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Überlebenskünstler Reisebüro: Untergang abgesagt

Zukunft wird positiv eingeschätzt - für Kunden zählen Zeitersparnis und Sicherheit 2077_webs1

Oft wurden sie tot gesagt, dies- und jenseits des Atlantiks. Doch sie sind nach wie vor da und so wie es aussieht, werden sie dies auch weiterhin tun: „Wir haben viel mitgemacht, vom Commission-Cut über Internet, die Dot.com-Blase und 9/11 bis zur Finanz- und Wirtschaftskrise. Jene Reisebüros, die all das überlebt haben, sind für alles gerüstet“, betonte ein selbstbewusster Greg de Clemente, COO der in New York beheimateten Agentur Courtyard Travel (Teil der 900 Mio. US-Dollar umsatzstarken Tzell Travel Group), bei seinem Eingangsstatement anlässlich der Reisebüro-Podiumsdiskussion zum Auftakt des Travel Symposiums der Österreich Werbung (ÖW) Mitte Oktober in Manhattan. Jeder seiner acht anwesenden Kollegen stimmte ihm zu und ist auch bezüglich der kommenden schwierigeren Zeiten zuversichtlich, denn „die, die reisen, haben Geld.“ Es sieht also nicht schlecht aus für die US-Reisebüros. Und da so gut wie jede wirtschaftliche Entwicklung jenseits des großen Teiches mit Zeitverzögerung auch nach Europa kommt, war es für T.A.I. naheliegend, sich eingehender mit der aktuellen Lage des stationären Vertriebs in den USA zu beschäftigen.

Am auffälligsten in Nordamerikas Reisebüro-Szene ist die Dominanz der Gruppierungen und Konsortien, denen die Mehrheit der Agenturen angehört bzw. die diese ab Ende der 1990er Jahre gegründet haben (viele der großen Organisationen stehen im Besitz ihrer Mitglieder). Die harte Auslese hatte vor der Jahrtausendwende stattgefunden: „Vor 15 Jahren wurde der stationäre Vertrieb tot gesagt“, erzählt Michael Gigl, Region Manager der Österreich Werbung (ÖW) für Nordamerika und Australien. Gigl: „Früher gab es über 35.000 Reisebüros in den USA, jetzt sind es rund 15.000. Dazu kommen noch viele Home Offices.“

Der ÖW-Manager hat die Zahlen gut im Kopf: Laut Airlines Reporting Corporation (ARC) sind in den USA rund 9.400 Reisebüro-Unternehmen an knapp 15.700 Filial-Standorten vertreten (Stand März 2010). Nicht enthalten in dieser Statistik sind reine Leisure-Reisebüros, die keinerlei Flüge buchen. Zusammen beschäftigen die erfassten Unternehmen gemäß ARC mehr als 105.000 Mitarbeiter. Dazu kommen einer Schätzung von PhoCusWright zufolge 30.000 unabhängige „Contractors“, die von zu Hause aus Reisen verkaufen. Das Internet wurde da wie dort mehr und mehr vom Recherche- zum B2B-Buchungs-Tool.

Jene, die überlebt haben, schafften dies durch die Abkehr vom Verkauf über den reinen Preis (George de Clemente: „If you compete on price, you die on price.“), Fokussierung auf die Servicekomponente und Bündelung der Kräfte unter den Dächern der erwähnten großen Reisebüro-Gruppierungen und Konsortien. Diese verzeichnen weiterhin einen starken Zuwachs. Das Fachmagazin „Travel Agent“ schrieb in seiner Ausgabe Ende September von einem „Boom trotz der wirtschaftlichen Probleme der USA.“ Konkrete Zahlen sind nur schwer zu eruieren, da keine dieser Firmen – mit Ausnahme von American Express, aber dieser Konzern hält sich ebenfalls bedeckt – an den Börsen notiert und deshalb keine fundamentalen Daten veröffentlicht werden. Für einige der wichtigsten Gruppierungen liegen dennoch aktuelle Werte vor.

Signature Travel Network – einer der ganz Großen (de Clementes Courtyard Travel gehört dazu) – wuchs heuer um 18 Mitglieder mit 30 Locations auf nunmehr 202 Mitgliedsbetriebe mit 375 Standorten an. Signature ist damit aktuell in 38 US-Bundesstaaten und vier kanadischen Provinzen vertreten. Die konkurrierende Ensemble Travel Group wuchs seit Jahresbeginn um 67 Mitglieder (darunter 42 in Kanada) auf nunmehr 850 Unternehmen in beiden Ländern.

Um nur neun zusätzliche Reisebüros aber mit einem Umsatz von 205 Mio. US-Dollar konnte die Travel Leaders Franchise Group bis Oktober anwachsen. Vacation.com – einer der größten in den USA – spricht im Vergleich dazu von 300 neuen Mitgliedern, die heuer erreicht werden dürften (bis Ende September waren es 271 neue), womit die Gesamtzahl auf über 5.000 Reisebüros anwachsen soll.

Unter dem Dach der Gruppierungen und Konsortien geht es den Reisebüros gut. So berichtet Signature von einem Umsatzanstieg um 19 Prozent in den zurückliegenden zwölf Monaten, alle Mitglieder zusammen bringen es bereits auf rund 5 Mrd. US-Dollar Jahresumsatz. Der Gesamtumsatz der Travel Leaders Franchise Group erreichte 2010 im Vergleich dazu nur rund 2,35 Mrd. US-Dollar. Zusammen mit dem Mutter-Konzern Travel Leaders Group (6.400 Locations, seit heuer gehört auch Vacaiton.com dazu) sind es allerdings gigantische 16,62 Mrd. US-Dollar.

