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Analog ist das neue Bio

Print-Ausgabe 21. April 2017

Am Empfang ihres Hotels steht kein humanoider Roboter namens Pepper? Ihre Gäste können mit ihrem Smartphone weder die Zimmertüre öffnen, noch das Licht einschalten, die Klimatisierung oder die Jalousien steuern? Mit Management Dashbords, Chat Bots und Bluetooth Beacons können Sie wenig anfangen? Dann haben Sie gute Chancen, in die analoge Welt hoffnungsloser Retros eingereiht zu werden: Digitalisierung ist die alternativlose Zukunft und wer sich nicht zeitgerecht darauf ein- und umstellt, verliert spätestens morgen seinen Job und übermorgen seine Existenzberechtigung.

Am Steuer sitzt immer der Mensch

Für Leute, die dieses gehypte Szenario als Bedrohung empfinden, bot das traditionelle „Trendforum“ des Manstein Verlages eine kleine Entlastung: Beim Thema „Die neue Gastlichkeit“ stand – was sonst – die Digitalisierung im Zentrum von Vorträgen und Diskussionen, in denen Auskenner in diesem Bereich zu einem beruhigenden Ergebnis kamen: Auch wenn die „künstliche Intelligenz“ weiter fortschreitet, dass Roboter den Menschen überflüssig machen, ist nicht zu befürchten. Universitätsprofessor Werner Leodolter, IT-Experte und Spezialist für Informationsmanagement, verglich die „Disruption“ (Zerstörung), die die Digitalisierung auslösen kann, mit Skifahren im Neuschnee: Der Berg ist immer der Gleiche, aber der Neuschnee bringt immer neue Möglichkeiten und Gefahren, die man erst durchschauen muss. Die Digitalisierung ist der Neuschnee und bringt im Wesentlichen neue Werkzeuge, die wir formen können, die in Wechselwirkung aber auch uns formen. Es geht vor allem darum, auch in der Dienstleistung Abläufe zu automatisieren. Aber auch ein ausgeklügelter Algorithmus kommt zum Punkt, an dem Entscheidungen fällig sind, die ihn überfordern: Am Steuer sitzt immer der Mensch und ist dafür verantwortlich, dass die aus der Kombination von Mensch und Maschine entwickelte hybride Intelligenz nicht als Wildwuchs, sondern kontrolliert entsteht.

Die gesellschaftliche Entwicklung lässt eine massive Zunahme des Bedarfes an Betreuungsleistungen erwarten. Dass diese nicht von einem Roboter, sondern von Menschen erbracht werden, wird zum Privileg. Mit der Digitalisierung wächst der Bedarf an „analogen Erlebnissen“, die man sich aber auch leisten können muss. Fazit: Digitalisierung ist auch ein Effizienz- bzw. Sparprogramm, wer Spitzenqualität im Hotel anbieten will, braucht den Menschen. Prof. Leodolter hat dafür ein schönes Vergleichsbild: „Analog ist das neue Bio“.

Als eines der vielen Beispiele, wo die neuen digitalen Möglichkeiten zu Wildwuchs führten, wurde der Bereich der „Blogger“ diskutiert. Ursprünglich waren das Leute, die auf einer eigenen Website Themen behandeln, die ihnen besonders am Herzen liegen. Sie fanden Leser („Follower“), weil diese meinten, zu diesem Thema die authentische Meinung von Mitmenschen zu erfahren, die nicht von kommerziellen Interessen getrieben sind. Genau das ist aber schnell passiert: So wie alle „sozialen Medien“ wurde auch der Bloggersektor von der Wirtschaft unterwandert, die in den oft großen Reichweiten eine für die Ansprache neuer (junger) Zielgruppen kostengünstige Werbemöglichkeit erkannte.

Das Web lügt nicht immer

Unter dem bezeichnenden Titel „Das Web lügt nie“ diskutierte eine Expertenrunde mit dem Kommunikationsexperten Prof. Hausjell als Moderator die Frage, wie man sich im wuchernden Angebot von Profis, enthusiastischen Hobby-Bloggern und Schmarotzern („Ich habe 400 Follower – Sie könnten mich auf ein Wellness-Wochenende einladen“) zurechtfindet. Auch zwei anerkannte Bloggerinnen – „Food“ und „Reisen“ – waren dabei, von denen eine auch eine Agentur für „Blogger Relations“ betreibt – sie berät Unternehmen dabei, die für ihre Anliegen geeigneten Blogger zu finden. Reiseveranstalter wie TUI betreiben bereits ihre eigenen Blog-Websites. Man war sich einig: Um Spreu von Weizen auseinander halten zu können, sollten Blogger „zertifiziert“ und bezahlte Beiträge gekennzeichnet werden – die gleichen Probleme, die auch der PR-Sektor noch immer nicht wirklich bewältigt hat. Einig war man sich auch darin, dass Glaubwürdigkeit die Existenzgrundlage der Blogger ist, wer sich beim Lügen erwischen lässt, ist schnell weg vom Fenster. „In der Tourismusbranche lügt das Web erfreulich wenig“, meinte Hausjell. „Aber man sollte immer auf der Hut sein“. Eine Empfehlung, die immer angebracht ist, wenn Neuschnee den Berg verdeckt.

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Erstellt am: 21. April 2017

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