Nordischer Starfighter unter Europas Billigairlines
Die Norwegian-Story liest sich wie ein spannender Erfolgsroman – an den nächsten Kapiteln wird bereits intensiv geschrieben
Michael O’Leary, Stelios Haji-Ioannou und Joachim Hunold – die drei Namen fallen Kennern umgehend ein, wenn es um Europas Low Cost Airlines geht. Doch Hand aufs Herz: Wer fängt etwas mit Bjørn Kjos an? Es ist jener Norweger, der im Blitztempo seit 2002 die von ihm gegründete Norwegian Air Shuttle zur Nummer vier auf dem Sektor der europäischen Billigairlines gepusht hat (viele bezeichnen Norwegian sogar als Nummer drei, da von ihnen Airberlin mit ihrem Hybrid-Modell nicht mehr dazu gezählt wird). Wie dem auch sei: Norwegian ist spätestens seit der, vorige Woche erfolgten Mega-Bestellung von 222 Mittelstreckenjets größter Herausforderer von SAS um die künftige Vormachtstellung in der Region Nordic (Skandinavien und Finnland) und lehrt selbst Ryanair & Co das Fürchten.
Dem 65-jährigen Bjørn Kjos schien die Fliegerei zunächst in die Wiege gelegt. Sein Vater gründete 1953 die Mini-Airline Norsk Skogbruksfly, die mit einer kleinen Piper Cup unterwegs war. Kjos junior heuerte nach seinem Militärdienst folgerichtig bei der Royal Norwegian Air Force an, inklusive zwei Jahren hard core Training in den USA. Zwischen 1969 und 1975 fungierte er in der Air Force als Lockheed F-104 Starfighter-Pilot.
Danach musterte er ab und wollte in die Zivilluftfahrt. Unbewusst beging SAS damals einen ihrer schwersten Fehler: sie lehnte Bjørn Kjos‘ Bewerbung mit der Begründung ab, derzeit keine zusätzlichen Piloten zu benötigen. Es folgte ein Jus-Studium, Bjørn Kjos wurde Anwalt und Richter. Parallel dazu gründete er mit seinem Bruder Tore Kjos die Read-Gruppe, die sich auf Seismologie für die Erdölindustrie in der Nordsee spezialisierte.
Doch das Fliegen hatte er nicht aus den Augen verloren: Als 1993 die Airline Busy Bee Pleite ging, griff er zu und startete aus der Konkursmasse heraus mit einer gebrauchten Fokker 50 die Norwegian Air Shuttle. Nach knapp zehn Jahren im Regionalbereich erfolgte 2002 die Umwandlung in eine Low Cost Airline mit großen Expansionsplänen. Begonnen wurde mit acht geleasten Boeing 737-300.
Das Geld für das Wachstum holte sich Bjørn Kjos 2003 von der Börse. Mit der von ihm dominierten HBK Invest AS (27,48 % der Anteile) sowie auch als Privatperson über den Streubesitz ist er größter Einzelaktionär. Finnair, von der 2007 FlyNordic gekauft wurde, ist mit 4,77 Prozent beteiligt. Die Aktie hat ihren Wert seit 2004 von 3 Euro auf zuletzt 9,35 Euro verdreifacht. Allerdings lag der Höchstwert Mitte 2009 mit 20 Euro schon einmal um einiges höher.
Das Wachstum ist gigantisch. 2010 wurde mit bereits 53 Flugzeugen, 97 Zielen in Europa, Nordafrika sowie dem Mittleren Osten und 13 Millionen Passagieren (zum Vergleich: SAS kam damals auf 25 Millionen Fluggäste) ein Umsatz von umgerechnet 1,121 Mrd. Euro erwirtschaftet, was mehr als einer Vervierfachung gegenüber 2005 entsprach, dem ersten Jahr mit Gewinn. Das EBIT (Ergebnis vor Zinsen und Steuern) erreichte 2010 rund 27,4 Mio. Euro, im Jahr davor waren es sogar 74,6 Mio. Euro. Euro.
2011 setzte sich der Höhenflug fort: die Passagierzahlen kamen bei 15,7 Millionen zu liegen (plus 20,7 % gegenüber 2010; zum Vergleich: SAS wuchs im Vorjahr um 7,8 %). Die Norwegian-Flotte hält nun bei 63 Jets. Per Ende September erreichte das EBIT umgerechnet 65,5 Mio. Euro, eine Verdoppelung gegenüber 2010.
Einige weitere interessante Kennzahlen: der Anteil der Ancijllary Services am Umsatz liegt bei derzeit 11 Prozent, 15 Prozent sind das Ziel. Seit 2005 kletterte der Anteil an internationalen Verkäufen von 75 Prozent auf 87 Prozent nach oben. Mehr als vier Fünftel (82 Prozent) der Tickets werden über Internet gebucht. Der Ladefaktor lag 2010 um die 77 Prozent, in den Jahren davor bewegte er sich zwischen 78 und 80 Prozent. 2011 stieg der Ladefaktor wieder auf 79 Prozent. Norwegian ist mit geplanten Einheitskosten für 2012 in Höhe von 5,7 Cent pro ASK (Available Seat Kilometres) unterwegs.
Die Airline operiert von Basen in Oslo, Stockholm und Kopenhagen sowie neuerdings auch von Helsinki aus. Norwegian fliegt in Österreich Wien (ab Ende August 2009 zunächst je nach Oslo und Kopenhagen, im Winterflugplan keine Flüge, im Sommer 2012 nach Oslo) und Salzburg an (seit 2005 im Winter, heuer sechs Destinationen in Skandinavien, zum Teil zweimal pro Woche). Für 2012 ist für das Gesamtunternehmen ein Wachstum von 15 Prozent gemessen an den ASK geplant. In diesem Tempo dürfte es in den kommenden Jahren weitergehen. Bis 2016 würde sich Norwegian damit verdoppeln, bis 2019 von der Größe her verdreifachen. Ein Tempo, bei dem sogar ein Michael O’Leary alt aussieht. Bjørn Kjos wird spätestens dann mit ihm in einem Atemzug genannt werden.
Die 4 Big-Player in der Region Nordic
| Airline | SAS Group *) | Norwegian | Finnair | Ryanair |
| Marktanteil Region Nordic |
35,60% | 18,70% | 9,70% | 6,80% |
| Umsatz 2010 (Mio. €) |
4.579,9 | 1.121,0 | 2.023,0 | 3.629,5 **) |
| Umsatzwachstum 2011 ***) |
2,73% | 19,4% | 11,5% | 21,4% |
| EBIT 2010 (Mio €) |
-344,1 | 27,4 | -13,0 | 488,2 **) |
| EBIT Veränderung 2011 ***) |
turnaround | 107,0% | -570,10% | 32,0% |
| Passagiere 2011 in Tsd. |
27.206 | 15.698 | 8.013 | 76.400 |
| Passagierfaktor 2011 |
73,4% | 79,0% | 61,8% | 82,0% |
| Flotte (Stand Jän. 2012) |
177 | 63 | 69 | 283 |
| davon Kurz- & Mittel. + Charter | 166 | 63 | 54 | 283 |
| davon Langstrecke |
11 | 0 | 15 | 0 |
| *) inkl. Blue1 Widerøe; **) 2010/2011; ***) per Ende Q3 | ||||


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