Virtuoso – laut Michael Gigl auch in Australien, UK und Lateinamerika stark vertreten – erreichte 2010 rund 9,6 Mrd. US-Dollar Umsatz (plus 31,1 Prozent), erwirtschaftet durch 300 unabhängige Mitgliedsreisebüros an 650 Standorten in 22 Ländern.

So stolz diese Zahlen auch klingen, sie dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die US-Reisebüros mehr als anspruchsvolle zehn Jahre hinter sich haben. Wie Roger Dow, Präsident der U.S. Travel Association, Ende August dieses Jahres im Zuge einer Tourismuskonferenz betonte, wurde die Reiseindustrie der Vereinigten Staaten von den 9/11 Terroranschlägen 2001 „nachhaltiger und schwerer getroffen, als jeder andere Sektor. Wir lagen innerhalb einer Stunde komplett am Boden.“ Das Gesamtvolumen im Bereich Business Travel ging zwischen 2000 und 2010 um 21 Prozent zurück, wozu auch die Finanz- und Wirtschaftskrise in den späten 2000er Jahren beigetragen hatte.

Besser entwickelte sich hingegen der Bereich Leisure Travel, der sich damit gegenüber den Geschäftsreisen als weit widerstandfähiger erwies. Er legte in der letzten Dekade – trotz einiger rückläufiger Jahre – um 17 Prozent zu. Bis 2014 sollte das Wachstum laut Roger Dow 2 Prozent pro Jahr betragen.

Die Trends der Konsumenten sind jenen in Europa ähnlich: der Preis spielt eine starke Rolle, ebenso möglichst einfaches Buchen, das immer kurzfristiger erfolgt. Das Warten auf Schnäppchen ist Standard. Wobei viele Online-Bucher wieder den Weg zurück ins Reisebüro gefunden haben, nicht zuletzt um Zeit zu sparen (Eigenrecherchen erfordern bekanntlich einen hohen Aufwand) und eine auch nach allen Sicherheitsaspekten optimale Reise zusammengestellt zu bekommen.

Die Umsetzung der Null-Provision ab 2002 hat zwar zu einer Konsolidierung geführt, doch die Zahl der Reisebüros ist – nach dem dramatischen Fall ab Mitte der 1990er Jahre – mehr oder weniger stabil geblieben. Gegenstrategien waren Spezialisierung oder die Entwicklung von Zusatzleistungen, die Administration und Optimierung von Vielfliegerprogrammen für die Kunden.

2009 arbeiteten bereits 91 Prozent aller Agenturen mit Service-Fees, ein Drittel mehr als zehn Jahre davor. Im Durchschnitt werden 36 US-Dollar für Flugleistungen berechnet. Dazu kommen Gebühren für das Ausarbeiten von Reiseprogrammen, für Mietwagen- und Hotel-Only-Reservierungen.

Der Anteil am gesamten touristischen Geschäft ist gar nicht so klein: gegenwärtig werden 85 Prozent aller Kreuzfahrten von US-Amerikanern über Reisebüros gebucht, 70 Prozent aller Tours und Packages, 50 Prozent aller Flugtickets, 30 Prozent aller Hotelaufenthalte und 25 Prozent aller Mietwagen. ÖW-Manager Michael Gigl: „Von den Europa-Reisen werden rund 30 Prozent über Reisebüros gebucht, der Großteil davon als Packages von Reiseveranstaltern.“

Für die Zukunft sind die Reisebüros trotz der turbulenten wirtschaftlichen Zeiten zuversichtlich. „Die Kunden reisen und sie geben mehr aus, nach dem Motto ‚wir können’s eh nicht mitnehmen‘“, beschrieb Michael Holtz, Inhaber von Smart Flyer (seit dem Vorjahr Mitglied von Virtuoso, Büros in N.Y., Washington und L.A.), bei der ÖW-Podiumsdiskussion die aktuelle Situation. Laut Robins Fox, Chef der 1924 in Manhattan gegründeten Pisa Brothers Travel und heute Teil der 200 Mio. US-Dollar Umsatzstarken Worldview Travel, werden „mehr exotische Destinationen gebucht und es wird viel Geld dafür ausgegeben.“

Wobei Jack Bloch, Inhaber der 1977 gegründeten Agentur JB’s World Travel Consultants, zu bedenken gibt, dass es der „Reiseindustrie in ihrer Gesamtheit nicht so rosig geht, aber die 10 Prozent der Reisebüros im High-End-Bereich eine gute Entwicklung verzeichnen.“ Insofern symbolisierten die Teilnehmer der ÖW-Podiumsdiskussion keinen repräsentativen Querschnitt durch die gesamte US-Reisebüroszene – was sie auch gar nicht sollten. Gigl: „Wir konzentrieren uns bewusst auf den Qualitäts- und High-End-Bereich.“

Bloch: „In dieser Kundengruppe gab es in den letzten zwei Jahren keine Rückgänge, sie sind auch jetzt nicht beunruhigt – das war 2008 (Anm.d.
Red: Lehman-Pleite) anders.“ Es gebe, so Bloch weiter, 150 bis 200 Plätze in der Welt, zu denen die Kunden gerne hinwollen, und – für die Reisebüros entscheidend – „sie schauen im Internet und buchen bei uns – nicht zuletzt auch aus Gründen der Sicherheit.“ Keine schlechten Aussichten also für den gehobenen Vertrieb jenseits des Atlantiks und damit – wie eingangs erwähnt – auch für Europa. Was Österreichs Incoming davon zu erwarten hat, darüber mehr in der kommenden T.A.I.

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