Zollfreie Gedanken

Davonwandern

Print-Ausgabe 29. Juli 2016

Das waren noch unbeschwerte Zeiten, als der amerikanische Humorist Art Buchwald sein Touristengebet veröffentlichte. Die darin vorkommenden Fürbitten muten heute, mehrere Jahrzehnte später, geradezu idyllisch an. Auch wenn sie vom Reisepublizisten Alexander Kriegelstein der modernen Zeit angepasst wurden. Da heißt es dann: Gib uns heute göttliche Führung in der Suche nach unseren Hotels, auf dass unsere vorbestellten Zimmer frei und sauber sind und wenn irgendwie möglich, dass es heißes Wasser gibt. Oder: Gib uns die Weisheit, korrekte Trinkgelder zu geben in Währungen, die wir nicht verstehen. Verzeih uns, wenn wir aus Unwissenheit zu wenig geben oder zu viel aus Furcht. Lass die Eingeborenen uns lieben für das was wir sind, und nicht das, was wir ihren weltlichen Gütern hinzufügen können.

Gerade der letzte Satz scheint aus einer fernen Zeit zu stammen, als es, um an die Bevölkerung des Gastlandes heranzukommen, noch nicht notwendig gewesen ist, endlose Sicherheits-Checks auf Flughäfen zu überwinden und eine totale Kontrolle über sich ergehen zu lassen, um an einem Freiluftspektakel teilzunehmen. Und wenn jemand eine Tasche vor einem Café stehen ließ, führte das nicht zur sofortigen Evakuierung des ganzen Straßenzuges, sondern ein freundlicher Passant trug dem offensichtlich vergesslichen Inhaber die Tasche nach. Tempi passati, die so schnell nicht wiederkommen werden. Aber die Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts gewöhnen sich rasch an neue Verhältnisse, stellen ihre Gewohnheiten um und wechseln auch einmal ihr Reiseziel, wenn es am ursprünglich geplanten wieder einmal rund geht. Vom Reisen selbst lassen sie sich aber nicht im Mindesten abbringen, gehört es doch zu den ganz oben auf der Liste stehenden Freizeitvergnügungen, auf die niemand verzichten möchte. Weil Neugierde und der Wunsch, den immer komplizierter werdenden Alltag zumindest eine Zeit lang hinter sich zu lassen, geradezu unwiderstehliche Triebkräfte zu sein scheinen.

Wer für dieses Davonlaufen auf Zeit die anziehendsten Landschaften bieten kann, gehört auf Dauer zu den Gewinnern des modernen Tourismus. Österreich hat dabei beste Chancen. Besonders mit der ganz speziellen Variante des Davonwanderns. Das kann in unseren Naturparken stattfinden oder auf den unzähligen gepflegten Wanderwegen des ganzen Landes und natürlich besonders gut auf Weitwanderwegen. Das Reisemagazin National Geographic Traveler hat gerade die sieben schönsten unter ihnen gekürt, der Alpe-Adria-Trail ist einer davon. 2013 eröffnet verbindet er auf 750 Kilometern Österreich, Slowenien und Friaul-Julisch Venezien. Das grenzüberschreitende Wanderabenteuer ist bestens organisiert, die Nächtigungen an den 43 Etappen können zentral gebucht werden. Wie die steigende Beliebtheit des Trails zeigt liegt er im Trend. Kein Wunder in Zeiten wie diesen, die zum Davon-Laufen, -Gehen oder -Wandern geradezu einladen.

Artikel teilen per Mail verschicken ausdrucken

Erstellt am: 29. Juli 2016

Kommentar schreiben

Bitte die Netiquette einhalten. * Pflichtfelder

Nach oben