Zollfreie Gedanken

Bitte eine Vorschrift

Print-Ausgabe 29. Jänner 2016

Egal bei welchem Vortrag zur aktuellen wirtschaftlichen Lage, sie macht sich immer gut – die Klage über die überbordende Bürokratie, die mit dem täglich wachsenden Wust an Vorschriften jegliche Initiative im Keim ersticke. Wenn es allerdings um die Verteidigung eigener Pfründen geht, erlahmt jeder Anflug von Kritik an den herrschenden Zuständen ganz schnell wieder. Statt des sowieso verdächtig neoliberal klingenden Rufes nach Selbstbestimmung ist dann wieder die Rückkehr zum Vater Staat angesagt, der für alles und jeden sorgt. Diese umfassende Fürsorge hat der Gastronomie beispielsweise eine Allergie- Auszeichnungs-Verordnung beschert, die oft in Form kleiner, liebevoll bebilderter Lexika die Speisekarten verziert hat, aber selbst dann von garantiert noch niemandem auch nur eines Blickes gewürdigt  wurde.

Nunmehr aber droht eine neuerliche, gesetzlich vorgegebene Ausweitung simpler Bezeichnungen auf den Speisekarten, womit diese endgültig ins Unleserliche zu kippen drohen: die Landwirtschaft arbeitet bei vollem Einsatz ihrer beachtlichen Lobby-Kapazitäten daran, dass die einzelnen Gerichte einer Karte verpflichtend mit der Herkunftsbezeichnung der jeweiligen Zutaten ergänzt werden. Aus der durchaus verständlichen Angst heraus, in den Küchen des Landes gegenüber Billigimporten ins Hintertreffen zu geraten. Soweit, so verständlich. Weniger verständlich ist es dann schon, wenn dabei wieder einmal laut nach einer neuen Vorschrift gerufen wird. Insofern nicht verwunderlich, als es sich die Landwirtschaft ganz Europas bis jetzt in einer von Reglementierungen und Preisstützungen gut gepolsterten Kuschelecke behaglich eingerichtet hat, wo das Wort „Markt“ höchstens in schaurigen Gutenachtgeschichten vorkommt. Trotzdem wären die zuständigen Gesetzgeber gut beraten, statt die ohnehin schon schwer frustrierte Gästebranche mit neuen Auflagen zu quälen, ausnahmsweise einmal auf das Wirken ebendieses Marktes zu vertrauen. Die Konsumenten sind nämlich bei Weitem nicht so blöd, für wie sie eine sich allgütig wähnende Staatsverwaltung zu halten beliebt. Sie werden, wie viele gute Beispiele schon jetzt zeigen, dort gerne ihren Euro für Speis und Trank ausgeben, wo die Wirte glaubwürdig und voll Stolz über ihre Lieferanten und deren Produkte erzählen können. Genau diesen Weg geht ja auch die Agrarmarkt Austria mit ihrem Gütersiegel und den Genussregionen, wo sie auf das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage zum Wohl von Kunden und Erzeugern setzt.   

Es ist schon richtig: Ein schrankenloser Markt kann schwere Verwerfungen bringen – Stichwort Finanzkrise. Aber im überschaubaren Bereich erweist er sich jederzeit allen noch so ausgeklügelten Vorschriften haushoch überlegen. Was der Tourismus im Übrigen tagtäglich beweist. Trotz überbordender Bürokratie, siehe oben.

Helmut Zolles
Artikel teilen per Mail verschicken ausdrucken

Erstellt am: 29. Jänner 2016

Kommentar schreiben

Bitte die Netiquette einhalten. * Pflichtfelder

Nach oben