Zollfreie Gedanken

Alpenverein online

Print-Ausgabe 9. September 2016

Jetzt ist sie endgültig in der Bergwelt der Alpen angekommen- die digitalisierte, globalisierte neue Welt: Beim Österreichischen Alpenverein können Hüttenschlafplätze künftig online reserviert werden. Das Reservierungssystem ist grenzüberschreitend angelegt, auch in Deutschland und Südtirol kann so wie derzeit schon in der Schweiz der Alpinist demnächst per Handy seine Liegestatt am Ende der Tagesetappe bestellen. Schon seltsam: Hoch droben setzt die kundenfreundliche Technik zum Höhenflug an, während einige hundert Meter darunter die bei den Gästen so beliebten Almen gerade bürokratisch niederadministriert werden und daher müden Wanderern außer einer Sitzbank vor dem Haus keine weitere Labung mehr anbieten wollen.

Österreich ist eben ein besonderes Land, wo einerseits – so ein früherer Bundeskanzler –alles sehr kompliziert ist, andererseits bei vielen für das Land zukünftig wichtigen Themen die simpelste Schwarz- Weiß-Malerei betrieben wird. Beste Beispiele dafür sind die gerade zu Grabe getragenen Freihandelsabkommen mit den USA und, wie es aussieht, auch Kanada. Allen, die jetzt laut über den großartigen Sieg jubeln, hat sich offenbar noch nie jemand Kompetenter zu sagen getraut, dass freier Handel zwischen gleich entwickelten Partnern letztlich immer zur Wohlstandsmehrung für beide Seiten führt. Es ist dazu auch nichts von Seiten des Tourismus gekommen, der ähnlich wie der Warenverkehr unter Hemmnissen, hier Reisebeschränkungen, Flughafengebühren usw., zu leiden hat. Es wäre auch durchaus möglich gewesen, auf alle sicherlich begründbaren Einwände wie undurchsichtige Schiedsgerichtregelungen oder Gefährdung der vergleichsweise hohen Standards bei Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion, beides für das Tourismusland Österreich ganz besonders heikel, einzugehen. Verbunden mit dem Versprechen, sich dafür einzusetzen, entsprechende Vorkehrungen in den Handelsabkommen schlussendlich unterzubringen. Das lässt sich nicht in nationalen Alleingängen bewerkstelligen, aber das Schmieden von Allianzen gleichgesinnter Partner müsste doch in einem Land, das auf eine glanzvolle diplomatische Tradition seit den Zeiten Metternichs zurückblickt, möglich sein. Eine großartige Aufgabe für seinen heutigen Amtsnachfolger im Außenamt, dem es sowieso an Selbstbewusstsein nicht gerade gebricht: Zusammen mit anderen Ländern die EU auf eine Linie zu bringen, welche die unzweifelhaften Vorteile des freien Handels fair auf alle Bevölkerungsschichten verteilt und gleichzeitig die europäischen Interessen optimal wahrt. Durchsetzen kann dieses Paket dann nur die EU als Ganzes. Oder glaubt jemand ernsthaft, ein Multi wie Apple würde vor irgendeinem weltpolitischen Kleinstlebewesen in die Knie gehen und 13 Milliarden Steuernachzahlung auf den Tisch des Hauses legen?

Helmut Zolles
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Erstellt am: 09. September 2016

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