Zollfreie Gedanken

Das bewegliche Festival

Print-Ausgabe 6. Oktober 2017

Wie geht Innovation im Tourismus? Eine Frage, die Manager, Forscher und Wirtschaftspolitiker beschäftigt, hängt doch die Zukunft jeder Branche entscheidend davon ab, selbst Trends zu setzen und nicht anderswo erfundenen nachzuhecheln. Die Antworten auf diese Fragen sind mannigfach, sie reichen vom Einsatz ausgeklügelter Kreativtechniken bis zur großflächigen Befragung bestehender und vielversprechender neuer Kundengruppen.

Noch wenig untersucht ist ein starkes Motiv für Neuerung: die aktiv aufgenommene Existenzbedrohung. Dazu hätte Walter Reicher, Intendant der Haydn Festspiele, einiges zu sagen. Die international bekannte und höchst erfolgreiche Veranstaltung wurde nämlich im achtundzwanzigsten Jahr ihres Bestehens vom bisherigen Quartiergeber ohne Angabe von Gründen aus ihrer Spielstätte vertrieben. Statt nun dem schönen Schloss in Eisenstadt, Ort zahlloser künstlerischer Triumphe der Vergangenheit, nachzutrauern, entstand aus schierem Überlebenswillen nach einer zwangsläufig kurzen aber intensiven Nachdenkphase die Idee für das Fortbestehen im neunundzwanzigsten Jahr: Das bewegliche Festival unter dem Namen HaydnLandTage. An neun Standorten, sechs im Burgenland und je einem in Wien, Niederösterreich und im benachbarten Ungarn wurde abwechselnd zwischen Ende August und Anfang September dem Genie Haydns gehuldigt. Nicht nur mit den üblichen Konzerten und Oratorien, sondern auch mit so ungewöhnlichen Aktionen wie einer Orgelwanderung zwischen drei Kirchen in Eisenstadt, einer Swing- und Gypsy Jazz-Session am Ufer des Neusiedlersees und einem Magical Haydn Train, der zwischen Neusiedl und dem ungarischen Fertöd die Wegstrecke und gleichzeitig die musikalische Distanz zwischen klassischem Streichquartett und Volksmusik überbrückte.

Die HaydnLandTage haben bereits im ersten Jahr ihres Bestehens voll eingeschlagen. Veranstalter und Sponsoren können sich über eine Auslastung von 96 Prozent freuen, Publikum und Medien waren von der Idee und dem Gebotenen ganz augenscheinlich begeistert. Der Zug war dreifach überbucht und auch sonst dürfte alles auf eine erfolgreiche nächstjährige Fortsetzung hinweisen. Hocherfreut können auch die Touristiker sein. Die Haydn Festspiele in ihrer neuen, aus der Not geborenen Form, haben eine in Österreich bisher unbekannte Art eines sommerlichen Musik-Events geschaffen und damit so ganz nebenbei den Tourismus einer ganzen Region kräftig belebt. So wirkt eben fein ausgedachte und mit viel Engagement umgesetzte Innovation für den Tourismus. Dann, wenn sie wie hier aus der Symbiose von Weltkultur und gelebter Regionalität entsteht. Und bis zum nächsten Jahr wird sich das sicher auch bis zu jener Café-Konditorei durchgesprochen haben, die am Tag einer Aufführung direkt vor ihrer Tür just einen Ruhetag einlegte.

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Erstellt am: 06. Oktober 2017

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