Standpunkt

„Worst Case“ Ferien

Print-Ausgabe 14. Juli 2017

Reisen gilt als schönste Zeit des Jahres. So lautet zumindest das Versprechen in der Werbung. Die Realität sieht ein wenig anders aus. Jede dritte Scheidung wird nach dem gemeinsamen Urlaub eingereicht. Schlechtwetter kann einem die Stimmung ebenso trüben, wie Verspätungen oder sich schleppende Massenabfertigung an überfüllten Flughäfen. Doch hier geht’s nicht um derartige Ärgernisse, sondern um substanziell mehr: um Terrorattacken auf touristische Einrichtungen.

Sorry, aber so unerfreulich dieses Thema ist und so gerne wir es aus unseren Gedanken verdrängen, in den zurückliegenden Jahren hat es leider an Relevanz gewonnen. So sehr, dass sich das britische Außenministerium und der britische Reiseverband abta (Association of British Travel Agents) veranlasst sahen, in Abstimmung mit der Anti-Terror-Polizei ein Vier-Minuten-Video zu produzieren, das Urlaubern anhand eines nachgestellten Terrorangriffs auf ein Hotel zeigt, wie sie sich im Fall des Falles verhalten sollen. „Run, hide, tell“ lautet die Kernbotschaft.

Unpassend? Nein, argumentieren die Briten. Dem Video kommt laut Aussagen des Polizeichefs dieselbe Funktion zu, wie den Sicherheitsinstruktionen an Bord eines Flugzeuges vor dem Start. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das Flugzeug abstürzen wird, aber es ist extrem wichtig, dass jeder Passagier weiß, was er im Notfall tun sollte und was nicht.“ Noch ein Aspekt spielt mit hinein: das Unerwartete. Viele Überlebende bei dem Bataclan-Terroranschlag in Paris hielten die ersten Schüsse angesichts der Partystimmung für ein Feuerwerk. Wer hingegen Worst-Case-Szenarien im Hinterkopf abrufbereit hält, reagiert erheblich schneller auf die Gefahr.

Vorerst trauen sich nur die Briten über dieses Thema. Sie haben parallel dazu auch 23.000 MitarbeiterInnen in von Briten gerne frequentierten Ferienresorts rund um den Globus gezielt dahingehend geschult, wie sie sich im Ernstfall verhalten müssen und worauf sie achten sollten, um Anschläge bereits in ihrem Ansatz zu erkennen.

Auch wenn wir’s gerne verdrängen: die schönste Zeit des Jahres kann in ihr komplettes Gegenteil ausarten und damit sind nicht Partner-Krisen, Schlechtwetter und Flughafen-Ärgernisse gemeint. Das Video „Run, hide, tell“ – abrufbar unter bbc.com/news/uk-40553565 – ist ein ebenso mutiger wie beispielgebender Ansatz, um sich dessen bewusst zu werden. Es wäre kein Nachteil, ähnliches auch für den deutschsprachigen Markt zu produzieren, erlaubt sich anzuregen der

Lupo

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Erstellt am: 14. Juli 2017

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