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Streik (?) in Wien, Showdown im Norden

Fanal am Luftfahrthimmelkjos1web

Das zeitliche Zusammentreffen war Zufall, ist aber ein Hinweis darauf, wie hierzulande die Uhren (noch) anders ticken: während das fliegende AUA-Personal in Wien mit einer Betriebsversammlung signalisierte, keinen Millimeter von seinem anachronistischen Kollektivvertrag abrücken zu wollen, ließ in Skandinavien Norwegian Air mit der größten Flugzeug-Bestellung aufhorchen, welche jemals in Europa getätigt wurde (222 Boeing- und Airbus-Jets plus Option auf 150 weitere). Hintergrund ist die finale Auseinandersetzung um die Vormachtstellung im Norden des Kontinents. Gegenüber stehen sich dabei der extrem wachsende Low Cost Carrier Norwegian, die nach einem Kraftakt sondergleichen finanziell wieder gesundete SAS sowie Ryanair als aggressiver Eindringling von außen, die Skandinavien als wichtigsten Expansionsraum der kommenden Jahre ansieht und dort 50 ihrer 300 in dieser Dekade zur Auslieferung anstehenden Flugzeuge in die Schlacht werfen wird. Der Fight zwischen AUA und Airberlin/Niki in Wien mutet im Vergleich dazu an wie eine Fingerübung.
Was sich in Skandinavien derzeit abspielt und in den zurückliegenden Jahren aufgebaut wurde, widerlegt auch die Behauptungen von Austrian-Vorstand Andreas Bierwirth, dass „keine andere Airline auf ihrem Heimathub mit einer so massiven Low Cost-Konkurrenz belastet“ sei, wie die AUA: SAS hat bekanntlich deren drei (Stockholm, Oslo und Kopenhagen) und sieht sich in allen drei Hubs massiv von Norwegian bedrängt. In Kopenhagen-Kastrup noch am geringsten (Anteil SAS 31,1 %, Norwegian 15,4 %, gemessen an den wöchentlichen Sitzkapazitäten), in Stockholm Arlanda lautet das aktuelle Verhältnis 29,4 zu 23,2 Prozent, während in Oslo Norwegian bereits die Nr. 1 Position erobert hat mit 42,5 Prozent gegenüber 33,7 Prozent der SAS.

SAS ist wie erwähnt ein beeindruckender Turnaround gelungen. Das vor drei Jahren in Gang gesetzte Restrukturierungsprogramm „Core SAS“ zeigte 2011 erstmals voll seine Wirkung. Zwar werden die endgültigen 2011er Zahlen erst am 8. Februar präsentiert, doch der Bericht vom Ende des 3. Quartals ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Musste SAS per Ende September 2010 noch ein negatives EBIT (Ergebnis vor Zinsen und Steuern) in Höhe von umgerechnet -292,2 Mio. Euro verbuchen, so konnte der neue CEO Rickard Gustafsson für den Zeitraum Jänner bis September 2011 mit 50,38 Mio. Euro erstmals seit 2007 ein deutlich positives EBIT vermelden.

Das Programm „Core SAS“ ist aus österreichischer Sicht besonders interessant: Anfang 2010 kam es zu einer Einigung mit dem fliegenden Personal bezüglich eines neuen Kollektivvertrages (KV), wodurch umgerechnet mehr als 56 Mio. Euro pro Jahr eingespart werden. Wie berichtet, sollen bei dem vom AUA-CEO Jaan Albrecht präsentierten Restrukturierungsprogramm die Mitarbeiterkosten durch neu Ausverhandeln der KVs 43 bis 48 Mio. Euro pro Jahr eingespart werden, wobei das fliegende Personal nur einen Teil davon ausmacht.

Zurück zur SAS: Durch alle gesetzten Maßnahmen konnten die Einheitskosten seit 2008 um 23 Prozent gesenkt werden, nahezu 7 Prozent pro Jahr. Darauf aufbauend wurde im Sommer 2011 unter der Bezeichnung „4Excellence“ das Folge-Programm zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit vom Stapel gelassen. Es sieht die weitere Senkung der Einheitskosten zwischen 3 und 5 Prozent pro Jahr bis 2015 vor. Ohne diesen Sanierungskurs hätte SAS nicht den Funken einer Chance zum Überleben. Denn das Wasser, das ihr durch Norwegian Air Shuttle bereits abgegraben wurde, ist enorm. Im Oktober 2001 kam SAS (inklusive ihrer Low Cost Töchter Widerøe and Blue1) in der gesamten Region Nordic gemessen an den Kapazitäten nur noch auf einen Marktanteil von 35,6 Prozent (vor einer Dekade waren es mehr als 50 %), Norwegian hielt bereits bei 18,7 Prozent. Hinter Finnair (Nr. 3) mit 9,7 Prozent liegt bereits Ryanair mit 6,8 Prozent.

SAS gingen nicht nur Marktanteile, sondern auch Passagiere verloren: 2005 waren es noch 32 Mio. pro Jahr, davon blieben 2010 noch 25,2 Mio. Auf viele von ihnen hat SAS im Zuge der Restrukturierung freiwillig verzichtet: Ertrag ging – anders als offensichtlich zuletzt bei der AUA – vor Passagierzahlen. 2011 kam es wieder zu einem Plus um 7,8 Prozent auf 27,2 Mio.

Zwar wird dem Markt Nordic (Skandinavien plus Finnland) bis 2020 ein Wachstum auf dann 134 Mio. Passagiere pro Jahr vorausgesagt (2010 waren es rund 90 Mio, davon 32 Mio im Corporate Segment, der Rest Leisure), doch während der Corporate-Sektor bis dahin auf 42 Mio Passagiere anwachsen wird (plus 2,7 % pro Jahr), sollte der Leisure-Bereich von 57 auf 91 Mio. (jährliches Wachstum von 4,8 %) fast doppelt so stark zulegen. Dort geht es bekanntlich um jeden Cent.

Norwegian unter Führung ihres CEO, Großaktionärs und Erfolgsunternehmers Bjørn Kjos lässt mit ihrem Groß-einkauf (100 Airbus A320neo, 100 Boe- ing 737 MAX8, 22 Boeing 737-800) keinen Zweifel daran, dass sie sich ein riesiges Stück von diesem Marktwachstum sichern will. Die erst seit 2003 als Low Cost Airline operierende Fluggesellschaft (davor Regional-Anbieter) wächst mit rasendem Tempo, abgesichert durch solide Gewinne. Mehr über diese Erfolgsstory unter: "Nordischer Starfighter unter Europas Billigairlines".

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