth Gürtler eine sachkundige und in all ihren Tätigkeiten höchst erfolgreiche Expertin im Verhandlungsteam mit dabei ist. Das lässt auf einige erfreuliche Abschnitte im endgültig ausgehandelten Regierungsprogramm hoffen.

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Erstellt am: 17. November 2017

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