Was macht TUI anders?
Travel PLC brilliert, Cook schmort
Wenn der seit Ende November amtierende Chairman der Thomas Cook PLC Frank Meysman dieser Tage die britischen Tageszeitungen durchblättert, dürfte ihm das Lächeln gefrieren. Ursache sind jene großformatigen Anzeigen, welche der große europäische Rivale, die TUI Travel PLC, in den Printmedien des Landes platzieren ließ. „Möglicher Weise macht ein anderes Reiseunternehmen derzeit Erfahrungen mit Turbulenzen, wir hingegen befinden uns in großartiger Form“ wird darin in großen Lettern verkündet. Die Briten waren eben immer schon grandios mit ihren Werbeslogans. Diesmal passten bei TUI Travel nicht nur die Anzeigen-Sujets, sondern auch die Zahlen, die CEO Peter Long am Montag dieser Woche für das Geschäftsjahr 2010/2011 (per Ende September) bekannt gab und damit so ziemlich alle Marktbeobachter überraschte. TUI Österreich, so Peter Long, lieferte (ebenso wie Kanada, Belgien, Holland und die Nordischen Länder) sogar ein Rekordergebnis ab.
Nach dem arabischen Frühling, der Dreifach-Katastrophe in Japan, Euro-Krise und schwächelnder Wirtschaft in zahlreichen Kernmärkten (allen voran Großbritannien selbst) hatte wohl niemand mit starken Zahlen gerechnet. Schon gar nicht, nachdem die Thomas Cook PLC Ende vorigen Monats mit Meldungen über einen bevorstehenden Liquiditätsengpass geschockt hatte, die für 24. November angekündigten Zahlen für das Geschäftsjahr 2010/ 2011 vorerst weiter unter Verschluss hält und ankündigte, rund 200 der 1.011 Reisebüros in Großbritannien schließen sowie 6 der 41 Flugzeuge grounden zu wollen. Der Aktienkurs stürzte um 70 Prozent in den Keller und fand erst wieder Halt, als die Cook-Hausbanken Barclays, HSBC, RBS und UniCredit dem Reisekonzern weitere 200 Mio. Pfund an Finanzmitteln zur Verfügung stellten, vorerst mit einer Frist bis April 2013.
Für die TUI Travel PLC waren die Erwartungen entsprechend niedrig angesiedelt. Doch dann kam alles anders. Laut Peter Long kletterte der Umsatz um 9 Prozent auf 14,687 Mrd. Pfund (17,09 Mrd. Euro), der bereinigte operative Gewinn schnellte um 18 Prozent auf 471 Mio. Pfund (548,3 Mio. Euro) nach oben und der bereinigte Gewinn vor Steuern um 25 Prozent auf 360 Mio. Pfund (419,1 Mio. Euro).
Der tatsächliche Gewinn vor Steuern drehte von minus 73 Mio. Pfund auf heuer plus 144 Mio. Pfund (167,6 Mio. Euro). Ebenso wurde ein Cash-Flow-Rekord erwirtschaftet, der mit 451 Mio. Pfund (525 Mio. Euro) um ein Drittel über dem Vorjahreswert zu liegen kam. Peter Long: „Und das trotz der Herausforderungen durch das geopolitische und makroökonomische Umfeld.“
Da stellt sich – vorerst noch ohne Kenntnis der Thomas Cook PLC Zahlen (Analysten erwarteten hohe Abschreibungen; im Vorjahr hatte der Konzern mit einem Umsatz von 8,89 Mrd. Pfund / 10,299 Mrd. Euro ein operatives Plus von 167 Mio. Pfund / 193,5 Mio. Euro erzielt) – zwangsläufig die Frage, was die TUI Travel PLC anders macht. Beide Konzerne sind bekanntlich mehr oder weniger in denselben Quell- und Zielmärkten tätig, verfügen über einen eigenen Vertrieb, eigene Airlines etc.
Die Antworten lieferte Peter Long zum Teil selbst. So konnte TUI im überaus schwierigen britischen Quellmarkt mit ihren Marken Thomson und First Choice sowohl Umsatz als auch Profitabilität steigern, im Gegensatz zu Thomas Cook, der heuer in UK kräftig Federn lassen musste. Long begründete die TUI-Stärke mit einer größeren Online-Präsenz und dem hohen Anteil an „differenzierten Produkten“, die bei keinem anderen Anbieter buchbar sind. Mit Marken wie „Holiday Village“ (bei einer der Anlagen handelt es sich um den früheren Magic Life Club Manar) und „Thomson Couples“ verfügt TUI-UK über viele exklusive Anlagen.
Zu guter Letzt spielt auch die demographische Struktur der Kunden eine Rolle: TUI ist hier breiter aufgestellt, während Thomas Cook in UK vor allem von jungen Familien gebucht wird, die am stärksten unter der Wirtschaftskrise leiden. Im Gegensatz zu TUI Travel (6,6 Millionen Passagiere UK, Irland und Nordic) ist die Thomas Cook PLC mit 7,8 Millionen Passagieren deutlich stärker vom Quellmarkt UK (und den nordischen Ländern) abhängig, während bei TUI der Kontinent mit 13 Millionen Passagieren dominiert. Thomas Cook kommt in Kontinental-Europa nur auf 6,7 Millionen Passagiere. Die Folge von all dem war, dass Cook durch diese UK-Dominanz heuer eine Durststrecke durchmachen musste und bereits im Sommer einige Gewinnwarnungen absetzte. Jetzt gilt es das Vertrauen der Konsumenten (TUI profitierte in den zurückliegenden Wochen von den Cook-Meldungen) und Investoren wieder zurückzuerlangen.
Zurück zur TUI Travel: zum guten Ergebnis steuerten das Heben weiterer Synergien im Konzern sowie ein erfolgreicher Turnaround 66 Mio. Pfund bei. Akquisitionen, wie jene von Magic Life – das Peter Long explizit erwähnte – verbesserten das Ergebnis um 14 Mio. Pfund (16,3 Mio. Euro). Stärkere Verkäufe schlugen mit plus 23 Mio. Pfund beim Ergebnis durch.
Doch auch bei TUI Travel lief heuer nicht alles nach Wunsch. Die Verluste im französischen Veranstalter-Geschäft rissen ein Loch von 50 Mio. Pfund, Ägypten und Tunesien ein weiteres von 25 Mio. Pfund (die Verluste in Frankreichs Outgoing nicht berücksichtigt, diese sind in der vorher genannten Position enthalten).
Jetzt wartet alles gespannt auf die Thomas Cook-Ergebnisse. Deren Aktien-Kurs notierte am Dienstag dieser Woche mit 0,196 Euro bei fast exakt einem Zehntel von jenem der TUI Travel mit 1,98 Euro. Am kommenden Montag folgt noch der Geschäftsbericht der TUI AG (mit 55,47 Prozent größter Aktionär der TUI Travel PLC). Die wurde dienstags erneut von ihrer Vergangenheit eingeholt: aufgrund eines Urteils des Bundesgerichtshofs müssen die Gläubiger-Forderungen des 2002 Pleite gegangenen Maschinenbauers Babcock Borsig neu verhandelt werden. Es handelte sich um eine TUI-Tochter (noch aus Zeiten, als diese Preussag hieß) und es geht um 171 Millionen Euro.


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