Super-GAU eines unwissenden Kreuzfahrtneulings
3.800 Passagiere – die müssen alle erst einmal an Bord gebracht werden. Ein Kreuzfahrt-Neuling stellt sich darunter nicht viel vor. Wie soll er auch, war doch das bisher größte Verkehrsmittel, das er je bestiegen hat (abgesehen von ÖBB-Zügen), der Lufthansa Airbus A380-800 mit seinen 526 Sitzplätzen Richtung New York. Dass gleich nach dem Boarden der funkelnagelneuen Costa Favolosa eine Emergency-Übung auf dem Programm steht und aus allen (wirklich allen!) Lautsprechern des Schiffes in fünf verschiedenen Sprachen die Passagiere wieder und wieder ohrenbetäubend aufgefordert werden, sich umgehend im zugewiesenen Bereich auf Deck 4 (von 12) einzufinden, mit unbequemer Rettungsweste um den Hals und bei außer Funktion gestellten Aufzügen – so etwas erfährt
man im Zuge der vielen schönen Präsentationen und Fachgespräche nicht. Die Premieren-Kreuzfahrt des Schreibers dieser Zeilen begann also als Super-GAU.
Dabei hatte sich alles so traumhaft angelassen. Mit dem Wassertaxi zum Kreuzfahrt-Terminal von Venedig, dort wurden die Koffer gleich von einer kompetenten Crew übernommen, das stolze, zwei Tage zuvor in Triest getaufte Schiff majestätisch vor Anker liegend. Auch das Betreten des Terminals ließ noch nicht ahnen, was danach auf uns zu kam: eine riesige Halle, mit tausenden Passagieren, die alle – versehen mit zeitlich abgestimmten Boarding-Karten – durch die Sicherheitsschleusen mussten. Es gibt charmantere Arten, drei Stunden zu verbringen, auch wenn eine kompetente Costa-Mitarbeiterin inzwischen geduldig über die Getränke-Pauschalmöglichkeiten an Bord informierte, die sogleich gebucht wurden.
Nach dem Security-Check (wie auf Flughäfen) geht’s zum Foto-Shooting. Wieder heißt es warten. Jeder Passagier wird mit seinen Daten in ein elektronisches System eingelesen, inklusive Foto. Das alles wird auf der persönlichen Zimmerkarte gespeichert. All diese mühsamen Prozeduren haben aber einen positiven Aspekt: bei den Zwischenstopps der Favolosa, in Dubrovnik und Koppa, war der Landgang ein reines Vergnügen, man spaziert rein und raus, ohne jegliche Grenzkontrollen, nur mit der persönlichen Bordkarte.
Wie überhaupt die gesamte Kreuzfahrt ab Ende der Sicherheitsübung – die Aufzüge waren wieder in Betrieb – zum Aufenthalt im Paradies wurde. Die 3.800 Passagiere verteilen sich auf 290 Metern Länge und 32 Metern Breite, aufgeteilt auf ein Dutzend Decks. Von Massenbetrieb ist keine Spur mehr. Das Entertainment-Programm ist einfach Spitze, vom Show-Abend bis zur Kinder-Disco oder gemütlichen Sit-Inns in einer der 13 Bars. Vom Flair her erinnert das Interieur ein wenig an Las Vegas (nicht zuletzt wegen des Casinos), was aber positiv gemeint ist.
Faszinierend die Abendessen. Die sind gesetzt und sechsgängig. Zwei Turnusse stehen jeden Abend auf dem Plan, einer für Mittel- und Nordeuropäer, Asiaten und Amerikaner (der frühere), der spätere für die Südländer. In keiner Phase spürt man, dass das Servierpersonal unter Zeitdruck arbeitet, obwohl es die nobel gedeckten Tische nochmals und das im Rekordtempo komplett herrichten muss. Alle (das gilt generell für die Mitarbeiter an Bord) sind freundlich, professionell und zuvorkommend, ein Mix aus allen Nationalitäten der Erde.
Frühstück und Mittagessen werden in Buffet-Form eingenommen, die Auswahl ist groß, ebenso die Restaurant-Vielfalt. Sonnendecks gibt es in Hülle und Fülle, Liegen reservieren ist nicht nötig.
Die Außenkabinen auf Deck 9 mit Balkon erwiesen sich als ideal. Wer will, kann aber auch Kabinen mit direktem Zugang zum Samsara-Spa buchen. Betuchte Klientel greift zu den Suiten. Wer sparen will und eine Innenkabine ordert, ist auch nicht schlecht untergebracht. Sie stehen vom Komfort her den teureren Varianten um nichts nach, nur der Blick auf das Meer fehlt, doch der hat bekannter Maßen seine Reize – vor allem bei der Ein- und Ausfahrt der Lagunenstadt Venedig!
Auschecken und Bezahlen waren dann ein Hit: Koffer vor die Tür stellen, Rechnung wird unter dem Türschlitz herein geschoben, fertig. Bezahlt werden alle Extras über die zu Beginn präsentierte Kreditkarte, inklusive Trinkgelder, die automatisch dazugerechnet werden. Zur Kassa muss man nur noch, sollte es eine Reklamation bei der Abrechnung geben. Kein Warten mehr, zum vorgegebenen Zeitpunkt im Theater eintreffen und das war’s schon.
Fazit: ein tolles Schiff, eine beeindruckende Logistik und Organisation, ein exzellentes Produkt. Der Super-Gau zu Beginn ist vergessen bzw. weiß man jetzt, was das nächste Mal vor einer Kreuzfahrt auf einen zukommt. Und – soviel steht fest – es wird ein nächstes Mal geben!
Märchenschloss auf hoher See in Stichworten
Die Costa Favolosa wurde als 15. Schiff der Flotte Anfang Juli 2011 in Dienst gestellt. Die Favolosa ist das vierte von fünf Schiffen mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von 2,4 Mrd. Euro, das zwischen 2009 und 2012 geliefert wird. Alleine kostete sie 420 Mio. Euro und wurde als „Märchenschloss” auf hoher See positioniert. Sie gilt derzeit als das größte Schiff unter italienischer Flagge. Zu den Innovationen an Bord zählen sechs Suiten mit Balkon und privaten Whirlpools sowie der Entertainmentbereich Club Cavallo Bianco samt 4D-Kino etc. Dazu kommen ein Golfsimulator mit Putting Green sowie ein Grand-Prix-Rennwagen-Simulator. Ruhiger geht es im rund 6.000 Quadratmeter großen Samsara Spa zu. Im heurigen Sommer und im Herbst 2011 fährt die Costa Favolosa auf 7-tägigen Routen ab Venedig. Den Winter 2011/2012 verbringt sie in Dubai, im Sommer und Herbst 2012 kreuzt sie wieder durchs östliche Mittelmeer ab/bis Venedig.


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