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Alles Bio – oder was?

Print-Ausgabe 1. Juni 2018

Obwohl die biologische Landwirtschaft nach internationalen Erfahrungen zwischen acht und 25 Prozent geringere Erträge bringt, als die konventionelle, könnten die österreichischen Bauern das Land auch bei flächendeckender biologischer Bewirtschaftung ernähren. Dieses Ergebnis brachte eine Studie von Wissenschaftlern der Wiener Universität für Bodenkultur zum Thema „100 Prozent Biolandbau in Österreich“. Und woher wissen die das? Ganz einfach: Die von der konventionellen Landwirtschaft produzierte gesamte Energiemenge für die Nahrungsmittelversorgung beträgt 10.827 Mrd. kcal (= Kilokalorien) pro Jahr. Der gegenwärtige Kalorienbedarf der 8,77 Mio. Einwohner ergibt beim aktuellen Ernährungsstil 6.816 Milliarden kcal, kann also locker gedeckt werden. Bei den geringeren Erträgen der biologischen Landwirtschaft würde nur eine Energiemenge von 6.599 kcal produziert. Das würde knapp nicht reichen, um den Bedarf zu decken. Nur mit einer Änderung des Lebensstils könnte sogar ein Überschuss erreicht werden: Bei einer „gesunden Ernährung“ nach den Empfehlungen der Gesellschaft für Ernährung (ca 2.000 kcal pro Tag) könnte sogar das für 2080 vorausgesagte Bevölkerungswachstum auf zehn Mio. Einwohner abgedeckt werden. Dafür müsste allerdings der Fleischkonsum um zwei Drittel bzw. die Lebensmittelabfälle um 50 Prozent reduziert werden. Wer es genauer wissen möchte, muss sich durch die 80 Seiten der Studie durchquälen und wird unter dem Eindruck unzähliger Annahmen und Ausschlüsse möglicherweise bei der Frage landen, ob das alles nicht der Kategorie wissenschaftlicher Woodoo zuzuordnen ist.

Angenommen, die Berechnungen stimmen: Was dann? Die Realisierbarkeit scheitert schon an den Vorgaben. In einer Gesellschaft, der man Frische als Qualitätskriterium einredet, ist die Ermahnung, nicht jedes Ablaufdatum ernst zu nehmen, wenig wirksam. Und der Fleischkonsum hat sich in den vergangenen 50 Jahren weltweit kontinuierlich auf 300 Mio. Tonnen vervierfacht, die FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO) sorgt sich um die Ernährungssicherheit, wenn in den Schwellen- und Entwicklungsländern der Fleischkonsum weiter im bisherigen Ausmaß steigt. Mit steigendem Wohlstand wächst der Hunger. Unter diesen Voraussetzungen daran zu glauben, dass der Fleischkonsum um bis zu 75 Prozent zurückgeschraubt werden kann, ist Realitätsverweigerung.

Auch die Studienautoren bestreiten nicht, dass die Bio-Produktion die Lebensmittel verteuert. Beim Fleisch sehen sie das positiv – damit würde weniger konsumiert. Mit der Kostenfrage sind wir bei der Realität: Das unbändige Verlangen der Konsumenten nach Bio ist ein Umfragephänomen, nur ein Bruchteil jener, die sich dafür begeistern, sind auch bereit, den höheren Preis zu bezahlen. Im Lebensmitteleinzelhandel, über den drei Viertel aller Bioprodukte verkauft werden, liegt der Umsatzanteil bei acht Prozent – beachtlich, aber nicht überwältigend. Die Landwirtschaft sieht sich als Bio-Europameister, weil sie mit 22 Prozent den höchsten Anteil an Anbaufläche ausweisen kann. Seit 2007 hat sie, ebenso wie die Zahl der Bio-Betriebe, um 11 Prozent zugenommen – kein berauschendes Wachstum. Eine aktuelle Untersuchung der AMA über die Kaufmotive bei Bioprodukten ergab die “Regionale Herkunft – aus der Gegend“ mit 63 Prozent, gefolgt von „gesund“ und „schmeckt besser“. Das zeigt, dass die Bio-Werbung zu einem falschen Bild in der Öffentlichkeit geführt hat: Bio und Regionalität haben nichts miteinander zu tun und nicht einmal die Autoren der Studie konnten sich dazu durchringen, die gesundheitlichen Vorzüge der Bio-Produkte eindeutig zu deklarieren: Von den Studien kämen „einige“ zum Schluss, dass Bioprodukte „ähnlich viel“ an Nährstoffen und Vitaminen beinhalten wie konventionelle Erzeugnisse, während „andere“ davon ausgehen, dass sie ein „Mehr“ an gesundheitsfördernden Wirkstoffen enthalten.

Bitte kein Missverständnis: Weder Bio noch Regionalität sollen schlecht gemacht werden, es soll nur gezeigt werden, dass man die Dinge auch anders sehen kann. Beides wird weder die Welt, noch die Volksgesundheit retten, es geht nur ums Geld. Dass die Bauern mehr verdienen wollen, ist legitim, auch für den Handel und das Gastgewerbe, das derzeit nur sechs Prozent der Bioprodukte abnimmt. Aber bitte freiwillig: Dass die Landwirtschaft mit fadenscheinigen Argumenten der Lebensmittelsicherheit, Gesundheit und Konsumentenansprüchen eine zwangsweise Herkunftsdeklaration für Fleisch, Eier und Milchprodukte auf der Speisekarte fordert und damit ihr Marketing anderen aufzwingt, ist nicht akzeptabel. Das hat die sonst eher unnötige Studie immerhin bestätigt.

von Günther Greul

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Erstellt am: 01. Juni 2018

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